Easy Virtue - Eine unmoralische Ehefrau

Nach neunjähriger Pause meldet sich der Australier Stephan Elliott mit der Verfilmung eines Theaterstücks aus den 1920er Jahren zurück. Seine Begeisterung für den Stoff überträgt sich nur teilweise auf den Zuschauer.

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England, Ende der 1920er Jahre: Ein silbernes Rennauto fährt den Weg zum altehrwürdigen Anwesen der Familie Whittaker hinauf. Im Auto sitzt ein frisch vermähltes Ehepaar: die amerikanische Rennfahrerin Larita und ihr Mann John. Noch bevor die beiden aussteigen und auf die Familie des  Gatten treffen, ist durch die vorangegangene Anfangssequenz im Hause Whittaker klar: Hier werden zwei Welten aufeinandertreffen.

„Er hat tatsächlich das Flittchen geheiratet“, sagt Johns Mutter zu Anfang, die nicht glauben kann, dass sich ihr einziger Sohn für eine leichtlebige Amerikanerin entschieden hat. Mr. Whittaker dagegen, den der Einsatz im Ersten Weltkrieg zum erbitterten Zyniker gemacht hat, genießt die Fassungslosigkeit seiner Frau belustigt. Die Töchter Hilda und Marion sind dagegen zunächst nur gespannt auf die Errungenschaft ihres Bruders. Die Fronten sind jedenfalls längst geklärt, als das junge Paar das Elternhaus erreicht und das offen getragene, blonde Haar des neuen Familienmitglieds unter dem Rennfahrerhelm zum Vorschein kommt. Die Frischvermählten wollen einige Tage im Elternhaus verbringen, und aus dieser Grundkonstellation entwickelt sich die komplette Handlung von Easy Virtue, die auf dem gleichnamigen Theaterstück von Noel Coward beruht.

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Der Kampf zwischen der jungen Ehefrau und ihrer Schwiegermutter wird mit zunehmender Feindseligkeit ausgetragen und immer wieder von den übrigen Familienmitgliedern befeuert. Der klischeebeladene Konflikt zwischen englischer Familie und Amerikanerin erweist sich dabei nur als Variation einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts universellen Entwicklung. Es geht um die Ablösung konservativer Familientraditionen durch einen neuen Liberalismus, das Aufeinandertreffen von aristokratischen Wertvorstellungen und dem modernen way of life.

Während die Figur der Larita in Cowards Vorlage dabei noch als echtes Miststück porträtiert wird, das sich kaum für andere Menschen interessiert, sind die Sympathien in der Interpretation von Regisseur Stephan Elliott anders verteilt. Larita ist hier der schlagfertige Freigeist, während Mrs. Whittaker die Rolle der Haustyrannin zukommt, die stur an längst nicht mehr zeitgemäßen Traditionen festhält und bei jedem Satz Laritas in Ohnmacht zu fallen droht. Dieser Culture Clash kulminiert schließlich in einer mutig bis absurd inszenierten Fuchsjagd, bei der die Amerikanerin die reitenden Lords mit ihrem Rennauto überholt.

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Niemand Geringerer als Alfred Hitchcock hat Easy Virtue 1928 schon einmal verfilmt. Trotz der erstmaligen Verwendung einiger damals revolutionärer Kameratechniken nimmt dieser frühe englische Stummfilm im Oeuvre des Meisters aber keinen zentralen Platz mehr ein. Während Cowards Stück in der Hitchcock’schen Interpretation zum Melodram ohne Happy End wird, liegt diese erste Neuauflage seit über achtzig Jahren näher am leichten Unterhaltungsfilm. Elliotts persönlicher Hintergrund legt außerdem die Vermutung nahe, dass es dem Regisseur vor allem darum ging, die verlorene Leidenschaft an seinem Beruf zurückzugewinnen. Nach seinem Überraschungserfolg Priscilla – Königin der Wüste (The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert, 1994) folgten zwei vor allem finanziell desaströse Projekte, woraufhin der Australier dem Filmemachen für immer abschwören wollte, und schließlich ein schwerer Skiunfall, der beinahe tödlich endete. Nach diesem Erlebnis und der langen Genesung ließ er sich zur Fortsetzung seiner Karriere und zum Projekt Easy Virtue überreden.

