Ein kurzer Film über das Töten

Krzysztof Kieslowskis Ein kurzer Film über das Töten ist ein künstlerischer Paukenschlag, der – zumindest für die Länge des Kinobesuchs – das ewig Verdrängte, den Tod und das Töten, ins Bewusstsein ruft und uns aus der eigenen Lethargie gegenüber diesem Tabu wachrüttelt.

Ein kurzer Film über das Töten

Mit seiner Dekalog-Reihe inszenierte Krzysztof Kieslowski zwischen den Jahren 1988 und 1989 für das polnische Fernsehen einen Filmzyklus, der in zehn jeweils einstündigen Beiträgen die Bedeutung der christlichen Gebote für das Alltagsleben des modernen Menschen hinterfragt. Die zentrale Stellung darin nimmt der sich des Gebotes „Du sollst nicht töten“ annehmende Dekalog, 5 ein, den Kieslowski unter dem Titel Ein kurzer Film über das Töten (Krótki film o zabijaniu) auch als knapp 25 Minuten längere Kinoversion herausbrachte, die zahlreiche europäische Filmpreise wie den Spezialpreis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes gewinnen konnte und den polnischen Regisseur über die eigenen Landesgrenzen hinweg bekannt machte.

Für einen Filmemacher wie Kieslowski, der in den siebziger Jahren dem „Kino der moralischen Unruhe“ angehörte, einer Strömung im polnischen Filmschaffen, die sich über die Auflösung ethischer Ideale sorgte, scheint die Auseinandersetzung mit den Zehn Geboten nur folgerichtig. Dabei geht es Kieslowski nicht um religiöse Fragen im engen Sinne, sondern um den aktuellen Stellenwert moralischer Normen in einer sich als erzkatholisch deklarierenden Gesellschaft. In Ein kurzer Film über das Töten fällt seine Analyse äußerst pessimistisch aus.

Kieslowskis Film zeichnet sich durch ein hohes Maß an narrativer Verdichtung aus, in einem nüchternen und lakonischen Stil entwickelt er einen Plot, der einfacher kaum zu denken ist: der junge Jacek streunt ziellos durch die Straßen Warschaus bis er sich entschließt, ein Taxi zu nehmen und in einem scheinbar grundlosen Akt, aus einer Laune heraus, den Fahrer des Wagens umbringt. Daraufhin wird Jacek später vor Gericht zum Tode verurteilt und erhängt. Seine Handlung erfährt keine Motivierung, keine psychologische oder soziologische Erklärung, am ehesten lässt sie sich wohl als ein Ventil für die Frustrationen einer sinnentleerten Existenz oder als ein verzweifelter autodestruktiver Versuch erahnen. Gerade die Grundlosigkeit des Mordes und die damit einhergehende Erklärungsnot des Zuschauers machen die Tat so erschreckend. Kieslowski konfrontiert uns mit der Willkürlichkeit, mit der der Tod in unser Leben bricht, sowie mit der Irrationalität einer jeden Gewaltinitiative. Züge des Absurden mischen sich in den Film, wenn dieses irrationale Moment während der Hinrichtung Jaceks systematisiert und rationalisiert wird, wenn Gewalt als staatlich sanktionierter Bestandteil und Kern einer menschlichen Ordnung bloßgelegt wird.

Ein kurzer Film über das Töten

Mit dokumentarischer Direktheit, bis an die Grenzen des Erträglichen gehend, zeigt der ehemalige Dokumentarfilmer Kieslowksi die ganze Grausamkeit des Tötens. Seine Ästhetik ist durch eine Konkretheit des Physischen geprägt, er versucht uns seine Figuren und ihre Handlungen – schon über die häufige Verwendung von Groß- und Nahaufnahmen - rein physisch so nahe wie möglich zu bringen. Dem Opfer Jaceks fällt das Gebiss aus dem Mund, während sein Kopf durch einen Schlagstock zertrümmert wird, nach der Hinrichtung Jaceks entleert sich dessen Darm in eine Plastikwanne unterhalb des Gehängten. Durch diese schonungslose Fokussierung des ungeschönt Körperlichen - jenseits der ästhetisierenden Körperinszenierungen des Mainstreamfilms - erreichen die Tötungsszenen eine quälende Authentizität und eindringliche Wahrhaftigkeit, die selten im Kino erreicht wurde. Dem Leid und der Erniedrigung der Opfer wird ein Gesicht gegeben, dem wir uns ebenso wenig entziehen können wie die über ihre eigene Tat erschrockenen Täter.

