Ein fliehendes Pferd

Die Neuverfilmung von Martin Walsers berühmter Novelle über die Midlife Crisis bringt ein sehr überzeugendes Schauspielerensemble zusammen. Das Unterfangen, aus dem Text eine Komödie zu machen, gelingt aber nur halb.

Ein fliehendes Pferd

Wenn in der Novelle „Ein fliehendes Pferd“ das titelgebende Tier auftaucht, benötigt Martin Walser nur einige spröde Sätze, um zu beschreiben, wie Klaus sich auf den Rücken des Pferdes schwingt und über eine Wiese reitet. Geschildert ist die Szene aus der Sicht der Zuschauenden, aus großer Distanz. Bald ist Klaus hinter einem Hügel verschwunden, um wenig später wieder aufzutauchen, abzusteigen und jene berühmten Worte zu sagen, die Generationen von Gymnasiasten kennen: „Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd lässt nicht mit sich reden.“

In der Verfilmung von Rainer Kaufmann ist aus den wenigen spröden Sätzen Walsers eine energiegeladene Szene geworden, die den Ritt aus der Sicht von Klaus zeigt - die Kamera folgt ihm, galoppierend und jauchzend in einer kleinen Western-Fantasie. Es ist nahe liegend, dass ein bewegungsorientiertes Medium wie der Film sich nicht die Chance entgehen lässt, die ein solches Geschehen bietet. Aber Kaufmann macht aus der Novelle über das Phänomen der Midlife Crisis nicht nur ein dynamisches Stück Kino, sondern auch eine Komödie. Und darin liegt das Problem dieses sonst in vieler Hinsicht sehr gelungenen Films.

Ein fliehendes Pferd

Helmut (Ulrich Noethen) und seine Frau Sabine (Katja Riemann) machen Urlaub am Bodensee. Wie jedes Jahr. In einer pointierten Exposition wird noch während des Vorspanns, dessen Titel sich anschmiegsam in die Landschaft fügen, die Mischung aus Vertrautheit und Langeweile heraufbeschworen, die eine lange Ehe mit sich bringt. Helmut will die Ferien dazu nutzen, Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung zu lesen (bei Walser waren es Kierkegaards Tagebücher; die Änderung mag dem eingängigeren Titel jenes Werkes geschuldet sein) und hofft ansonsten einfach, seine Ruhe zu haben. Damit ist es vorbei, als Klaus (Ulrich Tukur) auftaucht, ein alter Schulfreund, der mit seiner wesentlich jüngeren und ungemein attraktiven Frau Helene, genannt Hel (Petra Schmidt-Schaller in ihrem Filmdebüt), zufällig an demselben Ort Urlaub macht.

Klaus ist ein dampfplaudernder Tausendsassa, dessen ausgestellter Frohsinn und dessen aufdringliche Männlichkeit unschwer als akuter Fall von Sinnkrise zu erkennen sind. Ulrich Tukur spielt ihn mit grandioser Verve, aber auch als dermaßen unerträgliche Nervensäge, dass man die Anziehungskraft, die er auf Katja Riemanns Sabine ausübt, nur schwer begreifen kann. Sein „Wann-lebst-Du“-Gerede und sein ständiges Hervorkramen von für Helmut peinlichen Jugenderinnerungen sind zwar der Motor des Films, aber auch dessen leeres, um sich selbst kreisendes Zentrum. Helmuts Verzweiflung über diese in seinen Alltag einbrechende Naturgewalt ist nur zu verständlich - und die Miesepetrigkeit, die Noethen seiner Figur ins Gesicht meißelt, ist herrlich anzusehen. Helmuts Farblosigkeit äußert sich auch darin, dass sein blaugraues Hemd Ton in Ton zu den ihn umgebenden Wänden passt.

Ein fliehendes Pferd

Regisseur Kaufmann und die Drehbuchautoren Ralf Hertwig und Kathrin Richter, deren erklärtes Ziel es war, die komödiantischen Aspekte der Vorlage zu betonen, müssen gespürt haben, dass die Diskrepanz zwischen Helmut und Klaus nicht für eine Komödie ausreicht. So wurden noch einige spaßige Szenen sowie sprachliche Kalauer wie „Will jemand eine Latte?“ und „Du kennst Dich ziemlich gut mit Vögeln aus“dazu erfunden. Die enorme Geschlossenheit, die den Text von Martin Walser auszeichnet, geht auf diese Weise verloren.

Walser selbst hat sich durchaus positiv zu der Verfilmung geäußert, der zweiten übrigens nach einer TV-Version von 1985. Und Kaufmann, der schon in den neunziger Jahren zusammen mit Katja Riemann sehr erfolgreiche Komödien gedreht hat (Stadtgespräch, 1995; Die Apothekerin, 1997) hat Timing und Bildgestaltung so gut im Griff, dass ein sehr kurzweiliger Film entstanden ist. Eigentlich sehenswert wird er aber erst durch die Schauspieler. Das Ensemble aus drei Erfahrenen und einer Neuentdeckung wirft sich gekonnt die Bälle zu - Noethen und Tukur zuzusehen, macht trotz der karikaturenhaften Überzeichnung einfach Spaß. Petra Schmidt-Schaller gibt überzeugend die verführerische Lolita. Und die Blicke, die Katja Riemann als unbefriedigte Ehefrau kreuz und quer über die Leinwand schickt, sind allein das Eintrittsgeld wert.

Trailer zu „Ein fliehendes Pferd“


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