Drag Me to Hell
Handgemachte Special Effects und eine Gruselgeschichte mit Trashappeal: Sam Raimi unterbricht die Spiderman-Serie, kehrt zu seinen Ursprüngen zurück und fühlt sich dabei sichtlich wohl in seiner Haut.
Der wahnwitzige Prolog scheint direkt einem Dario-Argento-Film aus der kreativen Hochphase des italienischen Meisterregisseurs entnommen zu sein: Knallbunte Farben, rasante Kamerafahrten und Zooms, ohrenbetäubende Musik und pittoreske Villen, Frauen jedes Alters kreischen und die Erde tut sich auf. Es geht um einen kleinen Jungen, der zur Hölle fährt und um einen Fluch, der weitergegeben wird, aber wie bei Argento ist das auch hier nicht wirklich wichtig.
Tempo und Irrsinn dieser ersten Minuten kann und will Drag Me to Hell im weiteren Verlauf nicht aufrechterhalten, dennoch zeigt der Anfang, wohin die Reise führt: zurück in die 80er. Darüber vermag auch die moderne Ausstattung des Büros nicht hinweg zu täuschen, in welchem die Hauptfigur Christine Braun (Alison Lohman, die ihre Sache auch in den absurdesten Situationen gut macht) ihrer Arbeit nachgeht. Christine ist in einer Bank angestellt und konkurriert mit ihrem Kollegen Stu Rubin um eine anstehende Beförderung. Auch um in dieser Hinsicht eine bessere Ausgangsposition zu erhalten, lehnt sie das Ersuchen der geheimnisvollen, reichlich verwahrlosten – und dezidiert ausländischen – Mrs. Ganush (Lorna Raver) ab, einen Kredit auf ihr Haus zu verlängern. Mrs. Ganush, die sich ihrer Heimstätte beraubt sieht, ist darüber alles andere als erfreut und ergeht sich in wüsten Beschimpfungen, während sie gewaltsam aus der Bank entfernt wird. Später lauert die mysteriöse Osteuropäerin dem All-American-Girl Christine in der Tiefgarage auf. Dieses Mal kann die Blondine noch mit Müh und Not entkommen und auch dem Fluch, den die alte Frau über sie verhängt, misst Christine zunächst wenig Bedeutung bei...
Im Folgenden entspinnt sich eine klassische Gruselstory mit reichlich Trashappeal. Wahrsager treten auf und verwunschene Ziegenböcke, Gräber werden ausgehoben und Exorzismen durchgeführt. Das Horrorkino verzichtet für gut 90 Minuten auf jeden Anschein von Ernsthaftigkeit, auf den düster-blutigen Pseudorealismus, der das Genre spätestens seit Saw (2004) prägt und kehrt zurück zur wilden Fantastik vergangener Jahrzehnte – allerdings mit höherem Budget und dem handwerklichen Know-how eines großen A-Films. Als Christines Verlobter Clay Dalton (Justin Long) von einer „cabin in the woods“ seiner Familie erzählt, in der er sich mit Christine von den Strapazen der letzten Tage erholen möchte, scheint Raimi sogar ganz an den Beginn seiner Filmkarriere zurückkehren zu wollen: In die Waldhütte, in der er mit einigen Freunden 1981 den blutrünstigen Klassiker Tanz der Teufel (The Evil Dead) drehte. Ob es Christine und Clay in diesem Film bis zur Hütte schaffen, das sei hier nicht verraten.
Drag Me to Hell ist, darum wird viel Wirbel gemacht, Raimis Rückkehr zum Horrorgenre. Zuletzt drehte er 1992 im Genre den dritten Teil der Evil Dead-Serie, den Splatter-Slapstickfilm Armee der Finsternis (Army of Darkness), in welchem es Bruce Campbells Ash ins Mittelalter verschlug. Nach diesem reichlich durchgeknallten Unterfangen wechselte Raimi in den Mainstream, inszenierte einige solide Genrefilme und schließlich die Spiderman-Trilogie (2002-2007). Insbesondere von diesen letzten drei Filmen will sich das neue Werk absetzen und man merkt Drag Me to Hell in jeder Sekunde an, dass Raimi die Arbeit am Film genossen hat. Befreit von der Last, ein Franchise stemmen zu müssen, das mehrere hundert Millionen Dollar schwer ist, gewinnt der Regisseur die Leichtigkeit und Spontaneität zurück, die seine Filme bis Armee der Finsternis auszeichneten.
Raimis alte Filme definierten sich stets vor allem anderen über ihre Pyrotechnik, über die Special Effects, die sich nicht vollständig der Handlung unterordneten, sondern – manchmal, wie beispielsweise im Falle der berühmten Hand aus Tanz der Teufel 2 (Evil Dead 2, 1987) ganz buchstäblich – ein Eigenleben entwickelten. Drag Me to Hell schließt an diese frühen Filme und ihre genuin filmische Imaginationskraft an. Raimis Kino ist nicht damit zufrieden, sich auf das standardisierte Formen- und Motivrepertoire des Horrorfilms zu beschränken. In diesem Kino wohnt jedem Gegenstand das Potential inne, aktiv ins Geschehen einzugreifen, dem Taschentuch der alten Frau etwa, oder einem Stück Kuchen, das Christine während ihres Besuchs bei ihren designierten Schwiegereltern verzehren möchte.
