A Man of Integrity

Wroclaw Film Festival: Ein Ehepaar kämpft inmitten von hoffnungsloser Korruption um Gerechtigkeit. Der neue Film des einst inhaftierten iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof ist ein Frontalangriff gegen das System.

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Verzweifelt kehrt Hadis (Soudabeh Beizaee) von der Polizeiwache zurück. Ihr Mann Reza (Reza Akhlaghirad) sitzt dort in Untersuchungshaft, weil er einen Lakaien jenes mächtigen Unternehmens geschlagen hat, das ihm und seiner Fischzuchtanlage den Zugang zum einzigen Fluss abschnitt. Um die Kaution für ihren Mann zahlen zu können, hat sich Hadis Geld von ihrem Bruder geliehen, doch die Polizisten lassen sie nicht zu Reza durch. Stattdessen wird er ins Gefängnis verlegt, während seine Goldfische – Rezas einzige Einnahmequelle – langsam an den giftigen Chemikalien sterben, die das Unternehmen in ihre Teiche leitet. Und dann erfährt Hadis auch noch, dass das Opfer von Rezas Wut „Blutgeld“ verlangt als Schadenersatz für einen angeblich gebrochenen Arm. Dem gemeinsamen Sohn erzählt sie nichts von der Verhaftung: Sein Vater sei nach Teheran gereist, lügt sie und deckt so die Willkür der lokalen Machthaber, die mit dem kriminellen Unternehmen unter einer Decke stecken.

So weit, so eindeutig: Hier das korrupte System, die Täter – dort Hadis und Reza, die Opfer. Doch dann klingelt es an der Tür. Eine Mutter bettelt darum, dass Hadis, die Rektorin der Mädchenschule, ihre suspendierte Tochter wieder in den Unterricht lässt. Hadis zieht sich darauf zurück, mit der Suspendierung nur einen Befehl ausgeführt zu haben. „Sie kennen doch die Situation“, meint sie formelhaft. „So ist das hier nun mal.“ Wir werden später erfahren, was genau „die Situation“ ist: Das Mädchen und seine Eltern sind keine Muslime, deswegen hat irgendein Beamter das Kind der Schule verwiesen. Und aus Hadis dem Opfer wird so innerhalb weniger Minuten Hadis die Mittäterin, die die Ungerechtigkeit des Staates perpetuiert – nicht aus Überzeugung oder gar Boshaftigkeit, sondern aus Selbstschutz.

Unterdrückende Unterdrückte, unterdrückte Unterdrückende

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Diese zwei Handlungsstränge illustrieren, worum es Mohammad Rasoulof – im Jahr 2010 genau wie Jafar Panahi aufgrund seiner Unterstützung der pro-demokratischen, grünen Bewegung festgenommen und wegen „Propaganda gegen das Regime“ zu jahrelanger Haft verurteilt – in seinem neuen Film A Man of Integrity (Lerd) geht. Ein moralisch aufrechtes Ehepaar zerbricht an seinem Glauben an die Gerechtigkeit und steht vor der Wahl, sich entweder vom System zermalmen oder vereinnahmen zu lassen. Einst hat Reza als Student an Demonstrationen teilgenommen – und ist später eingeschüchtert von der Brutalität der Regierung aufs Land gezogen, um dort Fischzucht zu betreiben und seine Ruhe zu haben. Einst hat er beschlossen, nie Beamte zu schmieren – später wird er einen Behördenvertreter fragen, was seine Unterstützung kostet. Einst ist seine Frau Lehrerin geworden, um Mädchen durch Bildung in eine bessere Zukunft zu führen – später bedroht sie eine Schülerin, um eigene Interessen durchzusetzen.

„Du bist entweder Unterdrückter oder Unterdrücker“, heißt es an einer Stelle im Film. So einfach ist es leider nicht, denn das System – die Netzwerke sich gegenseitig bestechender und schützender Akteure – ist so perfide, dass es Außenstehende zu einer unfreiwilligen Komplizenschaft zwingt. Diese moralische Komplexität, die Veruneindeutigung der Schuldfrage, ist prägend für das zeitgenössische iranische Kino – ob in Lantouri (2016), Modest Reception (2013) oder den Filmen Asghar Farhadis. Immer wieder erzeugt der Unrechtsstaat Situationen, die Unschuldige zu Mitschuldigen machen. Anders als Farhadi greift Rasoulof das System frontal an: Mehrfach setzt er die Kadrierung so, dass die im Iran omnipräsenten Porträts von Khomeini und Khamenei das Geschehen zu beobachten scheinen. Es ist eben nicht die Gier einiger kleiner Beamter, die die Gerechtigkeit verrotten lässt – nein, der Fisch stinkt vom Kopf her.

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Eine iranische Hardcore-Sexszene

Rasoulof belässt es nicht bei seiner beißenden Kritik an der Ungerechtigkeit des Rechtssystems. Er provoziert zusätzlich mit mehreren Szenen, in denen Reza Alkohol trinkt – ein Vergehen, das im Iran mit empfindlichen Strafen geahndet wird. Und das vielleicht erstaunlichste Bild des gesamten Films huscht so beiläufig, so kurz und für westliche Sehgewohnheiten so subtil über die Leinwand, dass mancher hiesige Zuschauer die Brisanz des Gezeigten gänzlich verpassen dürfte: Hauptdarstellerin Soudabeh Beizaee streift sich, während sie aus dem Bild läuft, das Kopftuch ab und geht in Richtung Badezimmer, wo ihr Mann duscht. Ihr Blick verrät, dass es nicht das einzige Kleidungsstück bleiben wird, das sie ablegt. Für das iranische Zensursystem entspricht diese Einstellung beinahe einer Hardcore-Sexszene. Natürlich werden die Zensoren diesen Film verbieten. Und natürlich werden ihn iranische Bürger per DVD oder Internet trotzdem zu sehen bekommen. Im Schutze eines europäischen Kinosaals mag Rasoulofs Darstellung des iranischen Justizsystems ein Spielfilm sein – in persischen Wohnzimmern dürfte er für viele wie eine Dokumentation wirken.

Hier geht es zur Website des New-Horizon-Festivals in Wroclaw: https://www.nowehoryzonty.pl/?lang=en

Trailer zu „A Man of Integrity“


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