Ein Kuss von Béatrice

Berlinale 2017 – Wettbewerb (Außer Konkurrenz): Ziemlich beste Freundinnen: Catherine Deneuve und Catherine Frot begleiten einander durch eine von Anfang bis Ende so vorhersehbare wie witzige Katharsis.

Mit klackernden Absätzen hetzt die Assistentin durch den Krankenhaustrakt und preist in einem exaltierten Stakkato die Größe der Einrichtung an: Hunderte von Hebammen, Tausende von Geburten, und Technik anstelle von Erfahrung. Kurz: Rationalisierung, ehe der erste Atemzug getan ist. Vom Mutterleib schnurstracks in den Kapitalismus. Dabei ist die frisch aus dem Boden gestampfte Entbindungsfabrik seltsam leer, weit und breit ist niemand zu sehen. Denn in diesem sterilen Umfeld, so die mittlerweile bis zum Überdruss vorgetragene und hier förmlich Film gewordene Floskel, ist der Mensch nur noch Zahl.

Entsetzt trottet Claire (Catherine Frot) dieser Predigerin von effizienten Geburten hinterher. Seit Jahrzehnten holt sie mit zarten und erfahrenen Händen Kinder aus dem Mutterleib heraus, doch nun wird die Entbindungsstation, auf der sie arbeitet, geschlossen: zu alt, nicht rentabel genug. „Résister“, steht in großen roten Lettern an der Fassade, und man spürt das sichtliche Bemühen von Regisseur Martin Provost, selbst diese Fahne zu schwenken. Ein wenig wichtigtuerisch umhüllt sich Ein Kuss von Béatrice (Sage femme) im Gewand der Gesellschaftskritik und kokettiert mit dem politischen Film, liefert mit diesem im Hintergrund verlaufenden Handlungsstrang aber vielmehr ein Echo auf das Leitmotiv der Geschichte im Vordergrund: die Vergangenheit, die nicht vergeht.

Die Vergangenheit ruft an

Ein Kuss von Beatrice 2

Denn Ein Kuss von Béatrice setzt auf eine zur Genüge erprobte Formel: ein Anruf aus der Vergangenheit, der an den Pfeilern der Gegenwart rüttelt und, nach abendfüllendem Ringen, die Hauptfigur geläutert in eine bessere Zukunft entlässt. Bei Claire klingelt die Vergangenheit eines Abends in Gestalt von Béatrice (Catherine Deneuve). Die ist zuerst eine unsichere Stimme auf dem Anrufbeantworter, bald darauf ein (ziemlich lädierter) Körper und irgendwann schließlich eine greifbare Person. Denn der Film lässt den Zuschauer zunächst im Dunkeln über die Rolle, die die ältere Béatrice in Claires Leben eingenommen haben könnte. Nur peu à peu, im Laufe hitziger Gespräche und hie und da aufgeschnappter Hinweise, lässt sich die Vergangenheit rekonstruieren. Wie sich bald herausstellt, ist Béatrice aber weniger auf Vergangenes aus als auf Sterbeseelsorge in der Gegenwart – ein Tumor frisst sich durch ihre Gehirn. Und da ist sie mit Claire, dieser Heiligen, die ihr der Film gütig entgegenstreckt, gut bedient.

Kabeljau gegen Entrecôte

Ein Kuss von Beatrice 1

Ein Kuss von Béatrice lebt nicht nur vom bewährten Anruf aus der Vergangenheit, sondern auch vom bewährten clash of differences. Nach obligatorischem Hickhack werden auch Béatrice und Claire ziemlich beste Freundinnen und reihen sich ein in die lange Abfolge ungleicher Filmpaare, deren Teile sich auf unterschiedliche Weise als gleichermaßen hilfsbedürftig herausstellen und sich gegenseitig aufpäppeln. Sorgfältig entwirft Provost beide Porträts, lässt sie lustvoll aufeinanderprallen und schlachtet den Zusammenprall aus. Catherine Frot als Claire ist hier zum wiederholten Male in der Rolle der bescheidenen Frau gelandet, die mit großer Demut ihren Pflichten nachgeht und von der kleinen Freude zu leben scheint, diese so zu erfüllen, dass sie damit allen gerecht wird. Claire raucht nicht, trinkt nicht, isst kein Fleisch und buddelt am Wochenende in ihrem Schrebergarten. Déjà-vu auch auf der anderen Seite: Einmal mehr gibt Catherine Deneuve die verbrauchte, frivole Diva, die den Zenit ihrer Reize überschritten hat. Auf Bleistiftabsätzen und in Leopardenmuster-Seidenhemden torkelt Béatrice durch Claires wohlgeordnetes Leben und bestellt am liebsten das größte Entrecôte des Hauses mit Pommes und einem Glas Wein, in dem auch gern mal die Post-OP-Tabletten aufgelöst werden.

Alles fließt

Fernab des zähen Rufs nach menschlicher Geburtshilfe liefert Claires Hebammendasein noch ein Motiv, in dem der Film bei weitem am interessantesten ist, nämlich das der Wiedergeburt, des Wiederauflebens. Die einzige Schnittstelle in der Vergangenheit von Béatrice und Claire ist tot. Denn Béatrice war die Geliebte von Claires Vater, und als sie ihn von einem Tag auf den anderen verließ, beging er Selbstmord. Die eine trauert also ihrem Geliebten nach, die andere ihrem Vater. Die Begegnung der beiden Frauen, das Zusammenfügen beider Perspektiven auf eine dem Zuschauer vorenthaltene Figur erschafft diese neu: In einer großartigen Szene schneidet die Gegenwart förmlich eine Tür in die Vergangenheit und lässt den Toten in neuem Licht stehen. Denn alles fließt in diesem Film, nichts ist von Bestand, alles wandelt sich und stets zum Besseren; außer in der neuen Entbindungsklinik, doch die kriegt von Claire eh eine Absage. Man muss auch mal in der Zeit stehenbleiben.

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