Ein Sommer in New York - The Visitor

Ein einsamer Professor findet in seiner Wohnung zwei illegale Einwanderer und wird mit der Abschiebungspolitik der USA nach 09/11 konfrontiert. Das humanistische Drama vertritt edle Absichten mit nicht immer feinen Mitteln.

Ein Sommer in New York - The Visitor

Am Anfang spielt Walter Vale (Richard Jenkins) Klavier, am Ende trommelt er in einer New Yorker U-Bahn-Station. Wie in seinem preisgekrönten Debütfilm Station Agent (The Station Agent, 2003) erzählt der US-Autor und -Regisseur Thomas McCarthy erneut die Entwicklungsgeschichte eines verschlossenen Mannes, der aus seiner Isolation ausbricht und sich hier buchstäblich frei trommelt. In Station Agent war es ein kleinwüchsiger Zugenthusiast, der durch die Begegnung mit anderen Außenseitern und Leidgeprüften seine Lebenslust entdeckt. In Ein Sommer in New York – The Visitor (The Visitor) ist es ein Universitätsprofessor, der seit dem Tod seiner Frau nur noch einen einzigen Kurs in Wirtschaftwissenschaften gibt, sich nicht an Kollegengesprächen beteiligt und auch sonst das Interesse an seinen Mitmenschen verloren hat, bis ihm zwei illegale Immigranten Trommeln und Anteilnahme beibringen.

In McCarthys beiden Filmen menschelt es sehr. Man kann das warmherzig und liebevoll finden oder ein bisschen sentimental und naiv, zumal der Regisseur diesmal mehr als ein reines Charakterdrama inszenieren wollte, sondern außerdem einige überdeutliche Anspielungen auf das innenpolitische Klima in den USA nach den Anschlägen des 11. September macht, ohne dabei aber politische Einsichten zu liefern. The Visitor, der bereits im Januar 2008 beim Sundance Film Festival uraufgeführt wurde, konzentriert sich vielmehr auf das Private und Soziale. Er möchte uns – oder vielleicht vor allem dem US-Publikum – zeigen, wie anständig Einwanderer und speziell Muslime sein können. (Ähnlich wie uns Station Agent vorführen wollte, dass Kleinwüchsige nicht zwangsläufig außergewöhnliche Menschen sein müssen.) Wer das sowieso schon weiß, dem könnte McCarthys Figurenzeichnung zu schlicht erscheinen.

Ein Sommer in New York - The Visitor

Wir erleben das Geschehen ausschließlich aus der Perspektive des weißen, privilegierten Walter, der von dem Syrer Tarek (Haaz Sleiman) und seiner senegalesischen Freundin Zainab (Danai Jekesai Gurira) aus der Lethargie und Ignoranz gerissen wird. Der Professor fährt von Connecticut nach New York, um dort einen Vortrag zu „Economic growths in developing countries“ zu halten – ein Thema, das ja hervorragend zu seinem und Zainabs Heimatland passen würde, wie Tarek später einmal anmerkt. Dies sind nicht die einzigen Handlungselemente, die McCarthy in seiner Inszenierung etwas zu forciert zusammenfügt. Walters Wandel zum engagierten Menschen läuft ebenso formelhaft und vorhersehbar ab wie seine ungewöhnliche Freundschaft mit den netten Immigranten ein wenig zu exemplarisch wirkt.  

Ein Sommer in New York - The Visitor

Der Witwer findet die beiden Fremden überraschend in seinem New Yorker Apartment vor, das ihnen ohne sein Wissen vermietet wurde. Ein sympathisches Foto des jungen Paares genügt dem Eigenbrötler, um den plötzlich Obdachlosen spontan sein Gästezimmer als Unterkunft anzubieten. Im Gegenzug bringt Tarek Walter afrikanisches Trommeln bei. Als der Syrer bei einer Fahrkartenkontrolle festgenommen wird und ihm als illegaler Einwanderer die Ausweisung droht, bezahlt ihm sein neuer wohlhabender Freund den Anwalt und kämpft zusammen mit Tareks attraktiver Mutter (Hiam Abbass) für sein Bleiberecht.

Ein Sommer in New York - The Visitor

Das Hauptproblem von The Visitor ist, dass die meisten nichtamerikanischen Charaktere als Aufklärer fungieren und Unwissenheiten oder Vorurteile beim Zuschauer abbauen sollen. Das mag gut gemeint sein, ist oft aber mit großem Ausrufezeichen umgesetzt, tendiert teilweise zur Idealisierung oder Schwarzweißmalerei. Die Nebenfiguren werden vorrangig auf ihre Rasse oder Religion reduziert und bleiben so zu eindimensional. Durch sie erfahren wir, was „Arab time“ bedeutet, dass Muslime auch mal Wein trinken und dass US-Amerikaner keine Ahnung von Geografie haben. In einer Szene beschwert sich ein ägyptischer Coffee-Shop-Besitzer gar darüber, dass die Angestellten des benachbarten Untersuchungsgefängnisses, in dem Tarek einsitzt, nie Trinkgeld geben würden.

Ein Sommer in New York - The Visitor

McCarthys Kreuzung aus Romanze, Völkerverständigungs- und Erweckungsdrama überzeugt wie Station Agent in erster Linie mit einer gelungenen Besetzung. Richard Jenkins (Stiefbrüder, Step Brothers, 2008) darf nach seiner Rolle des toten Bestattungsunternehmers in der Serie Six Feet Under – Gestorben wird immer (Six Feet Under, 2001-2005) und zahlreichen kleineren Auftritten unter Regisseuren wie Woody Allen oder den Coen-Brüdern (Burn after Reading, 2008) endlich seine Fähigkeiten in einer Hauptrolle beweisen und erhielt hierfür seine erste Oscar-Nominierung. Mit seinem nuancierten und zurückhaltenden Spiel gleicht Jenkins manchen Drehbuchholzhammer aus und offenbart besonders in den Szenen mit der israelisch-arabischen Schauspielerin Hiam Abbass (Lemon Tree, Etz Limon, 2007) eine einnehmende Sensibilität.

The Visitor verzichtet bis auf einen emotional aufgeheizten Moment weitgehend auf Melodramatik, baut auf einen ruhigen Erzählrhythmus mit statischen Kameraeinstellungen und erspart uns ein Happy End. Für einen feinsinnigen Film reicht das jedoch nicht. Dafür trommelt er seine Botschaft etwas zu laut und eintönig.

Trailer zu „Ein Sommer in New York - The Visitor“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.