Easy Rider

„This used to be a hell of a good country.“ James Benning macht sich ein weiteres Mal auf Spurensuche in der amerikanischen Landschaft, diesmal mit einem freien Remake von Easy Rider.

Easy Rider 01

Es ist eine sehr undankbare Aufgabe für einen Regisseur, ein Remake von einem Film zu drehen, der längst zum Klassiker geworden ist. Gus Van Sant war sich wahrscheinlich der Unmöglichkeit seines Unterfangens bewusst, als er sich mit der Neuverfilmung von Hitchcocks Psycho (1960) in ein intellektuelles Konzept flüchtete. Statt den alten Film mit neuen Ideen zu konfrontieren, drehte er einfach Einstellung für Einstellung das Original nach. Natürlich gibt es auch noch andere Möglichkeiten, an ein Remake heranzugehen. Die interessanteste ist wahrscheinlich, etwas ganz Eigenes zu machen. Wenn man nun hört, dass James Benning, Star des experimentellen Kinos der Gegenwart, den längst zum Allgemeingut gewordenen Easy Rider (1969) neu interpretiert, könnte man leicht zu dem Schluss kommen, dass genau dies hier der Fall ist.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Natürlich interessiert sich sein Easy Rider nicht für eine Handlung oder Figuren, sondern vor allem für die amerikanische Landschaft. Und so sucht Benning jene Orte auf, an denen Dennis Hopper einst drehte und konzentriert sich, ähnlich wie in seinen Filmen One Way Boogie Woogie (1977) und One Way Boogie Woogie 27 Years Later (2005), darauf, wie die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat. Das Spektrum reicht dabei von weitläufigen Totalen bis zu Detailaufnahmen von Graffiti. Erstaunlich dabei ist, wie treu Benning dem Original in mancher Hinsicht bleibt. Er nähert sich den Orten brav in chronologischer Reihenfolge und legt sogar immer wieder Dialogfetzen aus Hoppers Film über den Originalton. So stehen Vergangenheit und Gegenwart, aber auch Fiktion und Dokumentation in ständiger Korrespondenz miteinander.

Easy Rider 02

Easy Rider zählt sicher zu den zugänglichsten Werken des minimalistischen Amerikaners. Der Film ist nicht nur schneller geschnitten und verfügt über abwechslungsreichere Motive, selbst Musik kommt zum Einsatz, und zwar nicht als leiser Klang aus der Ferne, sondern als dominierendes Gestaltungsmittel. Es handelt sich dabei um aktuelle, ausschließlich von Frauen – unter anderem auch von Bennings Tochter Sadie – gesungene Lieder. Und auch eine Coverversion von Steppenwolfs Titelsong Born to be Wild ist mit dabei. Es hat schon einen gewissen Charme, dass Benning hier nicht nostalgisch wird und genau wie die jungen Biker, die versuchen, einen freien Lebensentwurf in einer reaktionären Gegend zu verwirklichen, dem Alten etwas Neues entgegensetzt. Doch genau die Songs stellen auch die größte Schwachstelle des Films dar. Denn gerade weil Bennings Filme durch ihre Langsamkeit den Blick des Betrachters sensibilisieren, schmerzt die Verwendung jedes einzelnen Klischees umso mehr. Das Bild einer leeren, endlos wirkenden Straße in der Wüste, untermalt mit melancholischem Electro-Pop, drängt einen als Zuschauer in die Untiefen des amerikanischen Independent-Kinos, ebenso wie ein Schnitt während eines Songs eine kontemplative Landschaftsbetrachtung zum Videoclip degradieren kann.

So wie solche Zugeständnisse an filmische Konventionen Easy Rider nicht gut tun, wirkt auch das klare Konzept über die gesamte Laufzeit des Films einengend. Wobei es Benning zweifellos mehrmals schafft, sich der übermächtigen Vorlage aus neuer Distanz zu nähern. Manchmal nimmt er eine Szene und skelettiert sie bis auf ihre Essenz. Dennis Hopper packte den Generationenkonflikt etwa in eine Einstellung, in der ein alter Mann sein Pferd besattelt, während Peter Fonda sein Motorrad repariert. Bei Benning sehen wir erst die Aufnahme eines Pferdes, das nach links blickt, dann die eines nach rechts gerichteten Motorrads.

Easy Rider 03

Am stärksten ist Easy Rider freilich, wenn er sich von seinem Original löst und in der Abstraktion verliert, in der reinen Materialität der amerikanischen Landschaft. So schwungvoll der Einstieg des Films ist, so abrupt wirkt es, wenn Benning plötzlich für fast eine Viertelstunde die Nahaufnahme eines Flusses zeigt: Eine Einstellung, die auf den ersten Blick banal erscheint, sich bei längerem Hinsehen aber als eine stets in Veränderung befindliche Komposition erweist, die eine Vielfalt an unterschiedlichen Strukturen und Lichtreflexionen zu bieten hat. Hier vermag es Benning einerseits der Stimmung der Originalszene, die ein spirituelles Bad in einer heißen Quelle zeigt, nah zu bleiben und gleichzeitig alles Konkrete hinter sich zu lassen. Letztlich ist auch dieser Moment vor allem reine Bewegung. Und es ist schon bemerkenswert, wie es Benning immer wieder gelingt mit fließendem Wasser, aber auch vorbeiziehenden Autos oder Tieren die Bewegung eines Road Movies in die für ihn typischen, statischen Einstellungen zu übertragen.

Mehr zu „Easy Rider“

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.