Ein ganz gewöhnlicher Jude

Wie fühlt es sich an, im heutigen Deutschland Jude zu sein? „Der Antisemit würgt, der Philosemit umarmt. Bei beiden bleibt mir die Luft weg“, antwortet Oliver Hirschbiegels Emanuel Goldfarb. Ein ganz gewöhnlicher Jude dramatisiert seinen wütenden Monolog.

Ein ganz gewöhnlicher Jude

Ist dies ein Projekt filmischer Wiedergutmachung? Im Jahr 2004 bildete Oliver Hirschbiegels Der Untergang die Vorhut der Geschichtsinszenierungen zum Kriegsende, die 2005 in zahlreiche sehenswerte Fernseh-Wiederholungen von Shoah (1974-85) bis Holocaust (1978), in einen bislang unerreichten Ausstoß von Produkten der Guido-Knopp’schen Infotainment-Werkstatt und in die großflächige Berichterstattung über das Holocaust-Mahnmal mündeten. Marc Rothemunds auf Zivilcourage beharrende Heldin Sophie Scholl (2004) schlug sich zwar wacker, doch das dominanteste und beim Publikum erfolgreichste der jüngst gezeigten Bilder der NS-Vergangenheit war keines der Widerständler oder der Opfer, sondern das von Bruno Ganz beim Versuch, Hitler „als Mensch“ darzustellen. Der Film, der in der Kategorie Doku-Drama das Prädikat „besonders wertvoll“ erhielt, wird seitdem häufig im Schulunterricht eingesetzt. Eine Studie der Universität Koblenz stellte jüngst fest, dass das Werk, in dem ein von Parkinson geschüttelter „Führer“ seinen letzten Teller Nudeln isst, eine verharmlosende Wirkung hat, anstatt das Geschichtsbewusstsein zu schärfen. Der Holocaust wird nur am Rande erwähnt.

Auf die Großproduktion folgt nun ein Kammerspiel, auf den ewigen Widergänger Hitler Ein ganz gewöhnlicher Jude - verkörpert von Ben Becker. Der Schauspieler, der in deutschen Holocaust-Melodramen bislang eher für Nazi-Rollen eingesetzt wurde (Gloomy Sunday, 1999; Marlene, 2000), muss diesmal den Arm nicht zum Hitlergruß erheben, sondern fest in einen Gebetsriemen wickeln.

Ein ganz gewöhnlicher Jude

Zu Beginn wird Emanuel Goldfarb schriftlich eingeladen, vor einer Schulklasse über das Leben als „jüdischer Mitbürger“ im heutigen Deutschland zu sprechen. Der Brief eines gewissen Herrn Gebhardt schließt mit einem „herzlichen Shalom!“ und wird zum Auslöser einer zornigen Tirade gegen deutsches Gutmenschentum, gegen Lea Rosh-Einfühlsamkeit und gegen ein Land, in dem Holocaust-Gedenksendungen so regelmäßig wie Werbespots für Slipeinlagen ausgestrahlt werden – Ersatzflüssigkeit hier wie dort. Goldfarb will kein Vorzeigejude sein, auf den andere Deutsche ihre Vorurteile, ihre unterdrückten Vorwürfe und ihre ausgestellte politische Korrektheit projizieren. Doch die Absage, die der Journalist an den Lehrer des Kurt Tucholsky-Gymnasiums in seine Schreibmaschine hämmern will, wird zu einem fast 90-minütigem Monolog, der sich von der ersten heftigen Abwehrreaktion bis zur immer intimer werdenden Reflexion über die eigene Geschichte entwickelt. Der Zorn über die tägliche Anstrengung, als ganz gewöhnlicher Jude in Deutschland ein Oxymoron leben zu wollen, treibt seine rastlose Selbstbefragung ebenso an wie die Angst vor der eigenen unsicheren Identität. Das Jüdischsein beschreibt Goldfarb fast wie eine Krankheit, die er niemals loswerden wird. Seine Frau, eine Nichtjüdin, verließ ihn, weil er darauf bestand, ihren gemeinsamen Sohn beschneiden zu lassen. Obwohl er sein Familienleben nicht von den Geboten des jüdischen Glaubens diktiert und schließlich zerstört wissen wollte, konnte Goldfarb nicht anders, als beim Anblick seines unbeschnittenen Kindes Ekel zu empfinden.

Ein ganz gewöhnlicher Jude

Die experimentelle Konzentration auf nur eine Figur inszenierte Oliver Hirschbiegel schon in Mein letzter Film (2002) mit Hannelore Elsner. Diesmal hat der Regisseur seinen Akteur in ein kühl eingerichtetes Hochhaus-Apartment eingesperrt wie in ein Versuchslabor. Das Setting schafft Distanz – ebenso wie der Text, der fühlbar ein literarischer ist. Ben Becker kommt die Aufgabe zu, die genau ausformulierten Sätze nicht rezitiert, sondern lebendig wirken zu lassen. Wie auch die sehr präsente Kamera ist er ständig in Bewegung, läuft mit angeschaltetem Diktiergerät in den Keller, um etwas zu suchen, in die Küche, um einen Espresso zu kochen, setzt die Brille auf und wieder ab. Die permanenten kleinen Handlungen, die wechselnden Perspektiven der Bildgestaltung machen das Ein-Personen-Stück bemerkenswert kurzweilig. Durch viele Stimmungswechsel kann der Zuschauer dem Schauspieler bei der Arbeit zusehen. Dass alle Beteiligten ihr Handwerk beherrschen, ist offensichtlich. Doch der Sinn des Filmes, der das zugrundeliegende Buch von Charles Lewinsky (Ein ganz gewöhnlicher Jude, 2005) als Sprechvorlage verwendet, ohne ihm eine weitere Ebene hinzuzufügen, bleibt unklar. Hirschbiegels Sprung vom düsteren Bunker unterhalb Berlins ins merkwürdig unbehauste Apartment über den Dächern von Hamburg schafft keinen Ausgleich der Aufmerksamkeit – dafür war Der Untergang ein zu kalkuliertes Medienereignis und bleibt Ein ganz gewöhnlicher Jude durch den ständig vorangetriebenen Wortstrom, der zu keiner klaren Erkenntnis führt, zu unverbindlich.

Goldfarbs (und die sehr deutsche) Klage vom Nicht-Vergehenwollen der Vergangenheit und ihrer anhaltenden Vergiftung jeder heutigen „Normalität“ endet überraschend mit einem vorsichtigen Lichtblick. Der Protagonist wehrt sich nicht länger gegen die Historie und stellt sich nun doch als exemplarischer Jude Herrn Gebhardt und seiner Klasse zur Verfügung. Vielleicht gelingt es ihm ja, dort ein differenzierteres Geschichtsbild zu hinterlassen, als Spielfilme wie Der Untergang es getan haben.

Kommentare


ANGELIKA HAGEDORN

Wann kommt der Film Ein ganz gewöhnlicher Jude endlich auf DVD? Ich kann ihn nirgends finden.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.