Ehrenmedaille

Die zwei Gesichter des Ion I. Ion – und die zwei Gegenwarten einer einzigen Geschichte.

Ehrenmedaille 04

Die Vergangenheit existiert nur in der Gegenwart – sie wandelt sich, je nachdem wie und woran man sich gerade jetzt erinnert, in welcher Situation, mit welcher Hoffnung. Nicht was wirklich geschehen ist, bildet das Material der Geschichte, sondern die Version, wahr oder erlogen, die man als Story erzählt. Dies ist die erste These in Calin Peter Netzers weisem, bescheidenem Film Ehrenmedaille (Medalia de onoare).

Als der Briefträger dem Rentner Ion I. Ion (Victor Rebengiuc) eines Tages im Spätherbst 1995 ein Schreiben des rumänischen Verteidigungsministeriums in die zugige Hochhauswohnung trägt, kann der auf kein allzu ruhmvolles Leben zurückblicken. Den eigenen Sohn (Mimi Branescu) hat er, wenn auch eher aus Dumm- denn aus Bosheit, der Securitate ausgeliefert, nur ein Jahr vor Ceaușescus Sturz. Der Sohn ist jetzt Arzt in Kanada und will nichts mehr von seinem Vater wissen, mit dem auch die Frau (Camelia Zorlescu) kein Wort mehr redet. Und nun soll ihm eine Ehrenmedaille verliehen werden, für seine heldenhaften Taten während des Zweiten Weltkriegs? Das Vaterland, das ihn mit einer kleinen Rente abspeist und ohne funktionierende Heizung zittern lässt, soll ihn plötzlich die höchsten Ehren zuteil werden lassen?

Ehrenmedaille 02

Ion I. Ion ist ein Verlierer, ein kleiner Versager und Rechthaber. Statt sich seiner Schuld zu stellen, statt den schweigenden Protest seiner Frau wahrzunehmen, redet er unverdrossen weiter, sodass ihn keine Widerworte erreichen. Er biegt sich jede Situation so zurecht, dass er bekommt, was er möchte, grantelt an allem und jedem herum, ohne seiner Umwelt auch nur einen Schritt entgegenzukommen. Die Ehrenmedaille nun gibt ihm die einmalige Möglichkeit, auch mit seiner Vergangenheit zu tun, was er schon mit der Gegenwart veranstaltet. Ion sucht so lange in seinen brüchigen Erinnerungen, bis er eine Episode von der Front gefunden hat, die sich gut als heroische Tat berichten lässt. Und schon wird aus dem Niemand ein Kriegsheld.

Wie kann man kurz vor Schluss einem verpfuschten Leben noch tiefen Sinn verleihen, eine Geschichte des Versagens in eine Heldenerzählung verwandeln? Es ist dies eine komplizierte Frage, die Ehrenmedaille jedoch ganz locker aufwirft, getarnt als kleine Tragikomödie. Denn: machen es Nationen nicht oftmals ganz ähnlich mit der eigenen Vergangenheit? Unebenheiten und Widersprüche werden glattgebügelt, jedes Gegengedächtnis  wird unter Marmor und Bronze begraben.

Ehrenmedaille 05

In Bukarest, so wie Regisseur Netzer es wahrnimmt, stehen überall Denkmäler. Stolze Soldaten, Gewehr im Anschlag, hoch zu Ross, dem Tode entgegenschreitend. Doch sechs Jahre nach Ende der kommunistischen Diktatur stehen die Monumente im Schneegestöber, und ein kleiner schlitzohriger Rentner blickt im Vorüberfahren auf sie und erkennt sich plötzlich selbst in der bröckelnden Heldengeschichte seines gescheiterten Landes.

