Ein proletarisches Wintermärchen

Ein schwarzes Loch erzählt Geschichten, ein schwarzes Loch verschluckt den Sinn.

Ein proletarisches Wintermaerchen 01

Julian Radlmaiers Ein proletarisches Wintermärchen ist eine politische Komödie, eine Farce, ist das pfauenhafte Schaulaufen einiger satirisch entschlackter Ideologien. Drei georgische Reinigungskräfte (Natja Bakhtadze, Sandro Koberidze, Ilia Korkashvili) sollen ein brandenburgisches Schloss für eine anstehende Vernissage herrichten. Wahrscheinlich wäre es ganz angemessen, dabei entweder abfällig von Putzen – denn die Kellerstellung dieser Profession in der sozialen Hackordnung wird hier recht deutlich gemacht – oder von Facility Managers zu sprechen – denn der zwanghafte Versuch, dem tristen Berufsbild einen unternehmerischen Anstrich zu verpassen, wird gleich am Anfang verlacht. Da herrscht eine übereifrige Chefin die drei fröstelnd und gelangweilt in der Ostberliner Kälte Stehenden an, sie sollten „die fleischgewordene Unternehmensphilosphie“ werden.

Alte Wörter, neue Wörter, ewige Kämpfe

Doch für solche ehernen Ziele fehlt es, gruppeninternen Spannungen zwischen einem Übereifrigen und einem Klassenkämpfer zum Trotz, ganz prinzipiell an Motivation. So vertreiben sich die drei eher schlecht als recht die Zeit, zwischen klassizistischen Geschmacklosigkeiten, zwischen Pastelltönen und Gipsstuck. Nur manchmal wird ihr Müßiggang unterbrochen von den Zornausbrüchen des Hausmeisters (Lars Rudolph). Dieser – ganz unerbittliche und selbstgerechte deutsche Pedanterie – sieht schon den „Klassenkampf von unten“ heraufdämmern. „Lumpenproletarier“ seien sie, Vorboten jener (wahrscheinlich aus Richtung China und Griechenland wehender) Winde, die die „wankende deutsche Eiche“ zu Fall bringen wollten. So klingt das Vokabular hier: Ganz ungehemmt werden anachronistische Wendungen (der Hausmeister ist dabei verbal eher romantisch zu verorten) mit politischen Begriffen von damals und heute verwirbelt. Aber der Sprachgestus ist nicht bloß stilitische Extravaganz, sondern experimentiert durchaus ernsthaft mit unzeitgemäßen Kombinationen, mit Kollisionen zwischen für gewöhnlich weit voneinander entfernten Konzepten.

Zweckentfremdete Herrschaftsräume

Ein proletarisches Wintermaerchen 03

Ein proletarisches Wintermärchen ist ganz wesentlich ein architektonischer Film, sowohl filmische Auseinandersetzung mit einer bestimmten (feudalen) Architektur, als auch konstruktivistisches Arrangement räumlicher Bilder. Die Hallen vergangener europäischer Macht können heutzutage zu nichts mehr dienen denn als Bühnen ihrer Selbstentblößung. Nur zweckentfremdet machen sie noch Sinn, oder bestätigen viel eher ihren heutigen Un-Sinn. So wird den Georgiern das „preußische Hartholzparkett aus dem 18. Jahrhundert“ zur Schlittschuhbahn, die Galerien werden zu Gymnastiksälen. Schön, wie Radlmaier das 4:3-Format seiner Bilder nicht als nostalgischen Verweis einsetzt, die Vertikalen dieses für unsere heutigen Augen höhenlastigen Bildes vielmehr gekonnt verwendet, um die Herrschaftsräume zu demontieren.

Aber man kann obsolet gewordene Orte natürlich auch dadurch zweckentfremden, dass man Kunst hineinstellt. Nur sind hier die politisch-subversiven Effekte zweifelhaft. Als in Akt 2 (von 3) die große Vernissage beginnt, prallen genau diese zwei Inbesitznahmen des Schlosses (der Proletarier hier, des Kulturestablishments dort) aufeinander. Die Georgier werden in den Dienertrakt verbannt, doch getrieben von Klassenbewusstsein (genauer gesagt: Hunger) macht sich eine von ihnen auf, ein Stück vom Kuchen der Elite abzuschneiden. Hier startet dann das große satirische Schaulaufen der Ideologie-Klischees von damals und heute: Krisengeängstigte Deutschnationale schimpfen mal wieder über das Finanzjudentum und ein Minister macht Hinterzimmerdeals mit ein paar Anzugträgern, während das Leuchtstoffröhren-Kunstwerk neben ihnen nur mehr als schicke Illumination dient.

Autoimmunreaktion mit Hoffnungsschimmer

Ein proletarisches Wintermaerchen 02

Die Kunst, sie hat keinen politisch-sozialen Auftrag mehr, sondern steht nur schick in der Gegend rum. Oder im Falle eines in einer Zimmermitte hängenden Schwarzen Lochs: Sie schluckt alle Interpretation einfach auf. Diese ironisch eingefärbten Spitzen gegenüber der Kunst, vor allem ihrer kommerziellen Seite, sind wahrscheinlich das allergrößte Manko des Filmes. Es scheint ja beizeiten so, als wären scharfe Bemerkungen in Richtung Kunst eine Strategie, um als eben solche wahrgenommen und bewertet zu werden. So eine passiv-aggressive Haltung ist bei kulturbeflissenen Menschen beliebt, eine mittlerweile doch ziemlich ausgepowerte Strategie, sich durch Selbstgeißelung ein bisschen zu retten. Umarmte Radlmaiers faszinierendes Debüt Ein Gespenst geht um in Europa vielleicht noch etwas offensiv die „hohe Kunst“ (vor allem den Suprematismus, den Sittenroman), dann veralbert Ein proletarisches Wintermärchen allzu defensiv die Kunstszene (vor allem in Gestalt einer wichtigtuerischen Galeristin mit fies-postfeministisch klingendem Doppelnamen).

Aber in dieser kannibalistischen, sozusagen autoimmunitären Vergackeierung der Art World durch einen arty Film drückt sich doch auch so etwas wie Trauer aus; Trauer darüber, dass die zeitgenössische, post-post-pragmatistische fuck-everybody-myself-included Haltung es vor allen Dingen schwierig macht, ein paar ernsthafte Fragen zu stellen und sich ganz unironisch zu in die Jahre gekommenen Theorien zu bekennen. Doch wenn man schon nichts mehr ernst sagen kann, dann kann man wenigstens Sympathien verteilen. Und die liegen hier ganz eindeutig bei den Georgiern, bei den „Genossen“. Denn wo die noch Verlangen nach einem besseren Leben haben, halten wir nur mehr leere Herrschaftshallen blitzeblank. Und wo die noch Geschichten haben, haben die Deutschen nur ein Inventar. Schade, dass keine ihrer Geschichten (aus dem Dorf, aus der Fabrik, aus der Vergangenheit) wirklich auf ihre heutige, globalisierte Krisensituation passt. Aber sie erzählen sie trotzdem. Und ihre Geschichte wiederum erzählt uns, so behauptet es ein Zwischentitel ganz zu Beginn, das Schwarze Loch. Also hat die Kunst, in all ihrem (selbst-)zerstörerischen Nihilismus, vielleicht doch noch etwas in petto? Diese Kippfigur bleibt hängen. Entweder: Alles ist egal, also gibt’s nichts mehr zu machen. Oder: Wenn alles egal ist, dann sollte man mal wieder was machen.

Trailer zu „Ein proletarisches Wintermärchen“


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