Ein gutes Herz

Im raumzeitlichen Vakuum geht einem Film die Luft aus: Die Welt von Ein gutes Herz ist wie eine filmische Enklave, in der man sich nicht allzu gerne aufhält.

Ein gutes Herz 04

Irgendwann im Nirgendwo war einmal eine Bar. Das Nirgendwo hieß New York, und das Irgendwann war zwischen heute und vor zwanzig Jahren. Die Bar gehörte Jacques, einem Mann, der die Welt hasste; ebenso die Frauen. Warum, bleibt ein Geheimnis. Irgendwann begegnete er im Krankenhaus (Herzinfarkt) dem gescheiterten Selbstmörder Lucas. Lucas war zart, naiv, gescheitert, einer der ungezählten wohnungslosen Vagabunden der Metropole. Wie er dort hinkam, bleibt ein Geheimnis. Aus irgendeinem Grund entschloss sich Jacques, Lucas zu seinem Nachfolger auszubilden, in Tat und Denken: Wirt einer Spelunke zu sein ist ebenso Handwerk wie Philosophie.

Ein gutes Herz 01

Keinen reellen Raum, keine erkennbare Zeit lässt der Isländer Dagur Kári in die Welt von Ein gutes Herz (The Good Heart) eindringen. Sein New York ist ein Ort wie aus einem dunklen Märchen, keinesfalls jedoch das Porträt irgendeiner wirklichen Stadt. Zu großen Teilen im Studio gedreht, ziehen sich die zwei, drei nachtschwarzen Straßenzüge und Jacques’ Bar zu einer Film gewordenen Allegorie zusammen: die Endstation der Weltentfremdung. Man muss sich diesen Abgrund nicht schrecklich oder furchteinflößend vorstellen, denn Káris Vorliebe für Schräges und Verqueres lässt ihn eher spöttisch denn depressiv auf dieses letzte Stück Leben vor dem Nichts blicken. Man möchte sagen: mit heiter-melancholischer Untergangsgewissheit.

Seine Figuren setzt Kári mitten hinein in dieses Fast-Nirwana, lässt sie schweben wie Ballons, die in jeder Sekunde allein durch Sprache und Schauspiel ihr Da-Sein bezeugen müssen, wollen sie nicht verschwinden in den vagen Dunkelheiten der Behauptung. Sie haben keine Vergangenheit, die ihre Existenz erklären würde, keinen Kontext, der Hinweise geben könnte für ihre Wünsche und Perspektiven, keine Umwelt. Und trotzdem sollen sie Menschen sein und funktionieren: Kári enthebt die Emotionen nicht wie Raum und Zeit aus den Bezügen der Realität. Auch wenn hier nur ein Fetzchen Welt ist, dann sollen dennoch Tränen fließen, und Spucke fliegen beim herzhaften Gefluche.

Ein gutes Herz 05

Brian Cox als Jacques stellt sich dabei noch ausgesprochen gut an, mit seiner gehässigen Weisheit, der fettigen grauen Mähne, den eutergroßen Tränensäcken im aufgeschwemmten Gesicht. Halb ist er Dandy, halb misanthropes Wrack, also ganz und gar Bukowski. Oder Moe Szyslak. Paul Dano als Lucas hingegen ist vollkommen hilflos, wie seine Figur der Filmwelt ist er dem narrativen Nichts ausgeliefert. Ein bisschen Dreck im Gesicht und ein paar speckige Klamotten reichen noch nicht aus, um so etwas wie Lebensüberdruss und Verzweiflung zu markieren. Dabei versucht er hingebungsvoll, seine Rolle als Prediger aus There Will Be Blood (2007) in Káris Traum-New-York zu übertragen. Der gleiche starre Blick, der leicht dümmlich offen stehende Mund, vor allem aber die gleiche monoton schwingende Stimmlage. Nur erfüllt all dies hier keinen ersichtlichen Zweck, die jugendliche Naivität, gepaart mit verwirrender Trägheit, war ehedem verstörend-abgründig, hier ist sie enervierend.

