Drecksau

Es ist geil, ein Arschloch zu sein.

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Die Doppeldeutigkeit des britischen Wortes „filth“, zugleich der Originaltitel dieses Films, geht in seiner deutschen Übersetzung verloren. Filth, das meint Schmutz oder Dreck, dient zugleich aber auch als abfälliges Wort für die staatlichen Gesetzeshüter. Vielleicht wäre der Terminus Bullenschwein also näher dran gewesen als Drecksau, vielleicht aber auch gerade nicht. Denn zum einen interessiert sich das zweite Langfilm-Projekt des schottischen Regisseurs Jon S.Baird, das auf einem Roman von Irvine Welsh basiert, ohnehin nicht für Zweideutigkeiten, zum anderen geht es darin vor allem um ein Feiern der Unanständigkeit. Die Tatsache, dass Protagonist Bruce Robertson (James McAvoy) Polizist ist, spielt im Prinzip keine Rolle. Viel wichtiger: Er ist Rassist, Schwulenhasser, Vergewaltiger, untreu, intrigant und gewalttätig. Er hasst seinen Job, will aber, um seine Ehefrau zurückzugewinnen, unbedingt zum Detective Inspector befördert werden. Dabei ist ihm jedes Mittel recht, seine ohnehin unfähigen Kollegen auszustechen.

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Baird bindet die audiovisuelle Form stark an Charakter und Schicksal seiner Hauptfigur. Den extremen Egoismus Robertsons übersetzt er in eine äußerst subjektive Erzählweise. Dabei nimmt er eine Form des britischen Independent-Kinos auf, die in den letzten 15 Jahren vor allem in den Werken Guy Ritchies ausbuchstabiert wurde: Ein homodiegetischer Erzähler bedient ein dominantes Voice-Over und richtet sich auf Ton- wie Bildebene immer wieder direkt an das Filmpublikum. Diese primäre Zuschauer-Steuerung wird dann in eine stark beschleunigte Narration mit einem großen Figurenensemble eingebettet – ein Kino der Rasanz, in das man als Zuschauer qua komplizenhafter Zeugenschaft eingebunden ist. Die Spannung besteht zumeist darin, dass sich das hauptsächliche Identifikationsangebot auf moralisch eher verwerfliche Figuren bezieht: In RocknRolla (2008) folgt man den Machenschaften eines Londoner Gangsters, in Revolver (2005) dem Weg eines Zockers auf Rachefeldzug.

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Drecksau treibt diese Anordnung auf die Spitze, denn hier ist es der Ordnungshüter selbst, der sich keinen Deut um Anstand oder Integrität bemüht. In seiner Feier des Verwerflichen geht der Film, liest man ihn nicht als eine konsequente Persiflage auf das eben beschriebene Kino, reichlich penetrant vor. Das mag auch an der verhältnismäßig nüchternen Behandlung der Ereignisse liegen, die sich durch den stetigen Handlungsfortschritt und der damit einhergehenden Vernachlässigung einer dramatischen Tiefe einstellt. In diesem Punkt unterscheidet sich Drecksau signifikant von Trainspotting (1996), der bis heute erfolgreichsten Verfilmung eines wilden Irvine-Welsh-Romans, in dem die Schockwirkungen immer wieder Raum und melodramatische Zeit zur Entfaltung hatten.

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In Bairds Werk dagegen wird es erst im letzten Drittel wieder interessant, wenn das Tempo zwar auch nicht gedrosselt wird, ebenjene Schockwirkungen aber auf den Protagonisten selbst zurückfallen und der Film parallel zu Robertsons Psyche aus dem Ruder zu laufen droht. Mittels flackernder Jump-Cuts – Robertson nimmt seine Mitmenschen bald nur noch mit bedrohlichen Tierköpfen ausgestattet wahr – und einer hektischen Handkamera wird dessen flegelhafter Exzess nach und nach drastisch pathologisiert. Kein Wunder, gab es doch statt Pillen andauernd nur Whiskey und Koks. Und dann ist da noch ein mögliches tieferliegendes Trauma in Form eines Familiendramas, das im visuellen wie mentalen Wahn aber Gott sei Dank nur in wenigen Bildern angedeutet wird. Auch die gutmenschliche Moralkeule zum Ende bleibt erfreulicherweise aus: „Same rules apply.“

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Kommentare


Bartel

Habe selten eine Verfilmung gesehen die sich derartig sklavisch an ihre Vorlage hält. Was im Falle von FILTH durchaus positiv gemeint ist. Lustig auch das der Trip nach Amsterdam aus dem Buch im Film einen Ausflug nach Hamburg weichen muss.
Ist das jetzt wohl für den Engländer hipper? Die Drogen scheinen zumindest die gleichen zu sein.






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