Ein Freund von mir

Für Ein Freund von mir standen Jürgen Vogel und Daniel Brühl zum ersten Mal gemeinsam vor einer Filmkamera. Ob der zweite Kinofilm von Sebastian Schipper (Absolute Giganten) die hohen Erwartungen erfüllen kann?

Ein Freund von mir

Alles ist relativ, Zeit auch. Es gibt Menschen, die entziehen sich ganz bewusst dem gerade im Mediengeschäft herrschenden Diktat des Hetzens und Gehetztwerdens. Der Filmemacher Sebastian Schipper gehört zweifellos dazu. Das belegt bereits ein Blick auf dessen Vita. Nach seinem gefeierten Debüt Absolute Giganten (1999) hat es rund sechs Jahre gedauert bis er mit Ein Freund von mir als Regisseur und Autor auf die große Leinwand zurückkehrt. In diesem Zusammenhang von einem Nachfolger zu sprechen, mag inhaltlich nicht korrekt sein – immerhin handelt es sich nicht um eine Fortsetzung und auch die Charaktere sind jeweils andere – in Ton und Thematik weisen beide Geschichten aber unübersehbare Parallelen auf.

Das Freundes-Trio, das in Giganten voller Lebenshunger durch das Hamburger Nachtleben zog, verkleinerte Schipper nun auf ein Duo. Da wäre zum einen der schüchterne, introvertierte Mathematiker Karl (Daniel Brühl) zu nennen, der bei einer Versicherung einen nur wenig aufregenden Berufsalltag durchlebt. Als sein Chef (Michael Winterborn) ihm die Aufgabe zuträgt, einen Tag in einer Autovermietung zu arbeiten, um so die Versicherungsrisiken besser einschätzen zu können, bewirbt sich Karl für einen Fahrerjob. Dort lernt er den draufgängerischen Hans (Jürgen Vogel) kennen. Wie ein kleines Kind tobt dieser durch die Welt, überschwänglich und unbeschwert. Karl ist irritiert und zugleich auch fasziniert. Besonders zu Hans’ Freundin Stelle (Sabine Timoteo) fühlt er sich hingezogen.

Ein Freund von mir

Ganz wie es die Tradition des Buddy-Movies verlangt, spielt Schipper mit den gegensätzlichen Persönlichkeiten seiner beiden Protagonisten. Die Rollenverteilung scheint klar. Karl übernimmt den Part des nachdenklichen Zweiflers, Hans ist der vor Energie berstende Tausendsassa. Aus dem Aufeinanderprall der unterschiedlichen Egos erwächst eine für den Plot interessante Dynamik. Wir beobachten zwei Jungs, die sich mehr und mehr dem hingeben, worauf sie ganz spontan Lust verspüren. Sei es nackt Porsche zu fahren oder einfach gen Spanien aufzubrechen, Hans – und von ihm angesteckt auch Karl – lassen sich nicht länger von irgendwas oder irgendjemand in ihrem Tun abhalten.

Die Besetzung des ruhigen Versicherungsmathematikers mit Daniel Brühl liegt nahe und ist wie die Jürgen Vogels nur leidlich originell. Brühl lebte in vielen seiner früheren Rollen vom Charisma des netten und unauffälligen Schwiegersohntypus, der mit einer reduzierten Mimik seinen Figuren die nötige Tiefe und Fragilität verleihen kann, wohingegen Vogel – der zum wahren Workaholic mutiert und in nahezu jeder deutschen Produktion der vergangenen Monate auftaucht – gerne mal das Kind im Manne heraushängen lässt. Sei es im Video der Berliner Punk-Band Beatsteaks oder in berühmten Jugendbuch-Verfilmungen wie Emil und die Detektive (2001). Wenngleich ein Tausch der Rollen spannender gewesen wäre, harmoniert das Duo nahezu perfekt. Den Spaß der Dreharbeiten rettet Schipper in den fertigen Film hinüber.

Ein Freund von mir

Die Bipolariät der Figurenkonstellation findet ihre Entsprechung in Bildkomposition und Ausstattung. Konzeptionell sind die Welten bereits durch eine unterschiedliche Farbgebung getrennt. Karls Universum besticht durch kühle Farben, Blau- und Grautöne. Die wenigen originär Hans zuzuordnenden Schauplätze wie Stelles Wohnung wurden in ein warmes Licht getaucht. Weil wir die Welt aus Karls Augen sehen, haftet ihr etwas Nüchtern-Abgeklärtes an. Es dominieren Fassaden aus kaltem Beton, klare geometrische Formen, menschenleere Plätze, wesenlose Gebäude. Allein schon die Einrichtung von Karls Wohnung kehrt dessen Innerstes nach außen. Sie wirkt leer, klinisch sauber, scheinbar unbewohnt – die Umzugskartons nicht mal ausgepackt.

Nach knapp zwei Dritteln des Films setzt vergleichbar dem melancholischen Finale aus Absolute Giganten ein merklicher Stimmungsumschwung ein. Karl zweifelt zunehmend an seinem eigenen monotonen Lebensstil. Gleichzeitig werden die Auftritte des Gute Laune-Garanten Hans seltener und kürzer. Frank Gierings Charakter in Schippers Debüt plagten nach seiner Haftentlassung ähnliche Fragen, die ihn dazu bewogen, auf einem Containerschiff anzuheuern und seine Heimatstadt Hamburg zu verlassen.

Eine Kamera, die sich ganz auf Karl fokussiert und die Welt um ihn herum zu einem unscharfen Hintergrund aus Schemen und Lichtern verschwimmen lässt, führt den Zuschauer bis zum wunderbar offenen Ende mit seiner raffiniert gefilmten Schlusseinstellung so dicht es überhaupt möglich ist an einen Menschen heran, der erst durch eine ganz spezielle Freundschaft aus seinem emotionalen Wachkoma herausgerissen wird. Leise und unaufdringlich trägt Schipper diesen inneren Wandlungsprozess vor. Bleibt zu hoffen, dass sein Film damit nicht ungehört am Publikum vorbeizieht.

 

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