Ein perfekter Platz

Eine junge Frau kommt nach Paris, findet einen Job in einem Café und lernt eine Handvoll interessanter Menschen kennen. Das ist der Ausgangspunkt für einen kurzweiligen Reigen aus Künstlern und solchen, die es gern geworden wären.

Ein perfekter Platz

Danièle Thompson hat erst drei Filme gedreht. Allen ist etwas gemein: In La Bûche (1999) geht es um eine auseinander gefallene Familie mit drei erwachsenen Töchtern, die zu Weihnachten wieder aufeinander treffen, jede für sich an einem Wendepunkt in ihrem Leben; in Jet Lag - Wo die Liebe hinfliegt (Décalage horaire, 2002) spielt Juliette Binoche eine Kosmetikerin, die alles hinter sich lassen will, um nach Mexiko zu gehen, und die am Flughafen auf einen frustrierten Gastronomie-Unternehmer (Jean Reno) trifft.

Das Motiv der Veränderung, und zwar der grundsätzlichen, führt Thompson in ihrem neuen Film Ein perfekter Platz (Fauteuils d’orchestre) nahtlos fort. Die junge Jessica (Cécile de France) kommt aus der Provinz nach Paris und begegnet dort verschiedenen Menschen, die alle von vorn beginnen wollen: Der alte Kunstsammler (Claude Brasseur), der seine vollständige Sammlung versteigern lässt und seine letzten Jahre mit einer wesentlich jüngeren Geliebten verbringen will, die Schauspielerin (Valérie Lemercier), die von dem andauernden Erfolg ihrer Rolle in einer Fernseh-Soap auf dramatische Weise gelangweilt ist und auf eine künstlerische Herausforderung hofft, und der weltberühmte Konzertpianist (Albert Dupontel), der sich im globalen Musikgeschäft so unwohl fühlt wie in dem Frack, den er bei seinen Auftritten tragen muss. In einer Nebenrolle ist außerdem der amerikanische Filmregisseur Sydney Pollack zu sehen, der einen amerikanischen Filmregisseur spielt, der einen Film über Simone de Beauvoir drehen will.

Ein perfekter Platz

Es geht also nicht zuletzt um das Begriffspaar Kunst und Freiheit: Malerei, Schauspiel und Musik werden in einem elegant komponierten Drehbuch, für das Danièle Thompson zusammen mit ihrem Sohn Christopher verantwortlich zeichnet, zusammengeführt. Dabei werden nicht nur die Künstler, sondern auch die Dilettanten gewürdigt: in der Figur der Claudie (Dani), der Concierge am Theater, die mit seligem Gesichtsausdruck und einem iPod nachts allein durch die Theaterflure schwebt und voller Inbrunst französische Chansons von Gilbert Bécaud mitsingt. Ohne Begabung für die Kunst hat sie ihr Leben in der Nähe derselben verbracht, und in einer ergreifenden Szene wird ihr letzter Arbeitstag vor dem Ruhestand gefeiert, ein Abschied also auch hier.

Mit typisch französischen Akkordeonklängen und Kamerafahrten über das malerische Paris führt Thompson den Zuschauer an den Ort des Geschehens, die Avenue Montaigne, in der sich die Wege all dieser Personen (und einiger mehr) kreuzen. Die naive und abenteuerlustige Jessica fungiert dabei als Beobachterin, all die persönlichen Dramen werden zumeist aus ihrer Sicht geschildert. Das ist ein geschickter dramaturgischer Kniff. Es geht in der Folge weniger um die eigentlich als Hauptperson eingeführte Jessica, sondern mehr um die Menschen, denen sie begegnet. Sie selbst hat die Rolle eines Katalysators. Das hebt den Film von anderen, schon oft gesehenen Geschichten ab, in denen junge Mädchen die große Stadt entdecken.

Ein perfekter Platz

Während Jet Lag, in der Tradition der sophisticated comedy gedreht, noch unter einigen Längen litt, gelingt es Thompson in Ein perfekter Platz, ihr Thema durch die Vielzahl der Personen zu variieren. Die Einheit des Ortes wird in beiden Filmen beibehalten: in jenem ein Flughafen und das angeschlossene Hotel, in diesem die Straße mit ihren Cafés, Theatern und Konzertsälen. Durch seine zufällig mitgehörten Gespräche, temporeichen Szenenwechsel und die allgemeine Wohlfühl-Stimmung ist Ein perfekter Platz in vielen Sequenzen am ehesten mit der Boulevardkomödie zu vergleichen, obgleich auch ernste Untertöne nicht fehlen - etwa wenn es um Dinge wie Ehekrisen, das Alter oder Krankheit und Tod geht.

Danièle Thompson hat bereits seit den sechziger Jahren Drehbücher geschrieben, unter anderem für Patrice Chéreau (Die Bartholomäusnacht, 1994) und für ihren Vater Gérard Oury (Die Abenteuer des Rabbi Jacob, 1974, mit Louis de Funès), außerdem war sie Koautorin der beiden La Boum-Filme (1980 und 1982). In der Konstruktion von Ein perfekter Platz zeigt sich diese Erfahrung in einem souveränen Umgang mit den verschiedenen Handlungssträngen. Vor allem aber hat sie einigen ihrer Hauptdarsteller umwerfende Rollen auf den Leib geschrieben. Neben Claude Brasseur als alterndem Kunstmäzen gilt das besonders für Valérie Lemercier als hysterische Schauspielerin, die ohne Punkt und Komma ihr jeweiliges Gegenüber in Grund und Boden redet, ununterbrochen um ihr Aussehen besorgt ist, die große Diva gibt und gleichzeitig vor Unsicherheit zerfließt, und zu jedem Gericht im Restaurant ein Schälchen Balsamico verlangt. Das wirkt mitunter wie eine komödiantische Version von Gena Rowlands in Die erste Vorstellung (Opening Night, 1977) von John Cassavetes und gehört zu den unterhaltsamsten Momenten dieses sehr kurzweiligen Films.

 

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Kommentare


Elherion

ich hab den Film bereits Anfang des Jahres in Frankreich sehen dürfen und kann ihn nur wärmstens empfehlen. Eine bezaubernde Hauptarstellerin, eine nette Handlung, eine tolle Kamera und alles sehr sehr französisch.
Lieberhaber klassischer Musik sollten sich darauf einstellen, etwas leiden zu müssen, die Rolle des Konzertpianisten so wie die Stückauswahl ist viel zu banal ausgefallen.
Und jeder, der französisch kann, sollte natürlich versuchen, den Film im Original zu sehen, da der Film eben typisch franzöisch it und auch sein will und deshalb die Sprach dazu braucht. Viel Spass


Martin Z.

Das Leben ist wie ein Zuschauerraum im Theater, in dem jeder versucht, den besten Platz zu bekommen. So formuliert ein Darsteller die Philosophie, die hier dahinter stecken könnte. Im Grunde ist es ein lockerer, flockiger Ausschnitt aus dem Alltag von Paris. Alle Figuren - oft Prominente - haben so ihre kleinen Problemchen und sind doch am Ende glücklich. Man kann sich das alles anschauen, so ganz ohne Anspruch auf Sinn. Ein netter Film, dem es auf die Dauer so ergeht wie dem Liebhaber von Streuselkuchen: jeden Tag das Leib- und Magengericht ist letztendlich dann doch fade und ermüdend. Der Anblick von Cécile de France hält einen am Bildschirm. Und die Rahmenhandlung mit der lieben Omi ist auch ganz nett.






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