Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern
Mit ihrem literarischen Kammerspiel versucht uns Dagmar Knöpfel die tschechische Schriftstellerin Bozena Nemcova näher zu bringen und hält sie doch auf großer Distanz.

Gandhi, Napoleon, Hitler – wirklich berühmte Leute erkennt man daran, dass bereits ein Teil ihres Namens, sei es der Vor- oder der Zuname, ausreicht, um sie zu identifizieren. Weiter unten in der Berühmtheitsskala stehen diejenigen, deren vollständiger Name genannt werden muss: Frida Kahlo oder Sophie Scholl. Jeanne d’Arc bildet eine Ausnahme.
Personen werden zu Persönlichkeiten, indem sie herausragende Taten vollbringen, zu Berühmtheiten aber werden sie erst durch ihre Mitmenschen. Durch Kunst oder einfach durch heroische Erzählungen werden Legenden geschaffen, welche ihnen einen ewig währenden Nimbus verleihen. Dabei entsteht ein Paradox: Auf der einen Seite wird die Außergewöhnlichkeit dieser Individuen herausgestellt, auf der anderen ihre Normalität.
Gilt es einer Persönlichkeit nicht nur ein Denkmal zu setzen, sondern sie in ihrer Komplexität zu betrachten, müssen beide dieser Seiten berücksichtigt werden. Im besten Fall begibt man sich auf eine Zeitreise, bei der zugleich die Epoche, deren gesellschaftlichen Restriktionen sie überwunden hat, ausgeleuchtet wird.
Eine Möglichkeit der künstlerischen Interpretation von Berühmtheiten liefert der Film: Sogenannte Biopics (Abkürzung von „biographical picture“) erzählen das Leben, oder zumindest einen Abschnitt, eines bestimmten Eroberers, Künstlers oder Helden. Mit Gandhi (wunderbar episch: Richard Attenboroughs Gandhi, 1982), Napoleon (unvergesslich: Abel Gance’ Napoléon, 1927) und Hitler (kontrovers: Der Untergang, 2004) haben sich bereits weltweit Regisseure auseinandergesetzt, ebenso mit Frida Kahlo (Frida, 2002 mit Salma Hayek) und zumindest in Deutschland einige mit Sophie Scholl (konventionell: Marc Rothemund, Sophie Scholl – Die letzten Tage, 2005).

Bozena Nemcova war bisher nur im tschechischen Kino ein Thema. Kein Wunder, zwar ist die Schriftstellerin in ihrer Heimat eine geachtete Größe, hierzulande jedoch weitgehend unbekannt. Mit Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern kommt nun auch in Deutschland ein Biopic über sie heraus; Dagmar Knöpfel schildert darin ihre letzten Monate.
Eingerahmt durch den Trauerzug zeigen fragmentartige Szenen ihr physisch und psychisch schmerzhaftes Leben zwischen autonomer Künstlerin, Mutter und abhängiger Ehefrau. Dass es sich bei der Begräbnisstätte um den Prager Heldenfriedhof Vysehrad handelt, bleibt unerwähnt, genauso wie andere Fakten oder Lebensumstände. Einzig ihr bedeutendstes Buch, das in zahlreiche Sprachen übersetzte Sittengemälde Die Großmutter taucht auf; die Beziehungen zu ihren Verehrern und Bewunderern werden nur angeschnitten. Wie diese verliefen und welche Rolle die Schriftstellerin in der tschechischen Nationalbewegung und Kultur im 19. Jahrhundert spielte, wird nicht weiter ausgeführt.
Ein Biopic kann nicht das gesamte Leben eines Menschen abbilden, jedoch durch einen bestimmten Ausschnitt den Zugang zu seiner Persönlichkeit ermöglichen. Obwohl sich Dagmar Knöpfel auf einen Lebensabschnitt beschränkt, bleibt die Frage, ob sie sich nicht besser der Literatur bedient hätte. Ihr Film basiert auf drei Anläufen Nemcovas, einen letzten Brief an einen Freund zu verfassen – das erinnert stark an Marc Rothemunds Sophie Scholl, bei der er sich strikt an die Verhörprotokolle hielt; zumindest in der Dominanz der Sprache lassen sich Parallelen finden. Beide verlassen sich zu sehr auf das geschriebene Wort statt die Kraft filmischer Mittel zu nutzen.

