Ein Hologramm für den König

Warten in der Wüste: Tom Tykwer erzählt von einem globalisierungsgetriebenen Amerikaner, der während eines Beckett’schen Stillstands in Saudi-Arabien sich selbst findet.

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Die Kamera rast auf eine Stadt zu. In den auf Hochglanz polierten Fenstern der Geldtempel flackern Dollarscheine, Münzen tanzen durch die Straßen. Dann ein Mann im Garten einer Vorstadtvilla, Auto, Haus und Frau verpuffen einfach. Schnitt. Der Mann wacht in einem Flugzeug voller Muslime auf, die gerade zum Morgengebet anstimmen. Er heißt Alan Clay (Tom Hanks) und ist im Auftrag der IT-Firma Reliant unterwegs nach Saudi-Arabien, um König Abdullah eine hochentwickelte Hologramm-Kommunikationstechnik zu verkaufen.

Wie ein Werbevideo von Clays Untergang ist diese Exposition gestaltet, die trefflich zusammenfasst, was dieser Held in Tom Tykwers Tragikomödie Ein Hologramm für den König am eigenen Leib erfahren muss: dass die Globalisierung nicht nur positive Seiten hat. Nach dem Outsourcing der Produktion von Schwinn-Fahrrädern haben die Chinesen das Konzept gestohlen und den Preis unterboten. Clay ist bankrott und muss das Studium seiner Tochter alleine finanzieren, weil seine kratzbürstige Exfrau das für „Männersache“ hält. Der Deal in Saudi-Arabien würde seine Rettung bedeuten.

Warten auf den König

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Dieser Alan Clay ist ein Mann der Old Economy, die Großkonzernvariante eines Klinkenputzers, der sich in Zeiten der globalen Wirtschaft sein eigenes Grab geschaufelt hat. Mit seinen Burnout-Symptomen und Panikattacken wirkt er wie die Verkörperung des in der kapitalistischen Welt getriebenen Individuums. Seine Probleme manifestieren sich in einer Tennisball-großen Geschwulst auf dem Rücken, die er ein ums andere Mal skeptisch im Spiegel beäugt und später auch „attackiert“. Und dieser Getriebene sitzt jetzt mit einem jungen Team mitten in der Wüste in einem löchrigen Nomadenzelt mit wackeligem WiFi und wartet. Denn der König verschiebt den Präsentationstermin ständig. Täglich fährt Clay mit seinem Fahrer Yousef (Alexander Black) in die Wüste, um vor den Türen der „King Abdullah Economic City“ zu campieren, jener Ruine, die irgendwann zur funkelnden neuen Wirtschaftmetropole werden soll. Die Kentucky-Fried-Chicken-Reklame steht schon bereit dafür. Ein absurder Stillstand à la Warten auf Godot in einer Welt, in der Zeit Geld ist. Doch während das junge Team in diesem Beckett’schen Vakuum vor sich hin vegetiert und schwitzend wartet, geschieht etwas mit Clay. Für ihn wird der Stillstand zu einer produktiven Entschleunigung, er verwandelt sich vom getriebenen Businessmann zum Entdecker.

In Between

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Clay bricht aus seinen Mustern aus, schon bald wird sein Alltag nicht mehr von den repetitiven Gewohnheiten – morgens Zähne putzen und rasieren, abends immer wieder das „Hallo Mr. Clay“ bei der Wiederankunft im Hotel – getaktet. Er wird zum Wanderer nicht nur zwischen den Kulturen, sondern auch zwischen Tradition und Moderne in einem Land, das überall von Spuren der globalen Wirtschaft durchzogen ist. Yousef, der auf Rockmusik steht und US-Serien guckt, wird zum Gatekeeper in diese andere Kultur, deren Grenzen er individuell auslegt. Er bringt Clay sogar zum Nabel der islamischen Welt.

Wie Sir Richard Burton in Ilija Trojanows Roman Weltensammler bekommt der Amerikaner unerlaubterweise, verkleidet im Kaftan, die Al-Masdschid-al-Harām-Moschee in Mekka zu sehen. Während im Innenhof der Moschee Gläubige die Kaaba umkreisen, herrscht draußen ein Stau, der vorausfahrende Wagen ist ein VW. Die Marken der Großkonzerne werden in der heiligen Stadt zum Ebenbild des Landes im Umbruch. Leider neigt Tykwer hier immer wieder zu Überzeichnung und Schwarzweißmalerei. Sehr drastisch etwa, wenn er die dänische Botschaft, in die Clay eingeladen wird, als hedonistische Insel inmitten der strengen Traditionen inszeniert, auf der gesoffen, getanzt und gekokst wird, was das Zeug hält.

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In dem unentschlossen zwischen Culture-Clash-Komödie und Globalisierungskritik changierenden Film flicht Tykwer schließlich noch eine unschuldige Romanze, die sich zwischen Clay und seiner Ärztin Zahra (Sarita Choudhury) entwickelt. Auch hier wartet der Film überdeutlich mit einer recht abgeschmackten Moral auf, wonach in Zeiten von Entfremdung und Leistungsdruck das persönliche Glück in der Liebe liegt, allen staatlichen Restriktionen und modernen Hologrammtechniken zum Trotz. Dennoch gipfelt diese Liaison – die sich im patriarchalen und repressiven Saudi-Arabien naturgemäß als kompliziert erweist – in der schönsten Szene des Films: Clay und Sahra treffen sich an einem Strand, der noch unberührt von der Konsumkultur scheint, und können sich in der Öffentlichkeit näherkommen, weil Zahra nur in Boxershorts badet und sich so als Mann tarnt. Man wünschte, Tykwer hätte sich mehr Zeit für solche subtileren, poetischen Momente genommen.

Trailer zu „Ein Hologramm für den König“


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Kommentare


Andergast

Ich wünschte mir, meine Zeit nicht mit diesem Film vertan zu haben, in den mich die Namen Tykwer und Hank zogen. Und wundere mich über ihre zahmen kritischen Ansätze, die ihrer Aufgabe, der Kritk und dem Film nicht gerecht werden. Selten einen so opulenten Flop gesehen. Oder bin ich nicht mehr von dieser Welt?






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