Ein Tick anders

Andi Rogenhagen beweist in seiner Komödie über eine Tourette-Patientin stilistisches Talent und schlechten Geschmack, wenn er eher über sie als mit ihr lacht.

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In einer South Park-Folge täuscht Cartman vor, das Tourette-Syndrom zu haben, um Menschen in seiner Umgebung ungestraft anschreien und beleidigen zu dürfen. Erst als sich die simulierte Krankheit verselbstständigt und Cartman tatsächlich die Kontrolle über sich und seine Äußerungen verliert, stellt er fest, dass Tourette kein Synonym für Spaß, sondern für Leid ist. Andi Rogenhagen hingegen hält es für ziemlich lustig, wenn die Teenagerin Eva (Jasna Fritzi Bauer) „Kinderficker“, „Fotze“ oder – mehrfach – „Heil Hitler“ schreit. Nun mag es psychologisch in der Tat faszinierend sein, dass Betroffene oft ausgerechnet mit tabuisierten Begriffen um sich werfen, statt positive oder neutrale Worte zu rufen. Rogenhagens Komödie Ein Tick anders aber reduziert das Tourette-Syndrom auf den zwanghaften Schimpfwörtergebrauch, obwohl die Krankheit viele andere Symptome beinhaltet und längst nicht alle Patienten Koprolalie-Tics aufweisen. Der Film geht kaum auf das psychische Leiden ein, das durch die soziale Ausgrenzung der Kranken entsteht, sondern zeigt eine Hauptfigur, die ihren pathologischen Kontrollverlust locker und mit einer real wohl kaum zu erreichenden Portion Humor nimmt. Indem seine Komödie jene schwere Last, die das Tourette-Syndrom für Betroffene zumeist bedeutet, einfach übertüncht, nimmt Rogenhagen die Kranken nicht nur nicht ernst. Sondern – und das ist das zentrale Problem – er beutet die neurologische Störung für billige Witze aus, die dem „Lachen über“ näher stehen als dem „Lachen mit“.

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Die junge Eva leidet unter „Schluckauf im Gehirn“, wie sie es nennt, und hat daher stets ein Kühlkissen für den Kopf dabei, das zwischenmenschliche Katastrophen verhindern helfen soll – schließlich muss sich jeder neue Bekannte Evas erst mal daran gewöhnen, als „Arschlicht“ oder „Türkensau“ beschimpft zu werden, ohne dass dahinter eine böse Intention steckte. Wegen des bis zum Mobbing reichenden Unverständnisses ihrer Klassenkameraden hat Eva die Schule geschmissen und lebt quasi ohne Freunde, dafür aber mit einer liebevollen Familie, deren Mitglieder allerdings ausnahmslos Karikaturen gleichen. Der beleibte Vater (Waldemar Kobus) verschweigt seine Arbeitslosigkeit und verbringt seine Tage im Wald, die Mutter (Victoria Trauttmansdorff) ist konsumsüchtig, der Onkel (Stefan Kurt) ein großes Kind, und die schrullige Oma (Renate Delfs) hat einen Waffenfetisch. Als der Vater einen neuen Job in Berlin findet und die Familie aus der beschaulichen Kleinstadt in die Metropole ziehen soll, bekommt es Eva mit der Angst zu tun – Angst vor den vielen Menschen und der ungewohnten Umgebung. Also muss der Umzug mit allen Mitteln verhindert werden, sei es mit störungsbedingt rasch beendeten Bewerbungsgesprächen, einem Popstar-Casting oder einem Banküberfall.

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Ein Tick anders arbeitet mit einem ausführlichen, mitunter übererklärenden Voice-over-Kommentar Evas, der zudem inkonsequenterweise von Tourette-Anfällen frei ist. Die durchaus amüsanten, wenn auch ethisch problematischen Witze des Films wirken oft zu konstruiert, schließlich ist ihre Komik davon abhängig, dass Eva im falschen Moment das exakt passende Falsche sagt. Dass sich der Film so sehr auf das gesprochene Wort konzentriert, ist schade, denn sein größtes Potenzial steckt merklich im Visuellen. Das beginnt mit überraschenden Aufsichten und durch Industrierohre gefilmten horizontalen Kamerafahrten, setzt sich fort in Einstellungen, die geduldig in der nuancierten Mimik der Protagonisten lesen, und endet noch lange nicht in schönen Beobachtungen, wie zum Beispiel, wenn Eva ihren Vater umarmt, die Mutter hinzutritt und das schmächtige Mädchen zwischen ihnen fast zerquetscht wird. Besonders beeindruckend sind die Genrefilm-Elemente, die Rogenhagen parodistisch einstreut, als Eva von ihrer Therapeutin Albträume bekommt oder einen Horror-Trip durchleidet, während sie einen Anfall zwanghaft zu unterdrücken versucht. Auch die visualisierten Fantasien Evas sind stilistisch schön umgesetzt und sorgen für manchen Lacher jenseits des Fäkal-und-Sexual-Humors der Schimpfwörter-Szenen. Retten kann all dies den Film indes nicht, schließlich steckt sein größtes Problem nicht etwa im stilistischen oder narrativen Bereich, sondern im ethisch fragwürdigen Umgang mit einer Behinderung als Quelle von Unterhaltung.

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Nach vincent will meer (2010) ist Ein Tick anders bereits der zweite deutsche Kinofilm innerhalb von zwei Jahren, der sich mit dem Tourette-Syndrom befasst. Dass die nicht eben für ihre Political Correctness bekannte Animations-Serie South Park mehr Geschmack und Tiefgang im Umgang mit diesem Thema beweist als ein von Arte geförderter Autorenfilm, ist kein gutes Zeichen. Rogenhagen nutzt die Krankheit als komödiantisches Zündwerk, geht auf das Leiden jedoch nur sehr oberflächlich ein und nimmt ihm mit schlichten Witzen und einem kitschigen Happy End den Ernst, den es für die Betroffenen bedeutet. Das stilistische Talent des Regisseurs und sein Hang zu seichter Unterhaltung wären in einem emotional weniger belasteten Themenkomplex sicher besser aufgehoben gewesen.

