Ein einziger Augenblick

Wen der kontrollierte emotionale Exzess des Hollywood-Schauspielerkinos begeistert, wird mit Ein einziger Augenblick möglicherweise glücklich werden. Wer vom Kino mehr erwartet als weinende Stars, sollte lieber einen weiten Bogen um Terry Georges neuen Film machen.

Ein einziger Augenblick

Professor Ethan Learner (Joaquin Phoenix) hat vor kurzem seinen Sohn verloren. Nun steht er vor einer Gruppe Studenten, die über die Leiden innerhalb des islamischen Kulturkreises diskutieren. Für einen Moment dringt die Weltpolitik ein in einen Film, der ansonsten hermetisch abgeriegelt zu sein scheint von allem, was außerhalb der unmittelbaren Lebenswelt seiner Protagonisten vor sich geht. Und auch in dieser Szene verschwindet der politische Diskurs alsbald in der Großaufnahme Ethans: Die Stimmen der Studenten verlieren sich im Hintergrund, zurück bleibt die zerquälte Subjektivität des bärtigen Akademikers.

Genauer gesagt: Zurück bleibt der Darsteller Joaquin Phoenix, der dieser Subjektivität seinen Körper leiht. Ein einziger Augenblick (Reservation Road), der neue Film des Hotel-Ruanda -(2004)-Regisseurs Terry George, definiert sich zuerst über das Schauspiel seiner beiden Hauptdarsteller. Und Schauspiel heißt in diesem Fall in erster Linie Leiden. Leiden muss Ethan, der seinen Sohn in einem Autounfall verloren hat, leiden muss der geschiedene Anwalt Dwight Arno (Mark Ruffalo), der Schuld an dem Unglück trägt und Fahrerflucht begangen hat.

Ein einziger Augenblick

Bestimmt wird der Film fortan von unterschiedlichen Variationen des Leids. Dwights Schuldgefühle nehmen selbstzerstörerische Züge an, und Ethan wendet seine Aggression nach außen. Während dessen Frau Grace (Jennifer Connelly) heftig, aber kurz trauert und anschließend ihr altes Leben wieder aufnehmen will, verwandelt sich sein Schmerz in eine Rachefantasie. Abgesehen hat er es auf den flüchtigen Unfallverursacher.

Hinter dem tränenreichen Schauspielerkino lauert das Genregerüst des Selbstjustizfilms. Ethans Blick wird von Einstellung zu Einstellung düsterer, er entfremdet sich seiner Familie, kommuniziert via Internet mit Gleichgesinnten und beginnt bald, auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Theoretisch interessant, in der praktischen Umsetzung aber wenig produktiv, ist an Georges Film das Setting.

Anders als klassische Rachefantasien à la Ein Mann sieht Rot (Death Wish, 1974) oder auch Neil Jordans letztjährige, äußerst gelungene feministische Variation Die Fremde in Dir (The Brave One, 2007) spielt Ein einziger Augenblick nicht im amoralischen Großstadtdschungel, sondern im pittoresken New England. Die Eröffnungsmontage schwelgt in den warmen, hellen Farben einer perfekt in die üppige Natur integrierten Kleinstadt. Hier üben sich die Frauen neben ihrer Hausarbeit in den schönen Künsten, und die Männer begeistern sich gemeinsam mit ihren Söhnen für Baseball. Eine Gesellschaftsstruktur im engeren Sinne, die die Existenz sozialer Differenzen voraussetzen würde, gibt es nicht. Ein einziger Augenblick spielt in der Welt der klinisch reinen bürgerlichen Subjektivität und hinterfragt diese nicht einmal im Angesicht des Todes.

Ein einziger Augenblick

Außerdem scheint in Connecticut jeder jeden zu kennen. Denn wohl um das – bereits nach wenigen Minuten schwer erträgliche – Powerschauspiel der beiden Hauptdarsteller wenigstens mit ein wenig Handlung zu unterfüttern, konstruiert der Film mehr schlecht als recht eine gleich doppelte Überkreuzung der Schicksale der Unfallbeteiligten. Nicht nur landet Ethan auf der Suche nach Rechtsbeistand ausgerechnet bei Dwight, zusätzlich stellt sich heraus, dass die Ex-Frau des Anwalts Ethans Tochter Klavierstunden gibt.

Solche Konstruktionsschwächen sind weniger ärgerlich als die unbedingte Konventionalität, mit der Terry George zu Werke geht. Nicht einem einzigen interessanten Regieeinfall ist es vergönnt, von den Schauspielerleistungen, dem A und O des Films, abzulenken. Bestimmend sind die Großaufnahmen Ethans und Dwights, daneben darf nichts bestehen, der Hintergrund verschwindet in der Unschärfe, die Nebenfiguren in Klischees. Vor allem, wenn sich der Film mit der Seite des Täters beschäftigt, erstickt er tendenziell in seinem eigenen Programm. Sowohl Dwights Sohn Lucas (Eddie Alderson) als auch seine Ex-Frau Ruth Wheldon (Mira Sorvino) bleiben rein funktionale Figuren, Stichwortgeber für die emotionalen Exzesse eines Hollywoodstars.

Ein einziger Augenblick, in den USA zwar ursprünglich einmal Oscar-Anwärter, dann aber an den Kinokassen katastrophal gefloppt, ist so etwas wie ein Ostküsten-Qualitätskino-Gegenentwurf zur blutrünstigen Death-Wish-Reihe (1974-1994). Das Ergebnis mag zwar auf den ersten Blick weniger reaktionär erscheinen als die Bronson-Vehikel, es sagt dafür aber nicht nur deutlich weniger – nämlich faktisch gar nichts – über das aktuelle Amerika aus, sondern ist darüber hinaus schlicht und einfach um ein Vielfaches langweiliger.

Trailer zu „Ein einziger Augenblick“


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Kommentare


Gerry

Kann mich der Filmkritik von Lukas Foerster überhaupt nicht anschließen. Ich fand den Film sehr gut, die Schauspieler sind überzeugend und die Story wird spannend aufgebaut. Ich (und auch alle meine Freunde) fanden diesen Film gelungen!






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