Du bist nicht allein

Mit hervorragenden Schauspielern und leisen Zwischentönen erzählt Bernd Böhlichs sommerliche Tragikomödie von kleinen Gesten, größeren Sehnsüchten und einer stürmischen Midlife-Liebe in Zeiten der Arbeitslosigkeit.

Du bist nicht allein

„Ihre wichtigste Waffe ist die Aufmerksamkeit!“ Und weil die ehemalige Wurstverkäuferin Frau Moll (Katharina Thalbach) ihre ausschließlich auf den neuen Job bei einem Wachdienst lenkt, bekommt sie vor lauter Stolz gar nicht mit, wie sich Herr Moll (Axel Prahl) im Ostberliner Plattenbau Hals über Kopf in die neue russische Nachbarin Jewgenia (Katerina Medvedeva) verliebt und diese trotz Geldebbe sogar mit einer Willkommenswaschmaschine zu umgarnen versucht. Währenddessen benötigt die auf der anderen Straßenseite lebende unterbeschäftigte Schauspielerin Sylvia Wellinek (Karoline Eichhorn) ihre volle Konzentration, um einen von ihr synchronisierten Zeichentrick-Frosch mit dem perfekten „Quak“ auszustatten. Ihr Mann Kurt (Herbert Knaup) ist aus dem gemeinsamen Haus in den Plattenbau gezogen und beschäftigt sich als arbeitsloser Physiker mit fast gar nichts. Außer damit, auf dem Balkon zu stehen und mehr als einen Blick zurück auf sein verloren gegangenes Leben zu werfen.

Du bist nicht allein ist ein (jahres-)zeitgemäßer Film. Er fängt eine gegenwärtige deutsche Realität am Beispiel der „kleinen Leute“ von nebenan wunderbar unspektakulär, fast beiläufig, aber nie belanglos ein. Und er spielt im Sommer, teilweise auf Balkonen, was ihm trotz der Schwere von Themen wie Arbeitslosigkeit oder Alkoholismus immer wieder eine beschwingte Leichtigkeit verleiht. Beides verbindet ihn mit Andreas Dresens Sommer vorm Balkon  (2005), der die alltäglichen Sorgen und Sehnsüchte zweier Berliner Freundinnen zu warmen Temperaturen ähnlich unaufdringlich in Szene setzte und dabei punktgenau zum Ausdruck brachte.

Du bist nicht allein

Du bist nicht allein ist auch ein melancholischer Film, mehr aber ein optimistischer. Er stellt die Frage, ob man in der Mitte des Lebens, in der so manch einer auf der Stelle tritt, noch einmal die Kurve kriegen und eine vollkommen andere, unbekannte Richtung einschlagen kann. Und beantwortet sie mit „Ja“. Das kann eine neue Liebe oder eine neue Arbeit sein, die sich auch als unerwidert oder unbefriedigend herausstellen kann. Wichtig ist, dass man sich überhaupt auf die Reise begibt, dass man hofft und etwas wagt. Da ist es schon ein großer Schritt für Frau Moll, endlich Schwimmen zu lernen oder den überpräsenten Fernseher aus dem Fenster zu werfen – und dabei haarscharf den vorbeiflanierenden älteren Nachbarn mit Mops zu verfehlen. Der dies lediglich mit einem lakonischen „Wer sonst?“ kommentiert.

Der aus Dresden stammende, zweifach mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnete Autor und Regisseur Bernd Böhlich (Totes Gleis, 1994) hat bislang rund dreißig Fernsehfilme inszeniert. Zu diesen zählt auch Mutterseelenallein (2005), über eine Frau, die eine innere Hölle durchlebt, als ihr Sohn beschuldigt wird, ein junges Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben. Das Drama ist durchzogen von einer kompromisslosen seelischen und körperlichen Verzweiflung und Brutalität, in seiner radikal bedrückenden Atmosphäre also sehr konträr zu Du bist nicht allein. Obwohl gegensätzlich in ihrer Umsetzung, behandeln doch beide Werke den oft einseitigen Wunsch der Protagonisten nach Nähe und Kommunikation und ihre Angst, der Realität ins Auge zu blicken. Beide konstatieren, dass selbst Menschen, die man glaubt, in- und auswendig zu kennen, emotional weit entfernt und entfremdet sein können.

Du bist nicht allein

Böhlichs aktueller Film überzeugt dank seiner hochkarätigen Besetzung in vielen Szenen ohne jede Worte, einfach nur mit Blicken und Gesten. Wenn Axel Prahl als Herr Moll im Bett liegt und mit verträumten eisblauen Augen in die Kamera schaut, dann reicht das, um auszudrücken: Den Mann hat es hoffnungslos erwischt. Oder wenn er nicht weiß, wohin er gucken soll, weil der Hochhaus-Fahrstuhl, in dem er Jewgenia gegenüber steht, genauso eng ist, wie das Oberteil, das die von ihm Begehrte trägt. Mehr ist für eine erotische Spannung an einem an sich eher unromantischen Ort nicht nötig. Auch Herbert Knaup als Kurt Wellinek braucht lediglich zaghaft seine Hand nach den Haaren seiner Frau auszustrecken und sie kurz darauf wieder zurückzuziehen, um zu zeigen, dass er sie trotz Trennung immer noch liebt, aber weiß, dass dieser Zug vorerst für ihn abgefahren ist.

