Drawing Restraint 9

In seinem neuesten Film begibt sich Matthew Barney mit seiner Lebensgefährtin Björk auf ein japanisches Walfangschiff, um eine blutige Hochzeitszeremonie zu feiern.

Drawing Restraint 9

Vor einem Jahr kam es in Japan zur mit Spannung erwarteten Uraufführung des neuen Films von Matthew Barney. Die Tournee von Drawing Restraint 9 startete somit nicht nur in dem Land, das seine Entstehung maßgeblich beeinflusst hat, sondern wurde auch von einer umfangreichen Ausstellung thematisch verwandter Skulpturen, Videos und Fotografien begleitet. Hier konnte man verfolgen, wie sich der Film aus einer Reihe von Performances entwickelt hat, in denen Barney seit 1987 künstliche Widerstände in den schöpferischen Akt mit einbezog. Der Malvorgang wird darin durch Gummiseile, Trampolins oder Kletterwände erschwert und somit für den Künstler zur athletischen Aufgabe. Ausgehend von den frühen konzeptionellen Performances erweiterte Barney die Drawing Restraint-Reihe auch zunehmend um eine filmische und narrative Ebene. Die geradezu medizinische Faszination für den menschlichen Körper und dessen Belastung bleiben auch diesmal zentrales Thema, jedoch auf einer sehr viel abstrakteren Ebene. Vielmehr scheint es, als hätte Barney auf opulente Weise die gemeinsamen Flitterwochen mit seiner Frau Björk in Japan verfilmt.

Schon in seinem monströsen Cremaster Cycle (1994-2003) stellte Matthew Barney seine Fabelwesen und künstlichen Settings vor die Kulisse realer Landschaften wie der Isle of Man oder den Rocky Mountains. Diesmal bedient er sich der Weite des japanischen Meeres, verbindet den Schauplatz aber erneut inhaltlich mit der Handlung. Japanische Traditionen und Rituale wie die eheliche Teezeremonie, das Einzugsfest am Anfang des Films oder ein Tänzer aus dem No-Theater werden von Barney dabei nicht als bloße Ethno-Klischees ausgestellt, sondern durch seinen ganz eigenen Stil verändert und in einen neuen Kontext gestellt.

Drawing Restraint 9

Hauptsächlich funktioniert der Film über seine Bilder, während Handlung und Sprache nur rudimentär vorhanden sind. Sieht man sich die ersten Cremaster-Teile an, lässt sich eine deutliche Entwicklung von Videoinstallationen zu filmischeren Ansätzen verfolgen. Auch wenn Barney zu den Stars des zeitgenössischen Kunstbetriebs zählt, ist Drawing Restraint 9 eigentlich im Kino am richtigen Platz. Die Fahrt des Walfangschiffs Nisshin Maru und die Hochzeitszeremonie zweier von Barney und Björk dargestellter Figuren fungiert dabei als grobe Erzähllinie. Doch auch die vielen anderen raum- und zeitlosen Szenarien, die sich an Land und auf den verschiedenen Ebenen des Schiffs abspielen, werden unhierarchisch und fast mechanisch gegeneinander geschnitten. So sieht man etwa weiß geschminkte Fischerinnen in traditionellem Gewand und mit überdimensionalen Taucherbrillen oder die surreale Mittagspause der echten Schiffsarbeiter, denen dekorativ zugeschnittenes Walfleisch serviert wird. Die geheimnisvolle Form des Essens kennt man schon aus dem Cremaster und sie findet sich ebenso als überdimensionale Vaselineskulptur auf dem Deck des Schiffes wieder.

Barney gibt diesen ästhetisch perfekten und dadurch auch sterilen und beunruhigenden Bildern viel Zeit, um sich zu entfalten. Dabei prägt außerdem der Soundtrack von Björk maßgeblich die Atmosphäre des Films. Grundsätzlich unterscheiden sich die gesungenen Passagen zwar nicht wesentlich von ihren letzten Alben, jedoch führt Björk konsequent das Konzept des Films weiter. Durch die Vermischung traditioneller japanischer Instrumente mit ihrer eigenen musikalischen Sprache entstehen sehr stimmungsvolle Momente, wobei die Kombination aus Bildern und Musik streckenweise etwas überladen wirkt. Aber schließlich handelt es sich bei Barneys Arbeiten um Filme, die ohnehin nicht gerade mit Bombast geizen.

Drawing Restraint 9

Sein Talent liegt vor allem darin, avantgardistische Ansätze relativ massentauglich zu vermarkten. Neben Björk als Publikumsmagnet bedient sich Barney einer sehr gestylten und leicht zugänglichen Ästhetik, die im Kontrast zur dramaturgischen Leere des Films steht. Im letzten Drittel bewegt sich das Geschehen allerdings doch noch auf einen Höhepunkt zu, der bis zum Schluss des Films ausgedehnt wird. Nach der Hochzeitszeremonie kommt es zwischen den beiden Liebenden zu einer zärtlichen und gleichzeitig grausamen Verschmelzung. Mit Messern bewaffnet filetieren sich Björk und Barney gegenseitig die Beine, bevor sie sich inmitten unüberschaubarer Gliedmaßen und blutigem Meerwasser in Wale verwandeln. Dieser etwas kitschige, aber auch wunderschön inszenierte Höhepunkt ist das Ende einer faszinierenden Reise. Viele Fragen bleiben dabei offen, aber die interessanteste dürfte wohl sein, was Barney sich als Nächstes einfallen lassen wird.

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