Don’t come knocking

Der jüngste Film von Wim Wenders erzählt, ähnlich wie schon Paris, Texas (1984), in wunderschönen Bildern die Geschichte eines Mannes, der den Weg zu seinem Sohn zurückfinden will.

Don’t come knocking

Ganz am Anfang reitet ein Cowboy durchs Western-Idyll: rötlich die Felsen, blau und weit der Himmel. Als die Sonne untergegangen ist, leuchtet sein Gesicht rötlich im flackernden Schein des Lagerfeuers, und über die Straßenbrücke, unter der er kauert, rauschen die Autos.

Mit diesem fein ironischen, in seiner Farbenpracht und Reinheit das Werbefernsehen spiegelnden Blick auf das sehr amerikanische Bild des Westernhelden eröffnet Wim Wenders seinen neuen Film Don’t come knocking. Natürlich schwingt da immer ein bisschen Wehmut mit, denn die Freiheit, die im Ritt durch die Prärie so schön manifestiert zu sein scheint, sie ist natürlich eine Vergangenheit, die nur noch als mediales Abbild existiert.

Wenn also Westerndarsteller Howard Spence einfach vom Set seines neuen Films davon reitet, dann ist ihm rasch ein Versicherungsangestellter (ein meisterhaft staubtrockener Tim Roth) auf der Spur, um ihn wie ein teures Pferd wieder einzufangen: Es gilt schließlich, Verträge einzuhalten.

Don’t come knocking

Wohin er allerdings davonlaufen soll, weiß Howard selbst nicht so genau, allenfalls wovor – als Filmstar hatte er von Alkohol, Drogen und Frauen genug, vielleicht zu viel. Als er dann von seiner Mutter (Eva Marie Saint) erfährt, dass er dreißig Jahre zuvor in Montana ein Kind gezeugt hat, von dem er bislang noch nichts wusste, macht er sich dorthin auf den Weg.

Dass Wenders hier das Thema aus Paris, Texas von 1984 wieder aufnimmt, wird wohl nur wenigen verborgen bleiben. Damals wie heute heißt der Drehbuchschreiber Sam Shepard, der die Hauptfigur Howard auch gleich selbst spielt. Und Wenders lässt ihn wie einst Harry Dean Stanton ein Stück auf Bahnschienen entlanglaufen, nur die rote Mütze von vor zwanzig Jahren ist roten Socken gewichen.

Überhaupt sind es natürlich die Bilder, die Landschaften, die Farben, die begeistern. Wenn die von Franz Lustig geführte Kamera Howard in die Stadt Butte folgt, wo er seine ehemalige Geliebte Doreen (Jessica Lange) und ihren gemeinsamen Sohn Earl (Gabriel Mann) trifft, dann wirken manche Einstellungen, als seien sie Gemälden von Edward Hopper entsprungen.

Don’t come knocking

Selbst wenn die Bilder in Bewegung geraten, strahlen sie weiter Ruhe aus: Einmal umkreist die Kamera scheinbar minutenlang Howards Gesicht; der aber sitzt eine ganze Nacht mitten auf der Straße auf einem Sofa und wartet dort unbeweglich auf die Rückkehr seines Sohnes.

Shepards Hollywoodheld lässt die Ereignisse in Butte stoisch über sich ergehen; er scheint keine emotionale Reaktion auf seine eigene Geschichte, auf sein wiedergefundenes Leben entwickeln zu können. Seine hilflosen Versuche, die Beziehung mit Doreen wiederzubeleben, müssen natürlich scheitern; so sehr sie hinzunehmen bereit ist, dass er nach so langer Zeit einfach zurückkehrt, so wenig Interesse hat sie daran, als die einfachst mögliche Lösung für seine Verzweiflung herzuhalten.

Jessica Lange spielt diese Doreen als liebevolle, sehr lebenserfahrene Frau, die durch Howards Lebenslügen hindurchblickt. Die Szene, in der sie sich gegen seine Avancen wehrt, ohne ihn dabei verletzen zu wollen, gehört zu den stärksten des Films: die widerstreitendsten Emotionen versammeln sich auf ihrem Gesicht, während Howards Ratlosigkeit immer stärker und immer sichtbarer wird.

Von Lange und Eva Marie Saint abgesehen, nutzt Wenders das Potential der Frauen in seinem großartigen Ensemble nicht vollständig aus. Fairuza Balk ist als Earls Freundin Amber zwar oft im Bild, darf aber nur nölen und nervig sein, ohne dass ihre Figur Tiefe erhielte, und auch Sarah Polley hat als Howards Tochter Sky eigentlich viel zu wenig zu tun.

Don’t come knocking

Sky heftet sich, nachdem sie ihren Vater erkannt hat, beharrlich an seine Fersen und sorgt dafür, dass er sich schließlich mit seiner Vergangenheit versöhnen kann. Polley bekommt von Wenders dazu eine überirdische Aura verpasst: Immerzu wirkt sie sanft und zart, wie ein blonder Engel des Schicksals – über andere Charakterzüge als Geduld und Liebe scheint sie nicht zu verfügen.

