Dark Lullabies

Die Erben des Holocaust. Dark Lullabies ist einer der ersten Dokumentarfilme über die Kinder von Überlebenden und von NS-Tätern.

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Postmemory – das ist, wenn eine fremde Erinnerung zur eigenen wird. Wenn Traumata von einer Generation an die nachfolgende weitergegeben werden. Die Literaturwissenschaftlerin Marianne Hirsch prägte den Begriff, als sie Anfang der 1990er Jahre über Art Spiegelmans Maus (1980-91) schrieb. In der Graphic Novel erzählt der Sohn die Geschichte seines Vaters, eines Auschwitz-Überlebenden, und zeigt sich selbst, überfordert auf einem Berg der vererbten Erinnerungen am Zeichentisch sitzend, Kette rauchend und von Fliegen umschwirrt. Spiegelman wurde zum vermutlich bekanntesten Künstler aus der zweiten jüdischen Generation nach der Shoah, der seine familiären Monster und die eigenen psychischen Probleme offensiv weiterverarbeitete. Seit Mitte der 1970er Jahre entwickelte sich die Zweite Generation zu einer zunehmend sichtbaren gesellschaftlichen Gruppe, die ihr schwieriges Erbe oft mittels Literatur, Malerei oder Film ausdrückte. Filmemacherinnen wie Angelika Levi (Mein Leben Teil 2) oder Tsipi Reibenbach (Wahl und Schicksal) konzentrierten sich auf die Erlebnisse der Eltern, die sie – manchmal erstmals – zum Sprechen brachten. In Dark Lullabies (1985) von Irene Lilienheim Angelico geht es explizit um die Kinder und um das, was ihnen als Postmemory in die Wiege gelegt wurde.

Wiegenlieder

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Irene Angelicos Ausgangspunkt ist ein Manuskript ihres Vaters Henry Lilienheim, verfasst ein Jahr nach ihrer Geburt 1946. Mit 30 Jahren beginnt die Tochter, sich erstmals der Geschichte des Nationalsozialismus und der ihrer Eltern auszusetzen. Sie tut das nicht wie Reibenbach oder Spiegelman durch eine persönliche Befragung von Vater oder Mutter – das bringt sie nicht über sich. Angelico unternimmt eine Reise, die sie über Kanada nach Israel und Deutschland führt. Im Gepäck hat sie die einfachen, die großen Fragen: Wie konnte es passieren? Warum haben so wenige geholfen? Wie verhalte ich mich gegenüber einem Kind der Täter? In Dark Lullabies durchläuft die Regisseurin exemplarisch den Selbstfindungsprozess einer Generation, die ohne Großeltern, ohne Fotoalben von früher, dafür mit Auschwitz auf den Schultern aufgewachsen ist – und mit dem bleibenden Unverständnis gegenüber dem Massenverbrechen. Angelico besucht 1981 das erste weltweite Treffen jüdischer Holocaust-Überlebender in Jerusalem und trifft andere Kinder ehemaliger KZ-Häftlinge. Dann fährt sie nach Deutschland, um die Nachfahren von Tätern kennenzulernen.

Die andere Heimat

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1979 erschienen erste Publikationen, die sich mit den „Children of the Holocaust“ beschäftigen – so der Titel von Helen Epsteins Klassiker. Erst etwa ein Jahrzehnt später wuchs auch das wissenschaftliche Interesse an der biografischen Prägung von „Täter-Kindern“. Dark Lullabies bringt früh beide Problematiken zusammen. Wo in den jüdischen Familien oft aus Schmerz geschwiegen wurde, entsteht die Verdrängung in den nicht-jüdischen deutschen aus der Schuld-Verstrickung heraus. Je mehr die einen über ihre Geschichte herausfinden, desto verbundener fühlen sie sich mit ihren Vorfahren. Je mehr die anderen erkennen, desto weiter entfernen sie sich von ihren Eltern und ihrer Heimat. Sie fühle sich um ihre eigene Geschichte betrogen, erklärt im Film Susanne Hohlmann, eine junge Frau aus dem hessischen Pfaffenwald, die erst durch die Erzählungen eines Fremden erfuhr, dass es in ihrem Wohnort ein Zwangsarbeiterlager gab. Für die Enkelin von Robert Mulka, SS-Offizier und Adjutant des Kommandanten von Auschwitz, erscheint ihre glückliche Kindheit mit dem liebevollen Opa im Nachhinein als Lüge. Irene Angelico filmt auch die andere Seite: junge Neonazis, die den Holocaust erstens leugnen und zweitens lustig finden. Oder die heile Berghof-Welt, in der mit zur Schau gestellter Naivität schöne Hitler-Bildbroschüren verkauft werden: Kinder, Hunde, Eva Braun. „She was a very nice little girl. And he was the great man.“

Future Memory

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Wie viele Filme von Regisseurinnen und Regisseuren der Zweiten Generation hat Dark Lullabies mit seinem fast quadratischen Bildformat und vielen Zooms eine starke Heimkino-Ästhetik. Die Kamera ist intim, ohne aufdringlich zu sein, operiert ruhig und unauffällig, meist nah an den Gesichtern. Häufig zeigt sie Irene Angelico seitlich beim konzentrierten Zuhören. In Dark Lullabies werden wir Zeugen des Versuchs, sich aus dem Unverständlichen und dem Vererbten eine eigene Geschichte zu erarbeiten. Mit selbst gemachten Begegnungen, Bildern und mit eigener Sinngebung.

Trailer zu „Dark Lullabies“


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