Ehrenmedaille 09

Netzers Film ist ein Geniestreich des richtigen Maßstabs. Immer entwickelt er seine großen Metaphern direkt aus der kleinen Handlung, immer begegnen sich politischer, geschichtlicher und sozialer Diskurs auf Augenhöhe mit den Figuren und ihrem ärmlichen, aber nicht armseligen Leben. Als es noch frostig ist zwischen Ion und seiner Gattin, als er noch der kleine Niemand ist, da ist es noch so kalt, dass der Sonntagsbraten einfriert. Und das Bajonett aus dem großen Krieg ist nicht mehr als ein schlechtes Messer, mit dem man den erstarrten Brocken nicht mal schneiden kann. Doch als der frischgebackene Kriegsheld die Energie aufbringt, sich durch den rumänischen Bürokratiedschungel zu schlagen, um sich über die kaputte Heizung zu beschweren, da findet er auch den Mut, wieder mit dem Sohn zu sprechen und mit seiner Frau: Tauwetter setzt ein. Immer wieder fügen sich so, im Rahmen eines fast nichtigen Lebens, sehr beziehungsreiche Metaphern zusammen.

Ehrenmedaille 12

Getragen wird Ehrenmedaille von dem grandiosen, herzerweichenden Spiel Victor Rebengiucs. Ihm gelingt es, stets zwei Figuren zwischen den Falten eines einzigen Gesichts durchschimmern zu lassen, zwei Vergangenheiten, zwei Versionen eines einzigen Menschenlebens: die des schrulligen, letztlich herzensguten Opas und die des selbstgerechten, reuelosen Nörglers. Und ebenso flimmern die Bilder und Stimmungen des Films: verschattete, schmutzige Grau- und Brauntöne erzählen von sozialer Misere, während Wortwitz und Situationskomik unter der tristen Oberfläche immer wieder Momente der Wärme freilegen.

Diese Spannung zwischen den beiden Gesichtern des Ion I. Ion, die auch die beiden Gesichter der rumänischen Gesellschaft sind, und zwischen den beiden Stimmungen der Inszenierung löst Netzer bis hin zur schlichtweg grandiosen Schlussszene nicht auf. Doch darüber soll hier nicht geschrieben werden. Nur so viel: Die Vergangenheit kann sich an der Gegenwart rächen. Wie gewitzt man seine Geschichte auch erzählen mag, wie schlau man auch konstruiert – oft kommt die Einsicht, die Reue, die Schuld zuletzt deshalb, weil die Gegenwart nie mehr ist eine geduldete Version des faktisch Geschehenen. Allein die Zukunft ist offen. 

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Kommentare


Martin Zopick

Ein kleiner Film im Kammerspielformat über den beschwerlichen Alltag eines alten Ehepaares im Rumänien nach Ceausescu. Eigentlich ein Zweipersonenstück, das von den beiden überaus authentischen Darstellern von Ion und Nina lebt: Victor Rabengiuc und Camelia Zorlescu.
Mit viel Liebe zum Detail bis in unbedeutende Kleinigkeiten hinein wird eine Atmosphäre von deprimierender Traurigkeit geschaffen und intime Einblicke ins Privatleben der beiden gewährt. Aber es gibt kleine Aufhellungen, die zur übrigen Handlung passen wie Pfeffer zu Endbeeren. Das sind die kleinen, erwärmenden Annehmlichkeiten des Alltags, die sich ergeben, wenn man die Ansprüche ganz weit runterschraubt.
Das Thema bildet nur den Rahmen, denn Ion hat die Medaille aus Versehen bekommen. Und er weiß auch nicht, wieso. Trotzdem will er sie behalten. Entweder wegen des Goldwertes oder wegen der damit verbundenen Ehre.
Die Alten schweigen sich an wegen Problemen aus der Vergangenheit (Sekuritate!) und trinken heimlich, ohne dass der andere es merkt. Der Sohn ist in Kanada, der Opa hat Sprachprobleme mit seinem Enkel.
Selbst als die Familie den Besuch des Sohnes feiert, haben sich Vater und Sohn nichts zu sagen. Alles endet in einem sinnfreien Palaver von Small Talk. Dabei brennen allen die Probleme eigentlich auf den Nägeln.
Mit viel Empathie gemacht, versüßt der leise Humor den herben Realismus.






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