Dunkelblaufastschwarz

Für eine Coming-of-Age-Geschichte ist Jorge eigentlich zu alt und für ein typisches Midlife-Crisis-Drama wiederum zu jung. Den Zuschauer soll die Schwierigkeit einer eindeutigen Kategorisierung nicht kümmern, solange ein Film wie Dunkelblaufastschwarz dabei herauskommt.

Dunkelblaufastschwarz

Im Katholizismus besteht stärker als in anderen christlichen Strömungen eine tief verwurzelte, ritualisierte Schuld-Kultur. Über die Beichte und das Eingeständnis der eigenen Sünden kann der Mensch nach Auffassung der katholischen Glaubensauslegung für seine Verfehlungen einen Ablass erbitten, der die Schuld für gewisse Taten von ihm nimmt. Im Schuldbekenntnis, das der Gläubige gemäß der katholischen Liturgie zu beten hat, werden die Zeilen „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld“ gesprochen, verbunden mit der Hoffnung, die Heiligen mögen bei Gott stellvertretend für den Sünder um die erhoffte Erlösung bitten. Spanien als ein vom Katholizismus geprägtes Land und einer häufig bis tief in den Alltag gelebten Religiosität bringt in steter Regelmäßigkeit Geschichten hervor, die um die Thematik der eigenen Schuld und einer möglichen Erlassung derselben kreisen.

Auch der junge spanische Filmemacher Daniel Sánchez Arévalo beschäftigt sich in seinem ersten Kinofilm Dunkelblaufastschwarz (Azuloscurocasinegro) mit der Schuld-Thematik. Im Zentrum seiner wohl nicht ganz zufällig an die Melodramen Pedro Almodóvars erinnernden Geschichte steht der junge BWL-Absolvent Jorge (Quim Gutiérrez), der tagtäglich mit den Folgen eines bereits Jahre zurückliegenden tragischen Unglücksfalls leben muss. Als sein Vater (Héctor Colomé) nach einer heftigen Auseinandersetzung einen Schlaganfall erleidet und urplötzlich zu einem Pflegefall wird, sucht er die Schuld bei sich. In der Folge übernimmt er die Pflege seines alten Herrn, was der katholischen Lehre nach als der Versuch eines Ablasshandels interpretiert werden könnte.

Dunkelblaufastschwarz

Rund um Jorge arrangiert Arévalo ein Netzwerk verschiedener Geschichten, die jedoch nicht immer dicht miteinander verwoben sind. So steht die Episode um Jorges besten Freund Sean (Raúl Arévalo) und dessen schwules Erweckungserlebnis mit einem Masseur etwas außerhalb der restlichen Filmhandlung, die vorrangig Jorges ambivalentes Verhältnis zu seinem älteren Bruder Antonio (Antonio de la Torre) und sein kompliziertes Liebesleben beleuchtet. Weil Antonio keine Kinder zeugen kann, soll Jorge bei Antonios Freundin diesen „Job“ übernehmen. Paula (Marta Etura) und Antonio haben sich im Gefängnis kennen und lieben gelernt, doch während Antonio bereits entlassen wurde, machen die Mitinsassinnen Paula das Leben zur Hölle. Nur wenn sie schwanger wäre, könnte sie auf eine andere Station für werdende Mütter verlegt werden.

Wie Almodovár versteht sich Arévalo darin, dramatische wie komische Momente ineinander fließen zu lassen, wobei in Dunkelblaufastschwarz die vor allem in den früheren Almodovár-Werken kultivierte Exaltiertheit der Figuren zugunsten einer realistischeren Charakterzeichnung zurückgenommen wurde. Obwohl Sidekicks wie Jorges fluchender, demenzkranke Vater oder Sean, der eigentlich Israel heißt und nur aufgrund seiner Ähnlichkeit mit Sean Penn diesen Spitznamen verpasst bekommen hat, in ihrem Spleen an den Rand einer Karikatur gedrängt werden, kippt die Stimmung zu keiner Zeit in Richtung einer komödiantischen Nummernrevue. Es ist vielmehr so, dass Arévalo den schuldbeladenen Selbstfindungsprozess seines Helden, der beruflich wie privat im wortwörtlichen Sinn Mauern und Grenzen überwinden muss, um humoristische Einsprengsel in den Nebenplots ergänzt. Das verleiht der Geschichte eine angenehme Leichtigkeit, da der Film auf diese Weise gängige melodramatische Fettnäpfchen umgeht.

Dunkelblaufastschwarz

Arévalo vertraut auf eine subtile und zurückhaltende Bebilderung, bei der gedeckte Blau- und Brauntöne die Optik des Films dominieren. Die elegante Kameraarbeit weiß, die zumeist jungen, attraktiven Darsteller ins rechte Licht zu setzen, so dass sogar der Sex zwischen Paula und Jorge in einem kalten, nüchternen Besucherraum des Gefängnisses eine sinnliche Erotik versprüht. In den Händen eines weniger begabten Regisseurs liefe Dunkelblaufastschwarz über seine stilvolle Ästhetik vermutlich Gefahr, in ein nett anzusehendes aber oberflächliches Beziehungsstück abzurutschen. Arévalos (zeit-)intensive Auseinandersetzung mit Jorges innerem Zweispalt – er fühlt sich hin- und hergerissen zwischen seinem alten Herrn, Antonio, Paula und seiner Freundin Natalia (Eva Pallarés) – und nicht zuletzt die Neuentdeckung Quim Gutiérrez machen dieses Regiedebüt zu einem überzeugenden und sehenswerten Porträt einer vorgezogenen Midlife-Crisis.

 

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