Der Tod ist in Kieslowskis Film allgegenwärtig. Er zeigt sich nicht nur in den beiden zentralen Tötungsszenen, sondern auch in den sie umlagernden Bildern, etwa in den einführenden Einstellungen: Leblose Kakerlaken an einer grünlich-giftigen Substanz, eine verrottende Ratte in modrigem Gewässer, der Kadaver einer erhängten Katze vor dem Hintergrund einer Plattenbau-Ödnis. Nicht nur in diesen einleitenden Vanitas-Emblemen sieht man die Einstellungen von Dunkelheit umrahmt. Immer wieder wird durch Filter, Masken oder Schatten ein Schwarz am Bildrand erzeugt, als krieche das Nichts unaufhörlich von Außen ins Innere, in das Zentrum der porträtierten Welt und in unser eigenes Blickfeld. Die Existenz der Filmbilder scheint von einem schwarzen Loch jenseits ihrer selbst bedroht, das alle Materie auslöscht. Doch auch das Zentrum der Bilder wirkt, als sei es längst dem Tod anheim gefallen, wenn die Einstellungen konsequent von einem Grünschleier überzogen werden, der eine monochrome Tristesse heraufbeschwört. Es entsteht eine „Poesie des Schmutzes“, wie Kameramann Slawomir Idziak sie bezeichnet, welche die „fleckige Wirklichkeit um uns herum“ hervorkehrt und visuell verstärkt. Idziaks hyperrealistischer Bildersprache ist es zu verdanken, dass der Tod quasi in jedem Frame des Werkes lauert.

Ein kurzer Film über das Töten

Das hohe Maß an Visualität lässt Kieslowskis Film mit wenig Dialog auskommen. Die Dialogfähigkeit ist den Figuren ohnehin abhanden gekommen und so handelt Ein kurzer Film über das Töten auch vom Tod zwischenmenschlicher Beziehungen, von Gefühlskälte, Einsamkeit und sozialer Verelendung. Seine Figuren sind durch kalte Glasflächen oder einrahmende Abgrenzungen voneinander getrennt. Wie der Taxifahrer in seinem Wagen, wie Jacek in seiner Gefängniszelle verharren sie in ihren isolierten „Privaträumen“, unfähig zu Kontaktaufnahme und Kommunikation. Einzig Blicke – wie könnte es im Kino anders sein – vermögen die unsichtbaren Barrieren zwischen den Menschen zu überwinden. So sind es Augenkontakte, die die raren Momente an Menschlichkeit hervorrufen. Das einzige Lächeln entweicht der steinernen Miene des Mörders nachdem er mit zwei kleinen Mädchen Blicke austauscht. Im Gegensatz dazu sind die beiden Tötungsakte durch die Abwesenheit von Blicken geprägt: Jacek stranguliert sein Opfer von hinten und wirft ihm anschließend eine Decke über den Kopf, ganz so wie seine eigenen Henker ihm später eine Augenbinde umlegen werden bevor sie die Hinrichtung vollziehen. Damit Humanität walten kann, muss der Andere wahrgenommen und in seiner ganzen Existenz gesehen werden, so wie es der junge Anwalt im Film versucht, der mit Jaceks Verteidigung seinen ersten Fall übertragen bekommt. Dieser aber zerbricht letztlich angesichts einer Welt, in der sich alles Humane verflüchtigt hat, allenfalls als Erinnerung, als kurz aufflackernde Spur oder nicht haltbares Ideal existiert, in der das Töten aber für den Menschen zu Obsession und Ritual geworden ist.

Ohne didaktisches Lehrstück zu sein – Kieslowskis Methode ist deskriptiver Natur, er beobachtet, anstatt zu werten – gelingt dem polnischen Filmemacher ein erschütterndes Plädoyer gegen das Töten im Allgemeinen und die Todesstrafe im Besonderen, aber auch gegen die Akzeptanz des schleichenden Todes von Menschlichkeit mitten unter uns.

 

Trailer zu „Ein kurzer Film über das Töten“


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Kommentare


Yannick

Sehr sehr starke Kritik! Ich arbeite gerade an meiner eigenen Version, aber hier wurde ein ganz schöner Brocken vorgelegt. =)






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