Dreamgirls

Dreamgirls erzählt mit viel Musik und Gesang die Geschichte von Diana Ross & the Supremes und davon, wie Musik von Schwarzen auch für das weiße Bürgertum gesellschaftsfähig wurde.

Dreamgirls

Das Genre des Musicals steht oft unter dem Generalverdacht, dass es, indem es Gesang, Schauspiel und Tanz verbinde, keine der drei Künste wirklich beherrsche und darüber hinaus hinter all dem Spektakel eine eher schwachbrüstige Geschichte verbergen wolle. In seinen besten Momenten kann Musical freilich Handlung in Gesang und Tanz so verdichten, dass es sich zu einem großen Kunstwerk zusammenfügt.

Bill Condon versucht in seinem neuen Film Dreamgirls, alles richtig zu machen: Der Tanz beschränkt sich auf das für die Showbühne unvermeidliche, womit die bühnenerprobten Hauptdarstellerinnen, allen voran Beyoncé Knowles, keinerlei Schwierigkeiten haben. Gesang und Story verlassen sich auf vertrautes und bewährtes Material, ist das Musical doch bereits seit 1981 am Broadway erfolgreich und basiert zudem nicht allzu lose auf der Geschichte von Berry Gordy, seiner Firma Motown Records und seinem erfolgreichen Act Diana Ross & the Supremes: für reichlich Intrigen, Erfolgsgeschichten und schöne Frauen ist also gesorgt.

Dreamgirls

Diana Ross heißt hier Deena Jones (Knowles) und bildet im Detroit der 1960er Jahre mit ihren zwei Freundinnen Effie White (Jennifer Hudson) und Lorell Robinson (Anika Noni Rose) die Band The Dreamettes, die als Hintergrundsängerinnen für James „Early“ Thunder (Eddie Murphy) bekannt werden und dann als The Dreams erste eigene Erfolge feiern. Wesentlich dafür verantwortlich ist ihr ehrgeiziger Manager Curtis Taylor Jr. (Jamie Foxx), der davon träumt, die Musik von Schwarzen auch in die Hitparaden zu bekommen – und das heißt, sie auch für die weiße amerikanische Mittelschicht interessant zu machen.

Natürlich erfordert dies Opfer, und so ersetzt Curtis die etwas füllige Effie bald mit einer schlanken Sängerin. Die hübsche Deena, die eine gefälligere Stimme hat, wird an ihrer Statt zur Leadsängerin und nimmt selbst Effies Platz als Frau an Curtis’ Seite ein – der sie schließlich auch als Solistin zu einem großen Star macht.

Eher nebenbei deutet Dreamgirls dabei immer wieder die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen an – Condon, der zuletzt mit Kinsey (2004) bereits ein Biopic über die gleiche Epoche der amerikanischen Zeitgeschichte gemacht hatte, fügt immer wieder kleine Filmausschnitte etwa von einer Rede Martin Luther Kings oder von den Rassenunruhen in Detroit im Sommer 1967 ein.

Dreamgirls

Es bleibt aber bei leichten Andeutungen: Rassismus ist nicht das Thema von Dreamgirls, sondern die emotionalen und persönlichen Fallstricke auf dem Weg zum Ruhm. Es wird viel geliebt, verlassen und verraten in diesem Film. „Early“ kostet es schließlich das Leben – Eddie Murphy, der einen Golden Globe für diese Rolle erhielt, füllt diesen Niedergang mit einer umwerfenden Hingabe aus –, im Sinne moralischer Belehrung verliert aber Curtis durch seine Skrupellosigkeit am Ende auch seine letzten Freunde. Und weil wir uns in einem Musical befinden, müssen all diese Gefühle natürlich herausgelassen und besungen werden.

Es ist gewiss kein Zufall, dass zahlreiche der erfolgreichen Musical-Adaptionen für die Leinwand Geschichten erzählen, die ihr Setting im Umfeld des Musicals selbst finden: Fame (1980), A Chorus Line (1985) – Bühne und Probenraum sind vielleicht die Orte, an denen Menschen noch am ehesten spontan in Gesang und Tanz ausbrechen können, ohne dass es unfreiwillig komisch wirkt.

Dreamgirls gelingt es nicht immer, das Umkippen ins Lächerliche zu vermeiden, was durchaus auch der gelegentlich schmalzig geratenen Musik von Henry Krieger anzulasten ist, die im Übrigen, sieht man von einzelnen Stücken ab, kaum einzufangen vermag, warum die Musik des Motown-Labels so erfolgreich und so elektrisierend gewesen ist.

Dreamgirls

Auch kann sich der Film nicht recht entscheiden, ob er vielleicht doch lieber eine Bühnenaufführung wäre – zu oft wird das Bild ins Schwarz ausgeblendet, und schon sind, wie nach kurz geschlossenem Vorhang, ein paar Jahre vergangen, und gelegentlich konzentriert sich das Licht (bei Nacht und unter freiem Himmel) auf einen einzelnen Spot, in dem der verlassene Curtis den Himmel anweint. Dann wieder rückt die Kamera ganz dicht an die Personen heran und umkreist ein Paar, Intimität suggerierend, bis dem Zuschauer schwindlig geworden ist.

All das ist aber vielleicht nicht einmal das Hauptproblem von Dreamgirls. Der Film, der sich nicht nur mit dem Rassismus in der Kulturindustrie beschäftigt, sondern auch damit kokettiert, die Geschichte von Deenas/Diana Ross’ Befreiung aus dem Joch von Curtis’/Berry Gordys goldenen Käfig zu erzählen, handelt hauptsächlich von Aufstieg und Fall des Managers und ahmt damit auch auf der Ebene der Geschlechterordnung Curtis’ Handlungsweise nach: die Frauen sind nur Mittel zum Zweck.

Und natürlich wird hier keine realistische Geschichte erzählt: Am Ende des Films hat die von Curtis geschasste Effie ihr Comeback nicht nur als Solistin – Florence Ballard allerdings, nach der die Figur der Effie gestaltet ist, starb 1976 nach vergeblichen Versuchen, eine Solokarriere in Gang zu setzen. Über derlei Episoden, die nicht in die letztlich versöhnliche Geschichte von Dreamgirls passen, deckt der Film einen Teppich aus Weichgespültem für die Tränendrüse.

Dabei ist die Vergangenheit der Gegenwart gar nicht so unähnlich: Effie-Darstellerin Jennifer Hudson wurde 2004 aus der amerikanischen Casting-Show American Idol herausgewählt – aus anscheinend den gleichen Gründen, aus denen Effie die Dreams verlassen muss. Aber vielleicht fängt Hudsons Karriere mit Dreamgirls ja erst richtig an.

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