Drive
Gewaltrausch in Zeitlupe.
Die Stadt ist ein Uhrwerk. Wenn die Kamera in Drive über das nächtliche Los Angeles fliegt, sind die Kreise der Autobahnausfahrten, das streng gezogenen Straßenraster, die rhythmisch auf der Leinwandfläche verteilten Lichtpfützen so perfekt organisiert wie visuelle Schweizer Präzisionsarbeit. Nur alles andere als bieder. Und jede Sekunde zählt. Der Fahrer (Ryan Gosling) blinzelt nie, sagt nichts, kaut nur auf seinem Zahnstocher und fährt. Dabei flüchtet er zugleich vor Helikoptern, hört Polizeifunk und verfolgt ein Basketballspiel im Radio. Die ums Lenkrad gebundene Uhr tickt. Auf jeder Ebene wird in Millisekunden gedacht: der richtige Moment, um aufs Gas zu drücken und der richtige, um stehen zu bleiben. Der richtige Zeitpunkt zu schneiden. Der letzte Wurf vor Spielende. Pünktlich.
Wieder einmal spiegelt sich in einem Film von Nicolas Winding Refn die ästhetische Form im Charakter ihrer männlichen Hauptfigur. Das heißt im Falle von Drive: totale Kontrolliertheit kombiniert mit Dicke-Hose-Attitüde. Pulsierende Farben und eine bis ins kleinste austarierte Kameraarbeit. Und ein schelmisches Grinsen.
Man sollte gleich mit dem Schlimmsten anfangen: In Drive gibt es, nach der narrativen Totalverweigerung in Walhalla Rising (2009), wieder eine Geschichte. Und die ist zu präsent, um missachtet, und zu dämlich, um übergangen zu werden. Wie stets spürt Refn den archaischen Aspekten des Männlichen nach, die er unauslöschlich mit Gewalt und Schmerz verbunden sieht. Nur gibt es diesmal so etwas wie eine Frauenfigur (Carey Mulligan), die hilflos und heulend mitsamt Sohnemann als Kontrastfolie zu der sich im Film ereignenden Gewaltspirale fungieren soll.
Refn hat sich mittlerweile als einer der aufregendsten Regisseure, die noch im engeren Sinne als Genrefilmemacher zu begreifen sind, etabliert. Mit einzigartigen Grenzgängen zwischen Testosteronkino und Kunst hat sich da über die Jahre eine bezugreiche Auseinandersetzung mit dem Männlichen, der Gewalt, den Genres, mit Farben und Zeitspannen aufgebaut. Die Erzählung in Drive verlagert das Gewicht nun etwas einseitig in Richtung Testosteron. Doch bei Refn lohnt es sich, das Werk im Blick zu behalten. Denn Drive präzisiert und reformuliert verschiedene Themen seiner Vorgänger. Das Karnevaleske aus Bronson (2009), dieser oft ins Theatralische kippende Exhibitionismus ist in Drive zurückgekehrt; der Film schmeißt sich ans Zuschauerauge wie eine überschminkte Edelhure. Farblich könnte es also keine krassere Distanzierung zu Walhalla Rising geben, aber dessen Grabesruhe echot auf untergründige Weise auch in den gleitenden Kamerabewegungen, in der wortkargen Hauptfigur und insgesamt der Atmosphäre von Drive. Der Vorgänger hatte in Amerika ein wildes, urwüchsiges Jenseits entdeckt, das fast menschenleere L.A. im Neuling ist dessen asphaltene Zukunft.
Drive ist ein Liebhaberstück. Ein bisschen wie die getunten Karossen, die in Shannons (Bryan Cranston) Garage herumstehen: stylisch, klar; aber um zu würdigen, was unter der Haube ist, braucht es den Kennerblick. Je mehr Stangenware man geschaut hat, desto leichter lassen sich Distanzen und Affinitäten zur Genregeschichte abschätzen. Die offensive, spöttisch-empathische Bezugnahme zum Eigthies-Männerfilm beispielsweise, die sich von rosafarbenen Schreibschrift-Typografien bis zum weichen, pumpenden Synthiesoundtrack zieht. In Sachen Musik und Farbgestaltung schlägt in Bronson und Drive das gleiche Herz. Oder der gleiche Motor. Die Welt der „harten“ Typen und schnellen Karren, mit glitzernden Daunenjacken, lila Anzügen und Fönfrisur: Bekenntnisse zum niederen, überaffirmativen High-Concept-Film, zum sündigen Vergnügen. Man denkt an den frühen Michael Mann und Walter Hill.