Nicht alles, was Drag Me to Hell aufbietet, ist neu oder sonderlich originell. Ganz im Gegenteil, gerade bei seinen eigenen Filmen bedient sich Raimi schamlos. Doch auch, wenn man den Eindruck hat, fast alles so oder so ähnlich bereits mehr als nur einmal gesehen zu haben, gefällt die Detailverliebtheit und die handwerkliche Sorgfalt, mit der das gesamte Team zur Sache geht. Handwerklich ist der Film auch in dem Sinne, dass nur wenige Effekte auf Unterstützung durch Computeranimation angewiesen sind. Die meisten – und die effektivsten – Tricks sind solche, die in und vor der Kamera entstehen. Und die funktionieren ausnahmslos, auch aufgrund der Unterstützung durch das großartige Sounddesign, hervorragend.
Liebevoll gemacht sind nicht nur die Effekte. Auch die Handlung selbst ist nur auf den ersten Blick rein funktional. Raimi staffiert seine Erzählung, wo er nur kann, mit ironischen Brechungen – man achte auf die Katzen im Film – und bizarren Seitensträngen aus. Christine beispielsweise erhält eine deutlich aufwändigere Familiengeschichte, als für die Handlung notwendig gewesen wäre. Nicht nur macht der Film ihre Mutter zur Alkoholikerin, in einer frühen Szene taucht außerdem ein Poster auf, in dem sie als übergewichtiges Kind neben einem Schwein posiert. Als der Fluch sie das nächste Mal attackiert, ertönt ein Geräusch, das sich verdächtig nach einem Schweinegrunzen anhört. Die Hillbilly-Vergangenheit holt die saturierte Bankangestellte ein.
Einen großen Unterschied gibt es im Übrigen doch zwischen Drag Me to Hell und den alten Werken des Regisseurs. Sicherlich auch, weil Raimi auf das lukrative amerikanische PG-13-Rating schielte, ist der neue Film gerade im Vergleich zur Evil Dead-Reihe recht unblutig ausgefallen. Einige Fans der alten Filme mag er damit vor den Kopf stoßen, alle anderen können froh sein, dass Raimi die Kettensäge den Saws und Hostels dieser Welt überlässt und sich an einem selten wirklich furchterregenden, aber stets immens unterhaltsamen Film erfreuen, der zumindest in einzelnen Sequenzen tatsächlich der kreative Befreiungsschlag Sam Raimis ist, auf den seine Anhänger lange Jahre warten mussten. Als nächstes folgt dann, so steht zu vermuten, Spiderman 4.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 26.05.2009
Kommentare zu Drag Me to Hell
DagonFive 23.06.2009 23:34
Da ich eher Freund von subtilem Horror bin, hat mich dieser Film wenig überzeugt. Allerdings hat es der Regisseur durch die Holzhammer Schockmomente geschafft die trashige Aufmachung und Handlung stimmig zu halten. Trotz den stupiden vorhersehbaren Schockmomenten und der relativ leicht durschaubaren Story hat es der Regisseur geschafft mir ein paar Adrenalinstöße zu verpassen.
Meinen Geschmack hat der Film nicht getroffen, allerdings ist das Konzept stimmig und man erschreckt sich ordentlich.
Bruce Lee 13.10.2009 21:09
Also die Schockeffecte bei diesen Film sind sehr gut. Selbst die Horrofans die viel gesehen haben werden sich hier erschrecken. Vorausgesehen mann schaut ihn sich alleine und im Dunkeln an. Es gibt paar sher witzige Szenen. Die Story vorallem das ende sehr gut durchdacht. Also mir hat der Film gefallen er ist nichts besonderes und den Horrorfilmen aber er überrascht und erschreckt. das reicht.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Drag Me to Hell. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Drag Me to Hell
USA 2009
Laufzeit: 99 Minuten
Regie: Sam Raimi
Drehbuch: Sam Raimi, Ivan Raimi
Produktion: Sam Raimi, Robert Tapert, Grant Curtis
Bildgestaltung: Peter Deming
Montage: Bob Murawski
Musik: Christopher Young
Darsteller: Alison Lohman, Justin Long, Lorna Raver, Reggie Lee, Dileep Rao
Kinostart: 11.06.2009
DVD-Angaben
Titel: Drag Me to Hell
Vertrieb: Universal Pictures
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Englisch, Spanisch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 99 Minuten
Extras: Produktionstagebuch
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 22.10.2009
Copyright Drag Me to Hell
Fotos: © Universal
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - schon jetzt mit Trailern und Vorab-Infos zu den Filmen! www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Christoph Terhechte: abhängig, ohne Verpflichtungen
Interview mit Christoph Terhechte. weiter
Aktuelle Filme
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
The Firm
R: Alan Clarke
Neu im Kino
09.02.2012
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
02.02.2012
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Berlin is in Germany
Nacht von Do auf Fr, 09.02-10.02., 01:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
Spur der Steine
Fr 10.02, 22:25 Uhr, 3sat
Requiem
Fr 10.02, 22:40 Uhr, Festival (ARD digital)
Mulholland Drive
Sa 11.02, 21:45 Uhr, EinsExtra (ARD digital)
Waltz with Bashir
Nacht von Sa auf So, 11.02-12.02., 02:35 Uhr, arte
Cincinnati Kid
So 12.02, 20:15 Uhr, arte






















2 Kommentare