Ein neues Produkt

Von der minimalen Distanz, die man kritisch nennen kann, und von Bildern der Tat.

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Harun Farocki interessiert sich für den Gebrauchswert von Bildern, denn Bilder sind materieller Teil dieser Welt und nicht immaterielle Abbildung derselben. Mit Bildern wird etwas gemacht, es wird argumentiert, kontrolliert, produziert und vieles mehr. Die Installation Auge/Maschine (2000) beispielsweise zeigt Aufnahmen, die von Maschinen erstellt wurden, um von anderen Maschinen ausgelesen zu werden; Bilder, für Sensoren bestimmt und nicht für menschliche Augen oder einen daran gekoppelten ästhetischen Geist. Wenn Farocki im Titelbildschirm zu Ein neues Produkt also „Ein Dokumentarfilm von ...“ schreibt, dann ist das wohl wörtlich zu verstehen: Hier wird ein Geschehen dokumentiert, damit mit den Bildern später etwas gemacht werden kann. Zum Beispiel gedacht.

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Was wird dokumentiert? Größtenteils Besprechungen des Quickborner Teams, einer Gruppe von Unternehmensberatern, die sich mit Veränderungen betrieblicher Abläufe, der Gebäude- und Büroarchitektur sowie der Mentalität von Arbeitskräften beschäftigen. Statt „Veränderung“ würden die Protagonisten des Filmes wohl sicherlich von „Optimierung“ sprechen und hätten auch für alle anderen Glieder des vorangegangenen Satzes knackigere, auf Fortschrittlichkeit gemünzte Begriffe. Aber diese sprachliche Differenz zu durchdenken ist schon etwas, was wir nicht zuletzt dank Farockis Bildern tun können, weshalb darauf später zurückzukommen ist.

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Wie wird dokumentiert? Durch eine Reduktion der Zahl der in Ein neues Produkt verwendeten Bildtypen, durch eine spürbare Anwesenheit der Kamera und eine strenge Synchronizität von Ton und Bild. Da ragt dann auch einmal das Mikro von oben in den Bildkader, damit gleich klar wird, dass hier a) die Nicht-Inszeniertheit Modus der Inszenierung ist, b) das Filmteam körperlich in den engen Besprechungszimmern anwesend ist und hier c) audiovisuelle Bilder geliefert werden, also beide Achsen gemeinsam erst das eigentliche Bild erzeugen. Zu sehen sind meist Großaufnahmen des aktuell Redenden (eine Frau kommt erst spät zu Wort), meist einzeln gerahmt. Zwischen Blöcke der verschiedenen gefilmten Sitzungen schneidet Farocki noch gerenderte Standbilder und Fahrten durch 3D-Modelle von geplanten Firmenzentralen und Büroräumen. Bilder derer, die reden, und Bilder dessen, worüber geredet wird.

Worüber wird geredet? Letztlich über eine Rekonzeptionierung dessen, was wir unter „Arbeit“ verstehen. Das „neue Produkt“ des Titels ist ein Neudesign der Arbeit selbst. Die Quickborner diskutieren die relevanten Schritte auf dem Weg dorthin, also Raumplanung (wie sollen die zukünftigen Büroräume aussehen?), Vergütungsplanung (was soll zukünftig unter Leistung verstanden werden, und wie wird sie bezahlt?), und, natürlich, Humandesign (welche Mentalität, welche Einstellung zu „Arbeit“ soll der zukünftige Arbeiter entwickeln?).

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Ein neues Produkt ist, wie viele Arbeiten Farockis, charakterisiert durch die starke Begrenzung thematischer, personeller, visueller und lokaler Ausdehnung. Durch diese Versenkung in der Örtlichkeit und ihren Protagonisten, durch die einfache Nachvollziehbarkeit der Regieentscheidungen und durch den Verzicht auf Kontextinformationen kann hier eine Weltauffassung sich quasi selbst zur Sprache bringen. Allein durch Rahmung und dezente Montage ist die Differenz zwischen Wirklichkeit und ästhetischem Objekt, dem Film also, schon groß genug, damit man sich Gedanken machen kann. Diese Form minimaler Distanz ist bei Farocki jedoch keine Strategie der Authentizität, sondern im Gegenteil eine der Verfremdung.

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Wozu also ist Ein neues Produkt zu gebrauchen? Zu enorm viel, muss man sagen. Zum Beispiel für die Einsicht, dass Unternehmensberater viel mit Philosophen gemein haben: Beide erarbeiten Begriffe, testen sie in Kombination mit anderen, systematisieren sprachliche und gedankliche Welten, suchen nach Wegen, zwischen physischer Realität und menschlicher Mentalität zu vermitteln. Man erkennt auch, warum die Systemtheorie so gut sowohl auf als auch durch die Wirtschaft anwendbar ist: Es wird stets in Relationen von System (der Arbeiter, das Unternehmen) und Umwelt (das Unternehmen, der Markt) argumentiert. Solches Denken entlarvt und erklärt einige fast absurde Nabelschauen, etwa wenn sich die Unternehmensberater einen externen Berater in die firmeninterne Beratung rufen, um ein wenig Überblick über das zu bekommen, was sie gerade tun. Denn indem sie Arbeit für andere designen, rekonzeptionieren sie ja währenddessen ihre eigene momentane Tätigkeit. Das kann einige Knoten im Kopf verursachen. Mit dem Kybernetiker Heinz von Foerster würde man sagen, das hier ein System sein eigener Beobachter wird. Und mit Farocki beobachten wir die Selbstbeobachtung.

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Anders als in Carmen Losmanns Work Hard – Play Hard (2011) – gewissermaßen der filmische Antipode zu Ein neues Produkt, mit prinzipiell gleicher Thematik und teils gleichen Drehorten – wird der Mensch hier nicht durch eine unerbittliche, mit der Firmenarchitektur kollaborierende Inszenierung zum Partikel einer vorgefertigten Botschaft degradiert. Stattdessen haben die endlos redenden Protagonisten immer das doppelte Recht, sich diskreditieren und rechtfertigen zu dürfen, und der Zuschauer die Aufgabe, sich dazu zu positionieren. Gerade in Vergleich zu Losmanns pseudokritischem Film, der von genau den Räumen visuell profitiert, die er argumentativ verdammt, zeigt sich darin die Kraft von Farockis Strategie der minimalen Distanz: Sie erlaubt eine wahrhaft kritische Perspektive, weil sie Räume zum Nachdenken bereitstellt, sie aber nicht weiter definiert. Das bleibt uns überlassen, dass müssen wir tun.

Ein neues Produkt wird bei www.realeyz.tv als Stream (1,90 €) und als Download (4,90 €) angeboten.

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