Aber da ist auch diese enorme Distanz zu allem, was im Actionkino normalerweise so gemacht wird. Gegenüber den hypernervösen, tief in die kleinsten Erschütterungen der Geschwindigkeit versenkten Rasereien im Gefolge von Speed (Jan de Bont, 1994) und Ronin (John Frankenheimer, 1998) zeigt sich Drive als teilweise bis ins Extrem verlangsamte Bewegungsstudie. Gleitende Dolly- und Steadicamfahrten in Verbindung mit oftmals fixen Close-ups verleihen Drive eine dynamische Gestalt mit Ruhepuls 60.
In der Bildgestaltung bekennt sich Refn ostentativ zu maximaler Stilisierung, mit chromatischen Farbflächen, verknappten Schärfebereichen und bunten, präzise gesetzten Lichtquellen. Drive ist ganz weit weg von jedweder visuellen Wirklichkeitsannäherung, der Film ist getränkt in Kinofantasien. Aber seine Stilisierung ist so außergewöhnlich konsequent, dass sich in einzelnen Momenten der reine Style in Richtung Metaebene dehnt: wohlgemerkt nicht im Sinne einer Entschlackung der Filmform auf ihr formales Skelett, sondern durch deren fiebrige Übersteigerung ins Obsessive. Drive reiht sich auch hier in Refns Werk ein: durch Überaffirmation des Brutalen, Männlichen, visuell Gefallsüchtigen stellt es diese im Kino ewig präsenten Felder aus wie in einer Vitrine, hübsch ausgeleuchtet und für alle sichtbar.
Filmkritik von Nino Klingler
Veröffentlicht am 22.05.2011
Kommentare zu Drive
Stefan Jung 26.01.2012 10:18
Deine exakte filmsemtiotische Betrachtungsweise ist sehr schön zu lesen, lieber Nino. Ich würde deine Kritik als absolut mustergültig ansehen! Hier mal meine - weniger exakte - Besprechung ;)
projekt2501 27.01.2012 14:35
Eben keine Dicke Hose! Allein die dünne Stimme! Kontrolliert, ja. Männlich, ja. Exhibitionistisch, jein. Der Film schon, der Typ nicht.
Stefan Jung 29.01.2012 19:58
Hier noch meine Besprechung, die beim ersten Mal nicht durchkam >
http://www.kult.de/zeitvertreib/voll-auf-speed/150/14/750166/
Susan 05.02.2012 17:33
Für mich reiht sich dieser Film in die Tradition von Blade Runner und Taxi Driver ein und war durch sein klar zuzuordnenden Stil ein unglaublicher Genuss in Form, Sound und Atmosphäre. Und vor allem das Testosteron...wow! Habe filmisch lange nicht mehr so viel davon geniessen dürfen...
Vogl 06.02.2012 21:46
In welcher gemeinsamen Linie welcher Tradition liegen denn "Blade Runner" und "Taxi Driver"?
Stefan Jung 07.02.2012 13:02
Ja, das möcht ich jetzt aber auch mal wissen ;)
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Film-Angaben
Titel: Drive
USA 2011
Laufzeit: 95 Minuten
Altersfreigabe: keine Jugendfreigabe
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Hossein Amini
Originalautor: James Sallis
Produktion: Michel Litvak, John Palermo, Marc Platt, Gigi Pritzker
Bildgestaltung: Newton Thomas Sigel
Montage: Matthew Newman
Musik: Cliff Martinez
Darsteller: Ryan Gosling, Christina Hendricks, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Ron Perlman, Albert Brooks, Oscar Isaac, Tina Huang, Joe Pingue
Kinostart: 26.01.2012
Copyright Drive
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