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Kommentare


CK

Komischerweise teilen die Gesellschaften, die sich mit der Krankheit beschäftigen Ihre Ansicht nicht, sonst würde der Film nicht auf allen einschlägigen Web-Portalen beworben werden.


M.G.

danke für diese klaren Worte. Ich verstehe auch nicht, warum man wirbt und nicht kritisch hinterfragt...., kann das im Interesse aller Betroffenen sein?


HB

Mag es sein, daß der Umgang mit Behinderungen in einer Komödie diskutierbar ist aber, abgesehen davon, die Leistung der junge Schauspielerin ist einfach fantastisch.


CH

Ich bin selbst recht stark vom Tourette-Syndrom samt der sog. Koprolalie betroffen, habe den Film gesehen und viel gelacht. Ich teile die Einschätzung in Ihrem Artikel überhaupt nicht - im Gegenteil: wundervoller Film, der komödiantisch eine Geschichte über Liebe, Familie und Zusammenhalt erzählt und der sich quasi dem "Stilmittel" Tourette-Syndrom bedient um unter anderem klarzumachen, dass die Hauptfigur mit ausgeprägten Tics wahrscheinlich die "Normalste" von allen Dargestellten ist. Und wer sagt eigentlich, dass über Tics und deren häufige Situationskomik nicht auch MIT dem Betroffenen ausgiebig und eben ehrlich gelacht werden darf? Der Film ist absolut sehenswert!


Sabina

"Der Film geht kaum auf das psychische Leiden ein, das durch die soziale Ausgrenzung der Kranken entsteht (...) Indem seine Komödie jene schwere Last, die das Tourette-Syndrom für Betroffene zumeist bedeutet, einfach übertüncht, nimmt Rogenhagen die Kranken nicht nur nicht ernst. Sondern (...) beutet die neurologische Störung für billige Witze aus, (...)

Zum ersten Mal in meinem (Internet-)Leben sehe ich mich hier genötigt, einen Kommentar zu schreiben:

Diese Kritik suggeriert, dass alle Behinderten / Kranken schwerstmöglich zu jedem Zeitpunkt an ihrer Krankheit zu leiden haben. Was ist mit Downsyndrom-Patienten? Dürfen diese Erkrankten dann auch kein glückliches, zufriedenes oder gar erfülltes Leben leben? Was ist mit Rheuma-Erkrankten? Müssen die auch aufgrund krankheitsbedingt deformierter Gelenke dauerhaft nur leiden, oder dürfen sie am Leben noch Spass empfinden?
Ich finde es selbstgerecht und erschreckend, darüber urteilen zu wollen, dass Kranke/krankheitshalber Behinderte auch in ihrer Selbstwahrnehmung dauerhaft an sich zu leiden haben.
Es ist ja gerade der Charme dieser Komödie, dass sie nicht nur differenziert zeigt, dass Tourette-Erkrankte nicht eine endlose Aneinanderreihung von extern wahrnehmbaren Krankheitssymptomen leben, sondern eben auch ganz normale Menschen sind, die in ihrem Leben planen, entscheiden, und an denen von Dritten durch Unwissen, Desinteresse, Fürsorge und Zuneigung und allen anderen menschlichen Beweggründen manipuliert und gedreht und gezogen wird.
In diesem Film konnte man die Entwicklung einer Jugendlichen zur selbstbestimmten jungen Frau mit eigenem Kopf und teils zufälliger, teils gesteuerter Lebensplanung sehen. Viele dieser Elemente spielen sich in anderen Familien ebenso ab.
Ich glaube nicht, dass man einer Komödie vorwerfen sollte, dass sie sich ernster Themen humoristisch annimmt. Und ich glaube auch nicht, dass ernste Themen nur dramatisch präsentiert werden dürfen. Sonst müssten wir auch alle politischen Kabarettisten mit Berufsverbot belegen, oder?


ET

Einseitig auf die Koprolalie (unkontrolliertes Aussprechen von Tabuwörtern) fixierter Film, nur ca. 10-20% der Tourette-Betroffenen müssen damit zurechtkommen. Der Film ist übervoll davon, "Eva's" Koprolalie wird in der Realität kaum oder höchstens annähernd so vorkommen. Das Risiko der Klischeeverstärkung besteht: "Touretter, sind das nicht die, die zucken und fluchen?"


ET

Nachtrag: Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass als Berater für den Film "Ein Tick anders" ein einzelner Betroffener und nicht z.B. die Tourette-Gesellschaft Deutschland oder eine/r der deutschen Tourette-Expert/en/innen befragt wurde, um eine ausgewogenere Darstellung der Tourette-Symptome zu erreichen!


mate

wahrscheinlich, weil die Koprolalie die Cineastisch interessanteste Form des TS ist?!


Karla

Das goldene Kalb Christian Hempel hat seinen filmischen Klon erhalten. Die Schauspielerin spielt nicht Tourette, sie spielt deutschlands Vorzeigetouretter Christian Hempel. Sklavisch beweihräuchern Verbände die fröhliche Schimpfkanonade.
Hurra, hurra, die Verdummung ist da.


A.

Nachdem ich dem Film gesehen habe, finde ich die Kommentare von CH und Sabine, erheblich besser, logischer und intelligenter als die Kritik von Gobbin






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