Ein Jahr vogelfrei

Schneeeule statt Ehefrau. Ein leidenschaftliches Hobby schärft den Blick fürs Wesentliche.

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Ein Jahr kreuz und quer durch Nordamerika reisen und Vögel beobachten? Einfach so, zum reinen Selbstvergnügen? Undenkbar, ein Wettkampf muss her: The Big Year. Wer innerhalb eines Jahres die meisten Vogelarten auf dem US-amerikanischen Kontinent ausmacht, gewinnt. Wie es sich gehört, hat auch die Ornithologen-Szene in Ein Jahr vogelfrei! ihren Superstar: Kenny Bostick (Owen Wilson) ist mit 732 verschiedenen Vogelarten sagenumwobener Rekordhalter. Doch die Konkurrenz des so schnöseligen wie eifrigen Birders Bostick schläft nicht: Der bodenständige Geschäftsmann Stu (Steve Martin) möchte sich nach einer äußerst erfolgreichen Karriere endlich zur Ruhe setzen und seinen lange gehegten Traum des Big Year in die Tat umsetzen, der mittellose Loser-Boy Brad (Jack Black) will endlich einmal irgendwo der Beste sein. Der Beste sein, nur darum geht es, weder wartet am Ende Geld noch übermäßiges Prestige. Die drei Protagonisten vereint zu Beginn einzig und allein diese Ambition, ihre Voraussetzungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Kenny lebt mit hübscher Frau und tollem Haus ein Vorzeige-Leben, Brad kämpft mit Mitte 30 gegen die erste Midlife-Crisis und seinen im Leistungsdenken verhafteten Vater an, Stu kann sich zwar auf eine intakte Familie und seine verständnisvoll-liebende Ehefrau stützen, hat allerdings auch hartnäckig nervende Angestellte im Nacken, die ihn zur beruflichen Fortsetzung bewegen wollen.

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Klug konstruiert mit diesem Arsenal an Beziehungskonflikten, versucht Ein Jahr vogelfrei! im Verlauf seiner Erzählung einzufangen, was (wahre) Leidenschaft ausmacht und wie sie im ewig (un)bewußten Streben nach zwischenmenschlicher Liebe und persönlichem Glück zu Wort kommt. Stu ist die sich entwickelnde Freundschaft zu Brad plötzlich wichtiger als jede Pinkfuß-Gans, Brad wiederum verliebt sich in die süße Ellie (Rashida Jones), und Kenny vergisst auf dem wahnwitzigen Weg zu einem neuen Rekord, sich einzugestehen, dass er so auch seine letzte Verbündete, Ehefrau Jessica (Rosamunde Pike), verliert. Selbstbild hin oder her, es geht sich einfach leichtfüßiger durchs Leben mit einem nahestehenden Menschen. Große Themen, die Regisseur David Frankel (Der Teufel trägt Prada, 2006) betont metaphorisch, aber mit inszenatorischer Leichtigkeit anschneidet. Mit hoher Frequenz wird Szene an Szene gereiht, die exzessive Narration springt hin und her zwischen Privat- und Wettkampfleben der drei Protagonisten, laut Kameramann Lawrence Sher vereint Ein Jahr vogelfrei! dabei über 100 vor allem kanadische Drehorte. Dennoch gelingt es Frankel dank seiner beherrschten Organisation des Stoffes, daraus ein subtiles Gesamtbild zu formen, ohne dass es zu einem erzähltechnischen Overkill kommt. Während der Film thematisch immer um ein ‚Höher, schneller, weiter‘ kreist (sinnbildlich stehen dafür die immer wieder eingeblendeten Vogelarten-Ticker), löst er dies auf Ebene seiner eigenen Erzählung nicht unbedingt ein.

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Wer also ein zu grölendem Lachen animierendes Slapstick-Feuerwerk erwartet, wird stolpern. Komische Szenen sind eher Zwischentöne in einer eigentlich dramatischen Handlung, und die drei Komödien-Schauspieler Martin, Black und Wilson – von denen zumindest die ersten beiden immer wieder zu Schandtaten im Bereich Body-Comedy (Der rosarote Panther, 2006, Tropic Thunder, 2008) bereit sind – präsentieren sich ungewohnt zurückhaltend. Das mag zuweilen die gewohnte Affektökonomie stören (die können auch nicht albern?), entfaltet dann aber doch die richtige Wirkung: Subtil katalysieren sich in den stark von den unterschiedlichen Lebensentwürfen der Protagonisten aus entwickelten Handlungslinien elementare Fragen des (Zusammen-)Lebens in einer Gesellschaft der ständigen Wettkämpfe(r). Ist es Freiheit, allein zu sein? Lieber tot als Zweiter? Glück durch Freundschaft oder persönlichen Erfolg? Ganz nebenbei, ohne großen Moral-Aufschrei werden solcherlei Überlegungen nahe an den Figuren entwickelt – und hin und wieder auch auf die zu beobachtenden Vögel projiziert.

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Etwa wenn der übergewichtige Taugenichts Brad seinem Vater seinen Lieblingsvogel vorstellt, der zwar hässlich graubraun gefärbt ist, dafür aber jedes Jahr unglaubliche Flugstrecken bis nach Patagonien auf sich nimmt. Dass Vögel als Freiheits-Metapher bis auf diese eine Stelle nicht allzu sehr strapaziert werden, ist angenehm. Denn trotz der zahlreich vorgestellten fliegenden Kleintiere und beeindruckenden Landschaftsaufnahmen geht es in Ein Jahr vogelfrei! um etwas anderes, als ständig nach oben (in die Lüfte) zu schauen. Der Stuttgarter Autor Philipp Schönthaler hält in seinem neuen Erzählband der Selbstoptimierungs-Gesellschaft den Spiegel vor und nennt es Nach oben ist das Leben offen. Ein Jahr vogelfrei! ergänzt: Schau mehr zur Seite, wo die Lieben sind. 

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