Ein Haus in Irland

Zwei Frauen tauschen vorübergehend ihren Wohnsitz und finden über die Auseinandersetzung mit der Lebenssituation der jeweils anderen zu sich selbst.

Ein Haus in Irland

Die Amerikanerin Marilyn (Andie MacDowell) sitzt am Pool, in dem ihr Sohn verstarb. Sie schreit, brüllt, verkrampft, vom Schmerz zerfressen. Ihr Mann schaut aus sicherer Distanz hinüber. Als sich die Blicke treffen, spricht ihrer vom Vorwurf einer nicht wettzumachenden Schuld, seiner von Unverständnis. Er kann sie nicht mehr erreichen.

Die Irin Ria (Olivia Williams) umarmt ihren Mann, der sich von ihr getrennt hat und ein Kind von seiner Geliebten erwartet. Erst sind ihre Bewegungen vorsichtig, zärtlich, verabschiedend in Erinnerung des Gewesenen. Doch ihr Griff wird fordernd, haltend, sie möchte die Liebe ihres Lebens, den Vater ihrer Kinder weiterküssen. Brüsk wehrt er sie ab.

Verlust- und Trennungsschmerz sind beider Frauen bestimmende Emotionen. Sie kennen sich nicht persönlich und doch tauschen sie auf Marilyns Initiative für einige Wochen die Häuser, um ihren zerbrochenen Welten zu entfliehen, den Scherbenhaufen im Kopf zu ordnen. Die Amerikanerin bezieht das Stadthaus in der dublinschen Tara Road, Ria lässt sich dafür in der Connecticut-Landhaus-Villa nieder.

Ein Haus in Irland

Gillies MacKinnon ist einem breiteren Publikum in Deutschland nahezu unbekannt. Dabei war der Jugendfilm Small Faces 1996 ein Festivalerfolg und sicherte ihm die Sympathien der Fachpresse. Seine meisterhafte Adaption von Pat Barkers erstem Teil ihrer Trilogie über den Ersten Weltkrieg, Regeneration (1997), fand unverständlicher Weise weder den Weg in deutsche Kinos, noch in die Videotheken. Marrakesh (Hideous Kinky, 1998) zog wegen Kate Winslets Titanic-Popularität zwar Aufmerksamkeit auf sich, konnte an den Kassen jedoch keinen Erfolg verbuchen. Der Ausbruchsfilm The Escapist (2001) erschien dann immerhin als Videopremiere, was dem großartigen Berlinale-Beitrag Pure (2002) leider nicht vergönnt war. Sein neuestes Werk nun entfernt sich vom Lokalkolorit früherer Filme und zielt mit der internationalen Besetzung offensichtlich auf ein größeres Publikum. Zudem basiert Ein Haus in Irland (Tara Road) auf dem erfolgreichen gleichnamigen Frauenroman von Maeve Binchy.

Zwei nicht mehr ganz junge Damen müssen ihr für stabil und glücklich empfundenes Leben nach der Katastrophe neu ordnen. Am Ende kehren sie in ihr jeweiliges Domizil zurück, die eine mit ihrem Mann, die andere nicht. Ria meint, nun gingen sie wieder auf Los zurück, doch Marilyn antwortet ihr, sie hätten sich verändert. Diese Entwicklungsgeschichte ist wenig originell, der Roman in gängigen Motiven verhaftet. Es ist Regisseur MacKinnon zu verdanken, dass er mit seiner zwar weitestgehend konventionellen, doch eher eleganten Inszenierung sowie einer Besetzung, die ihresgleichen sucht, dennoch eine überdurchschnittliche melodramatische Tragikomödie auf die Leinwand bannt.

Ein Haus in Irland

Die stärksten Momente in Ein Haus in Irland sind die ruhig, fast sachlich inszenierten Aufeinandertreffen der verschiedenen von exzellenten Darstellern verkörperten Hauptfiguren. Wenn der zu subtilem Humor neigende Colm (Stephen Rea) als Gärtner und Koch fast unbeholfen versucht, mehr als eine Freundschaft mit dem Gast aus den Staaten zu knüpfen, entstehen magische Momente. Von seiner eindringlichsten Seite präsentiert sich der Film, wenn er die manchmal drögen Dialoge der Vorlage außer Acht lässt und sich ganz dem Minenspiel der Akteure hingibt. Allein schon die göttliche Olivia Williams im Swimmingpool veredelt die Einstellung. Über diese Schauspieler gelingt es dem schottischen Regisseur, in den besten Momenten ein bewegendes Drama zu transportieren. Der Schmerz des Betrogenwerdens, das Gift der Lüge, seelische und körperliche Abhängigkeit, die zersetzende Kraft der Gewohnheit. All dies vermitteln dezente Einstellung ohne viel Worte.

Wenn Ria wider besseren Wissens auf einen Neuanfang mit Danny (Iain Glen) hofft und noch einmal neben ihm aufwacht, fährt die Kamera an ihrem Gesicht vorbei, hält die Berührung durch ihren Mann fest und im Anschluss ihre Reaktion. Sie glaubt ihn zurück, gebunden, und dabei liegt in diesem Augenblick schon der Verrat, die Enttäuschung

Die kleinen Veränderungen und Rückschläge der Frauen werden beizeiten etwas zu gewollt pointiert festgehalten und ein narrativ entscheidender Plotstrang, der Besitzanspruch auf das Haus in der Tara Road, wird am Ende beinahe in Fernsehmanier am Esstisch im feministischen Befreiungsschlag aufgelöst. Daher hinterlässt Ein Haus in Irland keinen völlig begeisternden und runden Eindruck, doch es sind viele kleine Momente, die sich einprägen.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.