Ein gutes Jahr

Russell Crowe ist kein Komödienschauspieler, Ridley Scott kein Komödienregisseur. Mit Ein gutes Jahr (A Good Year), ihrer ersten gemeinsamen Arbeit seit dem Welterfolg Gladiator (2000), betreten beide Neuland.

Ein gutes Jahr

Ridley Scott war in den letzten Jahren ein solider Garant für oskarverdächtiges Blockbusterkino. Mit den Kostümepen Gladiator (2000) und Königreich der Himmel (Kingdom of Heaven, 2005) entwickelte sich der Engländer, zu Ruhm gelangt durch Filme wie Die Duellisten (The Duelists, 1977), Alien (1979) oder Blade Runner (1982), zu einem der verlässlichsten Mainstreamregisseure Hollywoods. Zwischen diesen Megaprojekten widmet Scott sich regelmäßig etwas ungewöhnlicheren Arbeiten. Auf Gladiator folgte Hannibal (2001), die opulent produzierte Fortsetzung des Serienkillerfilms Das Schweigen der Lämmer (The Silence of the Lambs, 1991). Zwischen dem vielfach preisgekrönten Kriegsfilm Black Hawk Down (2001) und Königreich der Himmel drehte er mit Tricks (Machstick Men, 2003) einen Caper Movie.

Nach dem kommerziell nicht allzu erfolgreichen Königreich der Himmel versucht sich Scott nun erstmals in seiner Karriere im komischen Segment. Bereits Tricks spielte mit leichteren Tönen, als man es von den Filmen Scotts gewohnt ist. Mit Ein gutes Jahr (A Good Year) nun versucht sich der Brite an einer waschechten „RomCom“, einer romantischen Komödie samt genretypischen Figuren, Running Gags und einer gehörigen Prise Sentiment.

Ein gutes Jahr

Max Skinner (Russell Crowe) ist ein erfolgreicher Broker an der Londoner Börse, der schon vor dem Frühstück mit Millionenbeträgen jongliert. Als sein Onkel Henry (Albert Finney) stirbt und ihm als dem – scheinbar – nächsten Verwandten ein Weingut in der Provence vererbt, möchte der skrupellose Geschäftsmann dieses Anwesen zuerst nur schnell und mit möglichst hohem Gewinn loswerden, sehr zum Leidwesen seines ehemaligen Spielgefährten Francis (Didier Bourdon), der das Gut seit Jahrzehnten bewirtschaftet. Als er jedoch während eines Besuchs in Frankreich Fanny (Marion Cotillard) kennenlernt, sind es nicht mehr nur Kindheitserinnerungen, die einer Rückkehr nach London im Weg stehen. Zu allem Überfluss taucht auch noch Christie (Abbie Cornish) auf, eine junge Amerikanerin, die behauptet, eine uneheliche Tochter des Lebemanns Henry zu sein.

Die Story selbst, basierend auf einem Erfolgsroman des Schriftstellers Peter Mayle, unterscheidet sich wenig von anderen Genrebeiträgen und oft wirkt Ein gutes Jahr wie eine technische Fingerübung Scotts in einem ungewohnten Genre. Umso überraschender erscheint, dass der Film mehrmals die Werke der französischen Slapsticklegende Jacques Tati zitiert: In einem Café laufen Ausschnitte aus Mein Onkel (Mon oncle, 1958), einige Nebenfiguren evozieren unverkennbar das Universum des Monsieur Hulot und Francis’ Hund heißt tatsächlich Tati. Ob Ridley Scott seinen Film in der Tradition der Werke des Lieblings der internationalen Filmkritik sehen möchte möchte, sei dahingestellt, die Verweise wirken in jedem Fall reichlich deplaziert.

Ein gutes Jahr

Scott strukturiert sein Werk um die Differenz des hektischen Geschäftslebens der Londoner Börse und des gemächlichen, bourgeoisen Lebens in der Provence. Max´ Arbeitsplatz ist eine Ansammlung glänzender Oberflächen. Die Szenen in Großbritannien sind ausnahmslos in kalten Blautönen gestaltet, das Büro, in welchem die stets armanibekleideten Broker beschäftigt sind und über Wohl und Wehe ganzer Industriezweige entscheiden, besitzt keine Verbindung zu irgendeiner Form organischer Natur. Bestimmend sind Einstellungen, die die scheinbar einem Science-Fiction-Film entsprungenen Finanzkomplexe in ihrer Künstlichkeit ausstellen. Die schwebende Kamera, meist recht weit entfernt von den einzelnen Personen, betont architektonische Strukturen wie Rolltreppen und Aufzüge, die die Individuen in einen funktionellen, fast mechanischen Wertschöpfungsprozess einfügen und beschreibt eine Welt, in der sinnliche Erfahrung außerhalb kapitalistischer Tauschverhältnisse keinen Platz mehr besitzt.

In der Provence dagegen prägen warme Farben und vor allem das alles überflutende Sonnenlicht die Szenerie. Das Filmbild ordnet sich dem menschlichen Bewusstsein unter. Immer wieder durchstreift Max den ausgedehnten Garten seines Onkels, die Kamera fliegt durch den, von organischen Strukturen geprägten Raum, subjektiver und objektiver Blick durchmischen sich, dazwischen stößt der Film auf zahlreiche Erinnerungsbilder. Diese Gegenüberstellung zweier grundsätzlich verschiedener Welten und Bewusstseinszustände ist stellenweise überraschend ambivalent ausgestaltet und hebt den Film über das Genremittelmaß, kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die Opposition letzten Endes in sich zusammen fällt.

Denn letztlich sind beide Orte Yuppie-Fantasien in Reinform. Ebenso wie in London selbstverständlich alle Personen Designerkleidung tragen und mit der neuesten Kommunikationstechnologie hantieren, ist in der Provence alles, von den Nahrungsmitteln bis zur Architektur, von ausgesuchter Klasse. Und die Frauen sind hier wie dort stets perfekt gestylt, konversationsgeschult und vor allem – verfügbar. Wie alles andere eben auch.

Kommentare


Janina Queta

Der Film zeigt einen ganz neuen Russell Crowe, der, so finde ich, einer der besten Schauspieler ist, den wir im Moment auf der Leinwand bewundern können.
Dieser Film zeigt doch, dass er auch sehr komisch sein kann.Bravo Rusty!!!!!!!!!!!


Martin Z.

Ein leichter Film für den Sommerurlaub, der nebenbei noch für die Provence Reklame macht. Regisseur Ridley Scott setzt auf das Cliché vom Gegensatz des geldgierigen, arroganten Bankers in London und dem paradiesischen Leben auf einem Weingut im Süden Frankreichs. Wofür würden sie sich wohl entscheiden? Russell Crowe versucht sein Bestes bis an die Grenze von albernen Slapstickeinlagen. Nur die Rückblenden mit einem überzeugenden Albert Finney als altem Onkel Henry und dem unheimlich sympathischen jungen Freddie Highmore, der uns kurze Zeit später in August Rush bezauberte, ist es zu danken, dass es keine reine Schmonzette wurde. Allein wegen den beiden lohnt es sich den Film anzuschauen oder man mag einfach zusehen, wie das vorhersehbare Happy End in der goldenen Abendsonne versinkt.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.