Ein gutes Herz 03

Recht schnell fragt man sich, wohin uns Ein gutes Herz eigentlich mitnehmen will. Die Losgelöstheit der Filmwelt ist weder faszinierend noch tiefsinnig, sondern vor allem frustrierend unergiebig. Man vermutet tiefere Weisheiten, metaphorisches Potenzial und findet: nichts. In seinem Versuch, Figuren außerhalb etablierter Realitätskonzepte zu konstruieren, schafft Kári nur Beliebigkeit. Er vergisst, dass, wenn er die „Bar“ als Ort des griesgrämigen Rückzugs vor der rauen Wirklichkeit setzt, diese Wirklichkeit fühlbar sein muss, um den Wert einer Flucht abwägen zu können.

Ein gutes Herz 06

Irgendwann tritt mit April (Isild le Besco) eine Frau in die Männerwelt der Bar, und mit ihr der Unfriede. Lucas verknallt sich, und Jacques wird auf bösartige Weise eifersüchtig. Hier nun wird die Verweigerung des Drehbuchs, irgendwelche Hinweise auf irgendeine Vergangenheit zu geben, doch ärgerlich. Wenn Jacques die junge Dame zum x-ten Mal schlicht als „the bitch“ tituliert (wie er Frauen im Allgemeinen fast ausschließlich bezeichnet), will man langsam einen Grund dafür erfahren, warum man sich ausschweifende Monologe dummdreister Frauenverachtung anhören muss. Was tragisch ist, denn immerhin schaffen es wenigstens die Dialoge dann und wann, einmal ein interessantes Prinzip auf den Punkt zu bringen, die „Bar“ als Versuchslabor für menschliche Interaktion zu hinterfragen. Etwa wenn Jacques erklärt, warum man nicht zu freundlich sein dürfe als Barkeeper: Man verdiene ja nicht an glücklichen Menschen, nur unglückliche saufen hemmungslos. Vielleicht steckt da ja eine perfide Logik hinter? Nach Ein gutes Herz könnte man sich nämlich glatt zu den anderen an die Bar setzen, einen Bourbon bestellen, und ein bisschen den Kopf hängen lassen.

Trailer zu „Ein gutes Herz“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Martin Zopick

Die beiden Charaktere, die sich hier auf der Krankenstation treffen, können unterschiedlicher nicht sein: Jacques, ein alter, herzkranker, ständig fluchender Barbesitzer (Brian Cox) und Lucas ein junger, mittelloser im Pappkarton schlafender Penner (Paul Dano). Quasi das Weichei und die Kratzbürste! Es gelingt Jacques aus Lucas einen Barkeeper zu machen. Selbst als Lucas von Amors Pfeil in Gestalt von April (Isild Le Besco) getroffen wird, schaffen es die beiden Rabauken mit einander hinzukommen. Es wird überzeugend dargestellt, wie der Alte vielleicht wegen seines Herzfehlers sanfter und der Junge kalt und verbittert wird. So könnte sich ein Happy End anbahnen…wenn das Leben nicht völlig unverhofft von seiner grausamsten Seite zu schlagen würde. Eigentlich wollte Lucas nur die Ente Estragon einfangen… Hier kommt die doppelte Bedeutung des Titels in Spiel. Unkommentiert und ohne Dialoge ziehen Bilder vom OP Saal vorbei. Man ahnt wer das gute Herz spendet und wer es empfängt. Zur leichteren Verarbeitung des finalen Schocks gibt es noch ein paar versöhnlich stimmende, leicht überzuckerte Bilder, die so gar nicht ins Bild passen.
Im Großen und Ganzen aber atmosphärisch stimmig, in dunklen Farben gezeichnet und mit vielen lebhaften Gästen an der Theke, ist das Indie-Produkt recht gefühlvoll inszeniert.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.