Drei Affen
In Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet, widmet sich Nuri Bilge Ceylan nach Uzak und Iklimler – Jahreszeiten dramatischer als zuvor dem Thema der Kommunikationsunfähigkeit. Eine Brücke zum Zuschauer schlägt seine Familientragödie aber nur in einigen ausdrucksstarken Momenten.
Ceylans Protagonisten drücken sich mehr durch Blicke als durch Worte aus. Manchmal beobachten oder belauschen sie Menschen, die ihnen nahe stehen sollten oder könnten, deren Nähe sie suchen oder verloren haben: In Mayis sikintisi (1999) nimmt ein Regisseur eine Unterhaltung seiner ahnungslosen Eltern auf Tonband auf. In Uzak (2002) beobachtet ein Fotograf heimlich seine Exfrau und hört ein Telefonat seines Cousins mit an, dessen Erzählungen er von Angesicht zu Angesicht eher als Störung empfindet. Der Cousin wirft wiederum ein Auge auf eine attraktive Nachbarin. Seine Annäherungsversuche scheitern ohne je ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. Kommunikation verläuft nicht selten einseitig und aneinander vorbei oder äußert sich wie in Iklimler – Jahreszeiten (Iklimler, 2006) in Aggressionsausbrüchen.
Die Geschichte von Drei Affen (Üç maymun) beginnt mit Gewalt außerhalb des Bildausschnittes, die weitere nach sich zieht. An die Exposition eines Gruselfilms erinnernd fährt ein Mann (Ercan Kesal) nachts auf einer Landstraße und verschwindet mit seinem Wagen in der Dunkelheit. Die nächste Szene zeigt, dass er aus Fahrlässigkeit jemanden überfahren und getötet hat. Um seine politische Karriere nicht zu gefährden, überredet er seinen Chauffeur (Yavuz Bingöl), die Schuld auf sich zu nehmen und gegen Bezahlung eine neunmonatige Haftstrafe für ihn abzusitzen. Währenddessen beginnt er ein Verhältnis mit der Frau (Hatice Aslan) seines Sündenbocks, das mit fatalen Folgen von ihrem Sohn (Ahmet Rifat Sungar) entdeckt wird.
Der türkische Autor und Regisseur erzählt seine Parabel vom Vater, der die Ohren verschließt, der Mutter, die die Wahrheit verschweigt und dem Sohn, der vorgibt, nichts gesehen zu haben, mit den für ihn typischen spärlichen Dialogen und der starken Konzentration auf die Gesichter seiner Hauptfiguren. Tödlicher Autounfall, verhängnisvolle Affäre und potentieller Selbstmord – ein Großteil der Dramatik findet im Off statt und spiegelt sich umso wirkungsvoller in der Mimik und den Blicken der Anwesenden. Wir sehen das Auge des Sohnes am Schlafzimmerschlüsselloch, nicht den Ehebruch seiner Mutter mit dem Chef ihres Mannes. Später versuchen wir im schweißbedeckten Gesicht des Vaters zu erkennen, ob er sich den Sprung seiner Frau vom Balkon wünscht oder nicht, sie davon abhalten wird oder nicht. In diesen Augenblicken versteht die Inszenierung zu fesseln, da sie uns die Bilder eigenständig lesen lässt, anstatt wie an anderen Stellen eine wenig originelle Schuld-und-Sühne-Lehre zu proklamieren oder zur Überdeutlichkeit zu neigen: Kamerablicke auf ein Küchenmesser oder ein Familienfoto mit ehemals zwei Söhnen greifen zu weit voraus oder unterstreichen längst Begriffenes.
Verdrängung, Verschlossenheit und Verantwortungslosigkeit lösen früh absehbar eine Kettenreaktion emotionaler Explosionen aus. Wie oft bei Ceylan kommentiert die Natur dabei die Befindlichkeiten der Protagonisten. Nach der Kälte und dem Wind in Uzak, den wechselnden Jahreszeiten und dem finalen Schneefall in Iklimler ist es hier die andauernde Hitze und am Ende die schöne Cinemascope-Totale eines Sommergewitters. Die beeindruckt ästhetisch, bewegt sich als Metapher aber dicht an der Plattitüde. Ceylans Bildkompositionen sind diesmal deutlich stilisierter, weniger zurückhaltend und schaffen in Verbindung mit der atmosphärisch aufgeladenen Tonspur manche eindringliche Stimmungen, die von Thrillerelementen durchzogen und am Film Noir angelehnt sind.
Auf 35mm gedrehte, lange statische Einstellungen wechseln sich mit digital gefilmten Nahaufnahmen von Gesichtern ab. Die unmittelbaren Close-Ups versprechen zwar Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der Figuren, anders als in Iklimler erreichen sie dies aufgrund der skizzenhaften Charakterzeichnungen aber lediglich in kurzen, kraftvollen Momenten und ermöglichen trotz der überzeugenden Darsteller nur in vereinzelten Szenen Empathie. Ceylans Charaktere sind in ihrer Sperrig- und Sprachlosigkeit auch in seinen vorherigen Werken nicht leicht zugänglich, in Drei Affen werden sie außerdem zu einseitig als Parabelbotschafter definiert.
Auffällig viel Zeit verbringen die drei Affen im Liegen – auf Betten, Sofas oder Bahnhofsbänken. Meer und Bahn befinden sich als Fluchtmöglichkeiten aus dem Familienkäfig direkt vor ihrem Fenster. Als Ausweg in ein anderes Leben erscheinen sie dennoch unerreichbar.
Filmkritik von Birte Lüdeking
Veröffentlicht am 03.02.2009
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Film-Angaben
Titel: Drei Affen
Originaltitel: Üç maymun
Plakattitel: Drei Affen - Nichts hören - nichts sehen - nichts sagen
Türkei, Frankreich, Italien 2008
Laufzeit: 109 Minuten
Regie: Nuri Bilge Ceylan
Drehbuch: Ebru Ceylan, Ercan Kesal, Nuri Bilge Ceylan
Produktion: Zeynep Özbatur
Bildgestaltung: Gökhan Tiryaki
Montage: Ayhan Ergürsel
Darsteller: Yavuz Bingöl, Hatice Aslan, Ahmet Rifat Sungar, Ercan Kesal
Kinostart: 19.03.2009
DVD-Angaben
Titel: Drei Affen - nichts sehen, nichts hören, nichts sagen
Vertrieb: Indigo
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo), Türkisch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 109 Minuten
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 18.09.2009
Copyright Drei Affen
Fotos: © Arsenal Filmverleih
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