Egoshooter

Tom Schilling verkörpert den jugendlichen Jakob, der ziellos durchs Leben treibt und dabei seine Umgebung und sich selbst filmt. Das Regiekollektiv „Field Recordings“ inszeniert und lässt improvisieren unter der Schirmherrschaft von Wim Wenders. Das Konzept lässt Radikales erhoffen, und dabei bleibt es.

Egoshooter

Aus der Ich-Perspektive Menschen erschießen: Das ist das Prinzip der als Egoshooter bezeichneten Videospiele. Jakob (Tom Schilling) spielt aber nicht am Computer, seine Waffe der Kompensation ist eine Videokamera, mit der er sich und seine Umgebung fast ununterbrochen filmt. Für Morde ist er auch viel zu angepasst – eingebunden in ein träges, cooles Leben einer Rapper-Clique Kölns. Von Zeit zu Zeit bricht er aus den Pfaden des „richtigen“ Lebens aus und zertrümmert auch mal das Mobiliar einer fremden Wohnung, filmt seinen Bruder beim Sex mit dessen schwangerer Freundin Karo, der er sich selber verbunden fühlt, oder betrinkt sich mit der Mutter eines Kumpels. Ein wirklicher Ausbruch sind diese erzählerischen Höhepunkte aber natürlich noch nicht, vielmehr sind es die Symptome der Sinn- und Ziellosigkeit eines Daseins und einer Erwachsen werdenden Generation.

Egoshooter

Egoshooter kommt als inszeniertes Videotagebuch von Jakob daher, ein 19-jähriger Junge, der sich selbst und seine Umgebung zwanghaft filmt. Dass der Selbstdarsteller dabei nichts von Belang zu sagen hat, ist ausgemachtes Spiel. Denn seine Geschichte ist eine Art Weiterentwicklung der Videotagebücher unterschiedlicher Jugendlicher, die Oliver Schwabe für den NDR seit 1998 mehrfach herausbrachte. Die portraitierte Generation, zu der sich Hauptdarsteller Tom Schilling selbst zählt, zeichnet ihre Lässigkeit und ihre Orientierungslosigkeit aus – eine Orientierungslosigkeit, aus der aber nicht viel mehr als ein paar Anekdoten von großen Plänen und verpatzten Liebesgeschichten resultieren.

Jakobs Freund Philip, dessen Rap-Auftritte Jakob aufnimmt, formuliert so ostentativ eine Kritik an der Desinformation der Medien, dass man versucht ist, den ganzen Film als Spiegel dessen zu sehen. Denkt man an die vielen Doku-Fictions des momentanen Fernsehens – von der aktuellen Abi-Klasse bis hin zu schlecht gefilmtem erfundenem Detektiv- und Polizeialltag - könnte man Egoshooter als ein sich daran anlehnendes Format begreifen, dessen diegetischer Informationswert gen Null tendiert. Der Ursprung des Films im dokumentarischen Fernsehen und auch der Licht- und Kameraeinsatz sowie manch improvisierter Dialog sprächen zumindest für eine solche Beheimatung. Die Regisseure Christian Becker und Oliver Schwabe stellen zu jedem Zeitpunkt, wenn auch qualitativ hochwertiger, ihr Medium aus: die sich unaufhörlich bewegende Kamera und die stark variierenden Lichtkonzepte – von einer stilisierten Lichtsetzung über grünlich gefärbte Bilder bis hin zu Nachtaufnahmen, mit digital vervielfachtem Licht - sind Zeugen des naturalistischen Tagebuchformats, das sie mit ähnlich aussehenden „objektiven“ Bildern kombinieren.

Egoshooter

Das Team um Produzent Wim Wenders weiß die ungewöhnliche Form des Films nicht für eine durchgängig stringente Erzählung zu nutzen und lässt die im Ansatz durchaus spannenden potentiellen Auseinandersetzungen leider verpuffen. Weder die Beziehung zum Bruder, noch zur abwesenden Mutter, noch die beiläufige Liebesgeschichte zu der Freundin eines Freundes werden bis zum Ende verfolgt – assoziativ wird aneinandergereiht, was chronologisch Sinn ergibt – und die coole Distanz, die Jakob dem Leben entgegenbringt, übernimmt der Zuschauer zwangsläufig auch ihm gegenüber, denn es zeichnet ihn nicht viel aus. Mit Sicherheit macht diese Abwesenheit einer Interesse haltenden Narration die Belanglosigkeit, das Treibende der Jugendlichen deutlich. Die als Erkenntnisse inszenierten Dialoge - eben jene Wünsche den Medien etwas entgegenzusetzen, oder auch, dass weder Leiden noch Sterben ersehnte Alternativen sind – zeugen von dieser Banalität der Figuren, die immer wieder ihrer hehren Pläne und schwachen Ausführungen wegen lächerlich wirken. In der Kombination mit einer fehlenden Radikalität, die das Filmkonzept fälschlicherweise erhoffen lässt, ist Egoshooter letztlich, gleich wie viel man dem Film und Tom Schilling zugestehen möchte, eine Enttäuschung.

Kommentare


Schnabbatz

ich vand den film auhc richtig gut. am schlus vor allem.






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