Es wird recht pathetisch, wenn sie zuletzt, ganz in Sonnenlicht und Weichzeichner gebadet, Howard ihre Gefühle offenbart und nicht nur ihm die Möglichkeit gibt, sich zu öffnen, sondern zugleich ein Vorbild für Earl wird, damit er auf seinen Vater zuzugehen lernt. So nimmt es die eine Frau hin, dass Howard dreißig Jahre lang verschwunden war, und natürlich ist es auch eine Frau, die dem alten einsamen Mann den Weg zeigt und ihn mit dem wütenden Sohn versöhnt.

Don’t come knocking entwickelt sich, als Geschichte vom lonesome rider, der durch die Frauen endlich zur Ruhe kommt, unversehens und ganz unironisch zum Neo-Western vor atemberaubender Kulisse: zu einer einzigen, wunderschönen Männerphantasie.

Kommentare


jof

Ein wirklich wunderbarer Film. Vielen Dank für die Empfehlung. Unglaublich pathetisch, natürlich muss man sich darauf eizulassen bereit sein, was stellenweise schwer fallen mag. Angenehm beschwingt verlässt man den Kinosaal, auch wenn Wenders es mal wieder nicht lassen konnte an das Ende eine allzu deutliche "Weisheit" zu stellen: "Divide Wisdom". Das war schon bei "Land of Plenty" offensichtlich Diskussionsstoff im Schnittraum, da hatten sie noch im letzten Augenblick, nachdem der Film bereits der Presse gezeigt worden war, die in Form von Wolken am Himmel propagierte Weisheit, wieder entfernt (an den Spruch kann ich mich leider gerade nicht mehr erinnern, vielleicht etwas in die Richtung von "Freedom forever"). Sicherlich kann man sich an solchen Dingen stoßen, doch soviel muss man einfach wissen: Wenders macht einen Film der extrem auf Gefühlserzeugung aus ist. Dafür setzt er die Musik ein, dafür hat er die Dialoge und die Schauspieler richten ihr Spiel darauf aus. Dennoch oder gerade deswegen eine Empfehlung wert.


andreas Jacke

Nach "Land of Plenty" ein Film der in seiner Gradlineigkeit und seinem paranoiden, politischem Thema mehr als überzeugend war - nun dieser derbe Rückfall in Wenders Universum des Klamauks und der fehlenden Reflexion über das familiäre, die auch schon bis ans Ende der Welt zum Ort eines unreflektierten ödipalen Komplexes hat verdorren lassen. Wenders sollte weniger Geld für seine Filme haben- denn Million Dollar Hotel war auch schon schwer genießbar.
Sein neuer Film kann sich nicht entscheiden zwischen Pathos und Ironie. Er ist was die Vater-Tochter oder Vater -Sohngeschichten angeht mehr als peinlich und hat seinen größten Moment eigentlich nur in einer durchwachten Nacht auf einem Sofa.

Was in Paris Texas so wundervoll gelungen war wir nun zur schwer erträglichen aufgesetzten Farce - in diesem Film ist die Familienzusammenführung mehr als mißglückt. Und mal ganz ehrlich, wenn Sarah Polly einen ganz Film die Asche ihrer toten Mutter mit sich herumträgt - oder ein Schauspieler seine Mutter nach 30ig Jahren mal wieder besucht, ohne das sie ihm daruas einen Vorwurf macht, dann ist doch eigentlich irgend etwas nicht ganz richtig gelaufen sein....oder?


attack

"...der fehlenden Reflexion über das familiäre, die auch schon bis ans Ende der Welt zum Ort eines unreflektierten ödipalen Komplexes hat verdorren lassen."

Ich glaub, da hat einer seine Metaphern nicht im Griff.

"zur schwer erträglichen aufgesetzten Farce"

Beziehst du dich da etwa implizit auf deine eigene Schreibe?


Markus.d

Der Film ist stellenweise schön anzusehen, wenn man ein Faible für "breathtaking landscapes" in Technocolor hat. Die Musik trägt zu ganz angenehmen 2 Stunden Filmerlebnis bei, wenn...
die vielen Momente nicht wären, in denen ein Gefühl von "peinlich berührt" aufkommt: Ein mittelalter Mann besucht nach 30 Jahren seine Mutter und erntet ein "Ach, was hat du denn so getrieben?", er bekommt für die Weiterfahrt den Klischee-Straßenkreuzer aus den 50er Jahren gestellt, begegnet in einem abgelegenen Westernkaff in Montana gleichzeitig seinem bislang unbekannten Sohn (von Frau 1) und seiner bislang unbekannten Tochter (von Frau 2, die den ganzen restlichen Film in einer Urne dabei ist). Der Sohn ist zwar schon 27, aber, durch die überraschende Begegnung mit seinem Vater, noch zu pubertären Wutausbrüchen fähig, bei denen er auch mal sein Mobliar zerschmettert.
Die Figuren werden nie so richtig glaubwürdig, angefangen von der Hauptfigur Howard, der ehemaligen attraktiven Geliebten, die nach der kurzen Liebschaft mit ihm vor fast 30 Jahren keine ernsthaft Beziehung mehr hatte (???), die vaterfixierte Tochter mit der Urne, etc. Am Schluss fahren ihm die nun doch glücklichen Kinder mit seinem Schlitten hinterher ans Set, an dem er jetzt, geläutert und gesettelt, mit den Dreharbeiten seine Karriere fortsetzen kann. (etwas pilcherig).
Hätte ich den Film im Kino gesehen, wäre ich enttäuscht gewesen. Zuhause auf DVD ist er aber ganz OK.






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