Den Briefen entsprechend werden die Szenen jeweils in drei verschiedenen Versionen gezeigt. Dazu liest Corinna Harfouch aus dem Off. Die Bilder illustrieren das, wovon ohnehin zu hören ist: Leiden, Unterdrückung, Verzweifelung. Die Schuld für Nemcovas Unglück trägt vor allem ihr Mann Josef (gespielt vom tschechischen Nationalschauspieler Bolek Polívka), der ihr jede Krone abnimmt. Einzig das Schreiben hält sie am Leben: Papierbögen, Federhalter und Tintenfass füllen die Leinwand.
Die engen Räume erfahren etwas Leben allein durch die Kamera, welche teils wie ein neugieriger Beobachter, teils ruhig und sachte aus der Perspektive der Kranken umherwandert. Je nach Befindlichkeit changieren die Farbtöne zwischen einem kühlen Blau und pastelligen Sommertönen. Jenseits dieser Stimmungsbilder erfahren wir nichts, weder über die Epoche noch über Nemcovas Werk oder Leben.
Zwar kann der Name Jeanne d’Arc erst in voller Länger seine Wirkung entfalten, dennoch gehört die Heldin in die erste Liga der Berühmtheiten. Grund dafür ist jedoch nicht Dreyer, der mit seinen Affektbildern (Die Passion der Jeanne d’Arc, La Passion de Jeanne d’Arc, 1928) eine subtile Passionsgeschichte schuf – lange vor seinem Film war sie bereits ein schillernder Mythos. Bozena Nemcova jedenfalls ist längst noch kein leuchtender Stern; welche Persönlichkeit sich hinter diesem Namen verbirgt, bleibt weiter im Dunkeln.
Die engen Räume erfahren etwas Leben allein durch die Kamera, welche teils wie ein neugieriger Beobachter, teils ruhig und sachte aus der Perspektive der Kranken umherwandert. Je nach Befindlichkeit changieren die Farbtöne zwischen einem kühlen Blau und pastelligen Sommertönen. Jenseits dieser Stimmungsbilder erfahren wir nichts, weder über die Epoche noch über Nemcovas Werk oder Leben.
Zwar kann der Name Jeanne d’Arc erst in voller Länger seine Wirkung entfalten, dennoch gehört die Heldin in die erste Liga der Berühmtheiten. Grund dafür ist jedoch nicht Dreyer, der mit seinen Affektbildern (Die Passion der Jeanne d’Arc, La Passion de Jeanne d’Arc, 1928) eine subtile Passionsgeschichte schuf – lange vor seinem Film war sie bereits ein schillernder Mythos. Bozena Nemcova jedenfalls ist längst noch kein leuchtender Stern; welche Persönlichkeit sich hinter diesem Namen verbirgt, bleibt weiter im Dunkeln.
Filmkritik von Sarah-Mai Dang
Veröffentlicht am 18.09.2005
Kommentare zu Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern
Chameleon 07.11.2005 14:17
Ob ein Film gefaellt oder nicht, haengt bekanntermassen von der individuellen Erwartungshaltung eines jeden Kinogaengers ab. Sieht man diesen Film, um eine genaue Darstellung vom Leben Bozena Nemcovás zu erhalten, so stimme ich der vorausgegangenen Kritik zu, steht man einer Enttaeuschung gegenueber, denn dieses Leben bleibt weitgehend im Dunkeln. Geht man jedoch mit der Erwartung in den Film, zu verstehen was das Schreiben der Schriftstellerin bedeutete und welchen Einfluessen sie beim Verfassen ihrer Texte ausgesetzt war - so bekommt "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern" eine ganz neue Dimension; naemlich die, dass auch "die Dunkelheit der Nacht" - in der es "keinen einzigen Stern" gibt - Stoff fuer Literatur sein kann; denn nur durch die Beschreibung der Nacht wird das Fehlen der Sterne deutlich; und diese Nacht in ihrer Haesslichkeit und gleichzeitigen Einzigartigkeit fuer die Nachwelt festzuhalten - lag -dem Film nach zu urteilen - im Bestreben der Schriftstellerin. Somit ist der Film zwar keine leichte Kost, weil er sich mehr am Prozess des Schreibens orientiert als an der aeusserlichen Handlung, wird am Ende aber zur regelrechten Offenbarung ueber die Bedeutung der Literatur fuer Schriftsteller und Nachwelt.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern
Deutschland 2005
Laufzeit: 109 Minuten
Regie: Dagmar Knöpfel
Drehbuch: Dagmar Knöpfel
Produktion: Alena Rimbach, Herbert Rimbach
Darsteller: Corinna Harfouch, Boleslav Polívka, Ondrej Vetchý, Anna Polívková
Kinostart: 17.11.2005
DVD-Angaben
Titel: Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern
Vertrieb: Eurovideo
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/DS)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 108 Minuten
Extras: keine
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 27.07.2006
Copyright Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern
Fotos: © movienet
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Glaube, Liebe, Tod
R: Peter Kern
Shadow Dancer
R: James Marsh
Marina Abramović: The Artist is Present
R: Matthew Akers
Captive
R: Brillante Mendoza
Die Wand
R: Julian Pölsler
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Barbara
R: Christian Petzold
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Die Wand
R: Julian Pölsler
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR










1 Kommentar