Du hast es versprochen

Ein Schocker, der nicht schockt. Ein Gruselfilm, der nicht gruselt. Ein Drama, das keinen kümmert. Erraten: Du hast es versprochen ist ein Genrefilm aus Deutschland.

Du hast es versprochen 04

Zugegeben: Ich hätte diesen Film nicht geguckt, wäre es nicht der einzige deutsche Beitrag in Venedig, wo er Außer Konkurrenz in einer Mitternachtsvorstellung am vorletzten Tag seine Weltpremiere feiern wird. Und es ist alles andere als fair, einem Werk seinen Misserfolg vorzuwerfen. Dennoch ist es spannend zu beobachten, wenn man in einer der hinteren Reihen sitzt, zu welchem Zeitpunkt die Zuschauer in der Pressevorführung – die überwiegend von deutschen Kollegen besucht wurde – den Saal verließen. Es vergingen keine fünf Minuten, bis die ersten unruhig wurden, keine zehn, bis ein gutes Dutzend davonschlich. Bei 120 Plätzen ist das natürlich nicht allzu viel – vor allem, weil der Besucherschwund danach nur noch wenig anstieg. Überraschend eher, wie schnell der Debütfilm der Regisseurin Alex Schmidt markierte, was er sein würde und was nicht. Es war ja vorher bekannt, dass es ein Horrorstreifen sein sollte.

Du hast es versprochen 09

Los geht es mit entsättigten Zeitlupen von zwei Mädchen in weißen Kleidern (Unschuld!), die gemeinsam durch einen Wald laufen (Geister?), ihr Gekicher und Gegluckse dominiert die Tonebene (Kinder sind böse?). Sie flüstern, sie zählen von zehn rückwärts (noch leben sie, oder?). Es wird etwas gefeiert im großen einsamen Landhaus (hier wird’s sicher später gruselig!), und unbeschwerte Freude am Anfang eines Films macht ja einen guten Kontrast auf. Dann wieder der Wald als Paradeort des Unheimlichen. Das eine Mädchen erzählt dem anderen eine Horrorgeschichte (das wird dann wohl wahr?). Bis hierhin, das sind wirklich nur die ersten paar Minuten, ist zwar alles generisch, aber immerhin nichts grob verhunzt. Dann aber kommt die Jetzt-Zeit: Das Mädchen von damals hat nun selbst eine Tochter, und man braucht bloß ein paar Dialogzeilen aus dem Mund von Mina Tander zu hören, um zu wissen: Der Horror hat einen Namen - willkommen in der Welt des Synchronsprecherdeutsch. Es ist gut möglich, dass die Schauspielerin dafür wenig kann, ihre Kollegen werden es ihr größtenteils gleich tun und sagen die absurd einfältigen Dialoge mit der gleichen kristallklaren Induktion auf, als wäre hier ein Wettbewerb ausgelobt, und der Gewinner wird Nachrichtensprecher.

Du hast es versprochen 02

Die Sprache allein aber kann es nicht sein, die zwei Französinnen hinter mir halten es auch nicht lange aus. Die Standard-Situation der Geburtstagsfeier im Nobelrestaurant bei Rotwein und nach dem Espresso, wo die Affäre des Mannes nach zweieinhalb Sekunden Geplänkel ans Tageslicht kommt, haben sie aber noch gesehen. Vielleicht war es auch die aalglatte Werbeästhetik, die sie abgeschreckt hat? Aber tun wir mal der Werbung nicht unrecht, die ist nicht immer so konventionell. Ich habe ja einen Verdacht: Spätestens, wenn die beiden Frauen sich wiederfinden (es sind die Mädchen von damals, juchu!) und sich deren Gespräch zwischen Für Sie- und GZSZ-Niveau einpendelt, wäre es an der Zeit, das Kino zu verlassen: „Wir haben uns gerade wiedergetroffen“, „aber wir kennen uns schon ewig.“ „Darf ich dich was fragen? Warum hast du die Tabletten genommen?“ - „Nach dem Tod meiner Eltern hab' ich mich einfach in die Arbeit gestürzt. Verstehst du das?“ (Man verzeihe mir die sicherlich nicht ganz korrekte Transkription.) Übrigens: Nachdem sich die beiden ihre Geheimnisse anvertraut haben, brechen sie gemeinsam zu einer Reise auf, im Cabrio singen sie vergnügt bei offenem Dach, und ja, ihr Ziel sind das Haus und der Wald von damals.

Du hast es versprochen 07

Es wäre gelogen, zu sagen, danach wird es nicht besser. Das wird es, vor allem im letzten Fünftel, wenn nochmal alle Wahrheiten über Bord geworfen werden. Das ist natürlich schon viel zu spät, denn nachdem der Schocker und der Gruselfilm nicht angeschlagen haben, kaum je ein Funken Spannung oder Atmosphäre aufgekommen ist, kann am Ende auch kein Drama mehr draus werden. Schade eigentlich, denn der unzuverlässige Horrorfilm, der die Erwartungen enttäuscht und doch kein Horrorfilm sein mag, das ist gar kein so schlechter Endpunkt.

Trailer zu „Du hast es versprochen“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.