Der wiedererlangte Spaß am Inszenieren ist dem Film mit seinem schwungvollen Tempo und den visuell ambitionierten Übergängen tatsächlich anzumerken – allerdings schießt Elliott dabei häufig übers Ziel hinaus. Die vielen Schnitte lassen die für einen Stoff wie Easy Virtue so zentrale Interaktion zwischen den Darstellern nie wirklich zustande kommen, und so unterwandert die betont filmische Umsetzung letztlich den Ensemblecharakter des Theaterstücks.

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Dieses Manko wirkt sich vor allem auf die Leistung der beiden jungen Darsteller Jessica Biel und Ben Barnes aus, die insgesamt blass bleiben. Anders dagegen die ältere Garde: Kristin Scott Thomas vollführt als Mrs. Whittaker eine gelungene Gratwanderung zwischen der aristokratischen Variante des Schwiegermutter-Klischees und einer so authentischen wie tragischen Figur, und Colin Firth trägt wunderbar lakonisch die knappen und umso prägnanteren Kommentare des Mr. Whittaker vor.

Diese Figur ist es auch, die dem Film einen über seinen Unterhaltungscharakter hinausdeutenden Aspekt hinzufügt: dass nämlich im Streit um Werte und Moral die Grenze zwischen den Konfliktparteien nicht zwangsläufig mit der Grenze zwischen den Generationen korrelieren muss. So wie Bräutigam John die Umgebung seines Elternhauses genießt und sich zunehmend besser mit seiner Mutter versteht, nähern sich auch Larita und Mr. Whittaker einander an. „Ich kann hier nicht leben – niemand kann hier leben“, sagt Larita einmal und spricht damit nur aus, was Mr. Whittaker mit seinem Rückzug in den Zynismus längst für sich beschlossen hat. Die Erfahrung des Krieges lässt ihm die Familienrituale genauso absurd und anachronistisch erscheinen wie der gänzlich anders sozialisierten Amerikanerin.

Während sich die Handlung selbst ausschließlich auf dem Anwesen der Whittakers abspielt, weist die Figur des Veteranen auf die Außenwelt hin und erinnert daran, dass der hier privat ausgetragene Konflikt zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem das noch junge Jahrhundert längst mit dem Virus des Krieges infiziert ist, das es bis zu seinem Ende charakterisieren wird. Ein Virus, dem weder mit einer gut geplanten Fuchsjagd noch mit dem Rückzug zu gesitteten Tischmanieren beizukommen ist.

Kommentare


alexanderkrampe

Der Film hat mich wirklich enttäuscht. Er bewegt sich an einer Oberfläche entlang, in der Spielort, Genre und soziale Umgebung wie eine alberne Verkleidung wirken: das Verständnis dieser Kultur setzt erheblich mehr voraus, als lediglich ein Schloß für die Dreharbeiten zu mieten und die Protagonisten auf der Bühne einer geldknappen Upper Class unterzubringen.

Die Entwicklung der Figuren - obwohl diese Chance doch durch die Vorlage mehr als gegeben war - gelingt überhaupt nicht, deren Persönlichkeiten bleiben plakativ und eindimensional. Das Scheitern der Beziehung zwischen dem jungen Ehepaar bleibt ebenso Andeutung wie alle anderen Mitspieler.
Der angeblich und oft zitierte Wortwitz war nur höchst selten anzutreffen, kein Vergleich zu den BBC Verfilmungen der Jane Austen Romane oder anderen Beispielen wie: Mansfield Park, Sinn und Sinnlichkeit (der von Ang Lee) oder der ganz hervorragende "Gosford Park" von Robert Altman.
Hat man diesen Film gesehenm, denkt man sich: hätte ihn doch ein kluger Engländer gedreht und ein anderer noch klügerer Engländer das Drehbuch geschrieben.






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