Dumplings – Delikate Versuchung

Tante Meis Teigtaschen sind eine kostbare Delikatesse, denn sie haben eine verjüngende Wirkung. Obwohl ihre Füllung gewöhnungsbedürftig ist, kostet auch die reiche Frau Li diese Dumplings und ist fortan von ihnen abhängig.

Dumplings – Delikate Versuchung

Auf hohen Schuhen stakst die schöne Mei (Bai Ling) durch den Grenzübergang zwischen China und Hongkong. In der Hand hält sie ein Aufbewahrungsgefäß, in dem sie geheime Zutaten für ihre berühmten Teigtaschen, den titelgebenden Dumplings, transportiert. Mei verdient viel Geld mit dem Herstellen dieser Teigtaschen, deren besonderer Inhalt den Menschen ewige Jugend verspricht. In ihrer Wohnung öffnet sie das Gefäß und verschlingt gierig eines der orange-glibberigen Stücke. Die anderen reserviert sie für Frau Li (Miriam Yeung), einem ehemaligen Fernsehsternchen, das inzwischen mit einem ebenso reichen wie untreuen Mann (Toni Ka-Fai Leung) verheiratet ist.

Schon in den ersten Filmminuten konfrontiert Regisseur Fruit Chan sein Publikum mit dem unfassbar Widerlichen: Bei Tante Meis geheimen Zutaten, so wird dem Zuschauer nach und nach offenbart, handelt es sich um menschliche Föten. Die Köchin erklärt dazu ganz ungerührt: „Wir Frauen müssen uns von Innen verschönern.“ Vorhandene Skrupel legt ihre Kundin Frau Li dann auch schnell ab. Was zählt, ist das Ergebnis: so anziehend zu wirken wie die jungen Mädchen, die Herr Li reihenweise verführt. Während Frau Li die Teigtaschen langsam in den Mund löffelt, singt ihr die immer junge, alterslose Tante Mei ein Lied aus ihrer Kindheit, die länger zurückzuliegen scheint, als man beim ersten Blick vermutet. Dabei gleitet Christopher Doyles Kamera langsam an Miriam Yeungs Mund auf und ab, dokumentiert die Bewegung ihrer Kaumuskeln und den angewiderten, entschlossenen Ausdruck, mit dem sie in die Taschen beißt.

Dumplings – Delikate Versuchung

Dumplings strapaziert die Grenzen der Erträglichkeit seiner Zuschauer. Immer wieder zeigt Fruit Chan Tante Mei beim Zubereiten ihrer Teigtaschen. Dagegen schneidet er Bilder der im Zimmer auf- und abgehenden Frau Li, die nach und nach den Kampf gegen ihr Gewissen gewinnt. Miriam Yeung gelingt das großartige Porträt einer frustrierten, im goldenen Käfig gefangenen Mittvierzigerin, die ihre gesellschaftliche Stellung nur durch das Aufgeben sämtlicher moralischer und ethischer Vorstellungen halten kann.

Tante Mei dagegen, ebenso brillant dargestellt von Bai Ling, genießt als Einzelgängerin absolute Freiheit, sie schwebt über den Anderen, muss niemandem Rechenschaft ablegen. Ihr Charakter scheint eher einem Märchenbuch entlehnt. Sie wirkt wie die prototypische schwarze Hexe: mächtig, rätselhaft und unbesiegbar. Jeden Kunden ködert sie mit seinen eigenen Schwächen: Frau Li verspricht sie, dass sie mit jugendlichem Aussehen ihren Mann wieder gewinnt, Herrn Li verführt sie mit ihrem eigenen jugendlichen Körper. Sie ist an nichts gebunden, weder an Angehörige, noch an einen Ort. Mei wirkt wie ein Geist aus Maos Zeiten, den Bildern entstiegen, die in ihrer einfachen Wohnung auf der Kommode stehen.

In Dumplings herrscht eine permanente Atmosphäre von Angespanntheit und Unsicherheit. Die reichen Protagonisten laufen fernen Idealen hinterher, sind gefangen im Diktat der schönen Oberflächlichkeit. Der Australier Doyle, der häufig mit Wong Kar-Wai zusammen arbeitete, konstruiert dazu eine klaustrophobische Atmosphäre aus eng wirkenden Räumen, die das Gefangensein der Personen in den eigenen Lebensbildern widerspiegelt.

Dumplings – Delikate Versuchung

Dumplings besticht durch seine formale Vielfalt und erzählerische Vielschichtigkeit. Einem Genre ist Fruit Chans Film nicht zuzuordnen. Einerseits ist er bitterböse, sarkastische Abrechnung mit der Schönheitsindustrie und dem Zeitgeist, der Menschen vorschreibt, wie sie leben müssen, um Erfolg zu haben, um glücklich zu sein. Gleichzeitig stellt er die Frage: Müssen wir uns dem unterwerfen und wenn ja, zu welchem Preis? Zugleich ist er Beziehungsdrama um eine verzweifelte Frau, deren Mann sie unablässig mit jungen Frauen betrügt, ist auch Sozialdrama, das den Unterschied zwischen den Reichen, die mit Geld sogar ihre Jugend zurückkaufen, und den Armen, die in Tante Meis ärmlichen Neubauten leben, durchaus veranschaulicht.

Im der chinesischen Medizin, sagt Fruit Chan, wird die menschliche Plazenta bereits seit dem Altertum als Arznei verordnet. Was wäre, wenn sie außer der heilenden Kraft noch ewige Schönheit brächte? Mit Dumplings stellt er die Frage, ob Menschen aus ihrem Begehren heraus, ewig jung und schön zu sein, zu Kannibalen werden können. Sein Film ist ein Gedankenspiel, das auf realen sozialen Gegebenheiten fußt. Dumplings ist ein großartiges, widerliches Meisterwerk, dessen Horror in der Schönheit und Realitätsnähe der Präsentation dieses Themas liegt.

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