Edge of Love

Regisseur John Maybury spürt den Frauen in Dylan Thomas’ Leben nach. All das, was am Rande der Liebe geschieht, studiert er in der Mimik der Liebenden.

Edge of Love

Auch in The Edge of Love, dem zweiten Film, in dem er historische Figuren in Szene setzt, widmet sich Maybury einem der größten englischen Künstler des 20. Jahrhunderts: dem Dichter Dylan Thomas. In Love is the devil (1998) entwarf er ein verzerrtes Porträt des Malers Francis Bacon. Weder hier noch dort geht es Maybury um eine chronologisch erzählte Lebensgeschichte. Sein Fokus liegt mehr auf den Geliebten und Lieben des Künstlers als auf seiner Persönlichkeit oder seinen Künsten.

Vera Philips (Keira Knightly) kommt als junge Frau nach London, um Sängerin zu werden, und trifft dort auf ihren Jugendfreund Dylan Thomas (Matthew Rhys). Dass dieser mittlerweile nicht nur berühmt, sondern auch verheiratet ist, erfährt sie erst, als er ihr seine Ehefrau Caitlin MacNamara (Sienna Miller) vorstellt. Vera ist irritiert. Dylan begegnet dieser Irritation mit poetischer Vertröstung: „Nothing should ever come between us, soul mates we are, Vera, always were.“ Vera lächelt Caitlin an, bevor sie sich verabschiedet. Caitlin kann dieses Lächeln nicht deuten und fragt Dylan. Seine Antwort: „I don’t know, I never did.“ Vera, Caitlin und Dylan ziehen bald darauf in ein gemeinsames Zimmer. Ein durchsichtiger Vorhang trennt den Wohnraum des Paares von dem der jungen Frau. Als Caitlin des Nachts Dylan dabei erwischt, wie er Vera beim Schlaf beobachtet, sagt sie zu ihm: „Touch her and I’ll kill you.“

Edge of Love

Trotz dieser Eifersucht entwickelt sich in der räumlichen Enge eine tiefe Freundschaft, vielleicht sogar Liebe zwischen den Frauen. Nicht nur in Dylans Wohnung ist es eng. Vor allem durch den fast vollständigen Verzicht auf Totalen und sogar auf Halbtotalen wird das London des Zweiten Weltkriegs zu einem Ort der Klaustrophobie. Als der Soldat William Killick (Cillian Murphy) Vera den Hof zu machen beginnt und Dylan in der gemeinsamen Wohnung beobachtet, wie die beiden sich liebkosen, wird es auch ihm zu eng. Er schreibt ein Gedicht, das mit den Zeilen beginnt: „A stranger has come to share my room in the house.“ Caitlin gefällt das Gedicht nicht. Sie begreift, dass es eine andere Frau ist, für die Dylan in schlafloser Nacht diese Worte zu Papier brachte: „Don’t write poems for me anymore?“

Edge of Love

Die Enge in London steht nur scheinbar im Gegensatz zu den Landschaftsaufnahmen und dem Blick aufs Meer im zweiten Teil des Films, wenn Vera, Dylan und Caitlin nach Wales ziehen. William, inzwischen mit Vera verheiratet, befindet sich an der griechischen Front. Die Klaustrophobie verschiebt sich aus der Stadt in die Beziehungen der Figuren selbst, und Maybury ist wieder bei seinem Thema: Liebe lässt leiden. Das zeichnet er etwas zu deutlich, wenn beispielsweise Caitlin die Naht einer verarzteten Blessur am Kopf aufreißt, um wortwörtlich in der eigenen Wunde zu stochern. Williams Zweifel an Veras Treue steigern sich ins Neurotische und enden damit, dass er mit einer Schrotflinte bewaffnet auf Dylans Haus losmarschiert.

Edge of Love

Williams Albträume sind ein Selbstzitat Mayburys. In Love is a devil wurde Francis Bacons Geliebter (Daniel Craig) auf die gleiche Art und Weise von einem unruhigen Schlaf gequält. Die weit aufgerissenen Augen Caitlins des Nachts in Dylans Bett sind geisterhaft ausgeleuchtet wie die Augen Francis Bacons (Derek Jacobi). Mayburys Leidenschaft für Close-ups, von der er auch in The Jacket (2005), seinem Science-Fiction-Film mit Adrien Brody und ebenfalls Keira Knightly, nicht abgelassen hat, kommt hier ganz zum Tragen. Das emotionale Leben der Figuren wird in ihren Gesichtern studiert. Das Zucken von Lippen, das Blinzeln von Augenlidern nimmt die Kamera (Jonathan Freeman) genauso sorgfältig auf wie schon in Love is the devil (Kamera: John Mathieson) und in The Jacket (Kamera: Peter Deming). Die Veränderung von Veras Lächeln verrät mehr über ihren Charakter- und Liebeswandel als die gesamte Story, angefangen von der Liebe zu Dylan über Heirat und Schwangerschaft bis hin zur aufrichtigen Liebe zu William: Was unausgesprochen und ungreifbar am Rande der Liebe geschieht, erzählt allein die Mimik der Liebenden. Maybury gelingt es ein weiteres Mal einzufangen, welche Geschichten in den Gesichtern geschrieben stehen.

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Kommentare


Martin Z.

Hier wird nicht Literatur geschaffen, sondern das Umfeld des genialen Dichters Dylan Thomas beleuchtet. Atmosphärisch dicht und authentisch überzeugt die Story, die sich aus einem gut recherchierten Nachempfinden speist. Die vier tollen Hauptdarsteller überzeugen bei diesem gewagten Thema: ein Dreiecksverhältnis. Es ist der permanente Tanz auf dem Vulkan, hier wie im Thema angedeutet eher eine Rasierklinge. Die schwierige Gradwanderung der zwei Frauen (hervorragend Keira Knightley und Sienna Miller) zwischen selbstloser Liebe, Betrogen werden und selbst betrügen. Eifersucht und Zuneigung schaffen dieses atemberaubende Spannungsverhältnis. Als gewöhnlicher Sterblicher kann man das kaum nachzuvollziehen, was wir da sehen: das freizügige Leben mit viel Alkohol, Sex und genialer Lyrik. Alle Akteure versuchen eine bindungslose Abhängigkeit, leben einen Hedonismus mit Geist und Witz. Das könnte gelingen, käme da nicht der 1. Weltkrieg. Und das überraschende Ende, das den großen Dylan Thomas, den Giganten unter den modernen englischen Lyrikern als menschliches Schwein entlarvt, was seiner Kunst aber keinen Abbruch tut. Das ist alles äußerst bewegend geschildert und berührt Herz und Verstand.






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