Eden

Die Zubereitung köstlicher Speisen ist eine Kunst, die ohne Kreativität und Hingabe nicht gelingen kann. Den besten Beweis hierfür liefert Michael Hoffmanns tragikomisches Außenseiterdrama.

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Wenn man Spitzenköche dabei beobachtet, wie sie aus Zutaten essbare Kunstwerke zaubern, wie sie es verstehen, unterschiedliche Geschmacksrichtungen zu kombinieren, um aus etwas Bekanntem etwas gänzlich Neues zu kreieren, das unsere Sinne betört, dann erscheint die Analogie zwischen Koch und Künstler nahe liegend, wenn nicht gar unvermeidlich. Sowohl das kreative Element des Kochens als auch die Kunst des Filmemachens vertrauen auf das Gefühl für die Materie und die eigene Intuition. Beides lässt sich nur schwerlich „erlernen“, weil es über das Aneignen eines bloßen Handwerks weit hinausgeht. Und wie ein gutes Essen nur gelingen kann, wenn die verwendeten Zutaten gewissen Qualitätsstandards genügen, sind große Filme ohne Könner vor und hinter der Kamera kaum vorstellbar.

Ein Virtuose seines Fachs ist auch der exzentrische Gregor (Josef Ostendorf). In einem kleinen Kurort im Schwarzwald verzaubert er mit seiner „Cucina erotica“ Abend für Abend die Gäste seines Restaurants. Wenn er nicht gerade kocht und sich dabei mit allen Sinnen dem Rausch der Gerüche und Geschmacksvariationen hingibt, beobachtet er mit Vorliebe die hübsche Kellnerin Eden (Charlotte Roche), die im biederen Kurcafé arbeitet. Eden weiß, dass Gregor ein Auge auf sie geworfen hat. Als sie von den Pralinen isst, die Gregor anlässlich des Geburtstages ihrer Tochter Leonie (Leonie Stepp) gemacht hatte, fühlt sie sich wie im Paradies. Sie erzählt ihrem Mann Xaver (Devid Striesow) von der erotisierenden Wirkung der Süßigkeit. Was dem gemeinsamen Liebesleben anfangs zu neuer Lust verhilft, entfacht alsbald Xavers Eifersucht. Er ist sich sicher, dass Eden ihn mit Gregor betrügt.

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Die Leidenschaft, die Gregor seiner Kochkunst entgegen bringt, wie er mal sorgsam, mal geradezu ekstatisch die Zubereitung des Essens zelebriert, spiegelt sich im formalen Rahmen des Films wider. Die Kamera von Jutta Pohlmann scheint an Gregors Lippen und Händen zu kleben. Unserem Blick entgeht keine Nuance dieses chaotisch anmutenden Schöpfungsprozesses, wobei die mittels schneller Schnitte und zahlreicher Nahaufnahmen erzeugte rauschhafte Dynamik das zentrale Motiv dieser Szenen darstellt. Gregor sucht das haptische Erlebnis bei der Arbeit. Er will die Dinge, die er zu Gourmet-Gerichten verwandelt, selber spüren und in sich aufsaugen. Unterstützt von einer Tonspur, die einzelne Aspekte wie Gregors lustvolles Schmatzen und Schlürfen während des Probierens betont, entsteht in den Räumen des Meisterkochs die Illusion einer autarken Welt. Diese hat gar nichts mit dem tristen Alltag des Kurbetriebs gemein. Es ist auch Edens persönliches Paradies, für das ihr Mann Xaver kein Verständnis aufbringen kann.

Die Verquickung von kulinarischen Genüssen mit amourös-erotischen Motiven ist spätestens seit dem 80er Jahre-Aufreger 9 ½ Wochen (Nine ½ Weeks, 1985) im Mainstream-Kino angekommen. Was bei Ferreri (Das große Fressen, La grande bouffe, 1973) noch satirisch als ätzende Kritik an einem materialistischen Hedonismus und sexueller Maßlosigkeit formulierte wurde, gab sich in der Folgezeit zunehmend handzahm. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung stellt der biedere, streng nach Oscar-Rezept zubereitete Chocolat (2000) dar.

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Auch in Michael Hoffmans Tragikomödie bleibt die aphrodisierende Wirkung des Essens nicht folgenlos. Wie nicht anders zu erwarten, führt Edens Wiederentdeckung der oralen Lust nicht nur zu einer für sie intensiver erlebten Sexualität, auch der geheim gehegte Kinderwunsch darf in Erfüllung gehen. Das passt zu einer insgesamt vorhersehbaren Dramaturgie, die von den für das Genre üblichen Schemata kaum abweicht. Bereits die unterschiedliche Physiognomie von Roche und Ostendorf signalisiert, dass ihre Beziehung niemals über die einer platonischen Freundschaft hinauskommen wird. Bill Murray übernahm in Sofia Coppolas Indie-Erfolg Lost in Translation (2003) die Funktion eines väterlichen Begleiters für eine an ihrem Leben zweifelnde junge Frau. Gleiches trifft auf Gregor zu, der allerdings, selbst unsicher und schüchtern, dank Eden ein mentales Aufbauprogramm erfährt.

Obwohl es letztlich sogar zu einem tödlichen Zwischenfall kommen soll, ist die von Hoffmann implantierte „Feel Good“-Atmosphäre zu keiner Zeit wirklich in Gefahr. Dafür haben sich alle einfach zu gerne. So kitschig und naiv das klingen mag, es trifft den Kern des Films. Eden und Gregor sind typische Gutmenschen und damit trotz mancher Marotten irgendwie schrecklich langweilig. Zudem instrumentalisiert Hoffman zu offensichtlich die Behinderung von Edens Tochter Leonie. Das mit dem Down-Syndrom geborene Kind muss für mehrere süßliche Charmeattacken herhalten. Bei dem Anblick ihres sonnigen Gemüts, so das offensichtliche Kalkül, wird nicht nur Gregors Herz dahin schmelzen. In diesen Momenten ist der magische Einfluss der „Cucina erotica“ vergessen. Es regiert die Piefigkeit eines auf Nummer sicher gehenden, politisch korrekten Filmemachers.

 

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