Die Tragikomödie schaukelt fein ausbalanciert zwischen heiter und traurig. In einer Szene wird Herr Moll dazu genötigt, vor Jewgenias russischer Familie ein Lied vorzutragen. Er wählt die Roy-Black-Schnulze „Du bist nicht allein“, ein Lied über die Sehnsucht nach Liebe. Wirkt sein holpriger Gesang zu Beginn noch komisch, wandelt er sich im Verlauf, wird flüssiger, leidenschaftlicher und - mit einem heimlichen Blick auf die Angebetete - anrührend. „Es kann nicht noch mehr abwärts gehen“, heißt es einmal in Mutterseelenallein. Eine bittere Zustandsbeschreibung, die allerdings beinhaltet, dass es nur noch aufwärts gehen kann, hat man den Nullpunkt erst mal erreicht. Dass ein Neubeginn jederzeit, für jeden, eine Möglichkeit darstellt, ist die Vorstellung, die Du bist nicht allein mit auf den Weg gibt.

 

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Kommentare


Claus Guenther

Du bist nicht allein
„Im Westen angekommen“ und sympathisch ist er schon, der Kinofilm von Bernd Böhlich, in der die kammerspielartig angeordneten Unterschicht-Protagonisten aus der Platte im tiefsten Ostberlin zuallererst auf Artikel 1 des Grundgesetzes beharren: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So sorgt sich die vergessene Schauspielerin Sylvia Wellinek (Karoline Eichhorn) als synchronsprechende Tagelöhnerin nach der Aufnahme eines Werbeclips für Telefonsex darum, dass jemand an der von ihr gesprochenen Telefonnummer ihre Stimme erkennen könne, und die nach Langzeitarbeitslosigkeit als Wachfrau angestellte Frau Moll (Katharina Thalbach) sieht ihre Würde gefährdet als sie erfährt, dass sie nur eine leere aufblasbare Halle beaufsichtigt.
Die Plattenbausiedlungen Ostberlins und der DDR, einst stolz präsentiertes Kernstück von Honeckers Sozial- und Wohnungsbauprogramm, gerieten schnell nach der Wende zum Sündenfall verfehlter Stadtentwicklung und bieten nunmehr die authentische Kulisse für ostdeutsche Unterschicht-Dramen wie „Goodbye Lenin“, „Halbe Treppe“ oder eben „Du bist nicht allein“. Dabei wird in letzterem Film sensibel eingeflochten, wie naht- und gesichtslos die überlegene städteplanerische Politik des vereinten Großberlins mit ihren Billigpassagen und Ramschmärkten die DDR-Verfehlungen fortführt.
„Du bist nicht allein“ ist Titel und Motiv, das für jeden Protagonisten abgewandelt wird bis hin zum immer etwas verloren wirkenden minderjährigen Sohn der Molls. Und auch wenn vielleicht Tausende in ähnlicher Situation ähnlichen Sehnsüchten und Träumen nachhängen, summen Unerfülltheit und Unerfüllbarkeit mit der Säuselstimme Roy Blacks eher das Gegenteil: „Du bist ganz allein.“ Dies gilt besonders für die tatfernen Männer, den alkoholgefährdeten ehemaligen Physiker Dr. Kurt Wellinek (Herbert Knaup) und den arbeitslosen Maler Hans Moll (Axel Prahl). Während die Couchpotatoe Moll sonst gerade den Weg auf den Balkon schafft, um dort die Wände mit naiver Kindergartenmalerei zu verschönen, leistet er sich nach dem Einzug der russischen Nachbarin Jewgenia (Katerina Medvedeva) plötzlich eine brennende Verliebtheit, die – da nicht recht erwidert - nun ganz jenseits des Grundgesetzes seine Würde auf die Probe stellt.
Woraus sich der Luxus dieser Liebeshoffnung in der allfälligen Tristesse nährt, wird das Geheimnis des Regisseurs und Autors bleiben, aber immerhin widerfährt Herrn Moll nicht das schlimme Schicksal des eigentlich doch ganz anders situierten, aber dennoch wieder ähnlich sehnsuchtsvollen Professors Reich (Edgar Selge) in Eoin Moores mehr westberlinisch geprägter Milieustudie „Im Schwitzkasten“: Der Professor fand, nachdem er bei der Physiotherapeutin Nadine Molinski (Christiane Paul) sanft, aber vergeblich um Liebe oder Liebesdienste angesucht hatte, in einem Saunaraum sein Ende, von wo aus er aus versicherungstechnischen Überlegungen in sein Auto bugsiert wurde und wo ihm – oh Ironie – posthum eine tödlich heiße Affäre mit einer jungen Frau angedichtet wurde.

Claus






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