Don't Breathe

Sein schönes Evil-Dead-Remake hat es in Deutschland auf den Index geschafft. In seinem zweiten Langfilm hetzt Fede Alvarez nun einen Irak-Veteranen auf drei Systemverlierer – und legt in seinem Horror-Kammerspiel erstaunlich früh die Karten auf den Tisch.

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Tröstend fallen ein paar warme Sonnenstrahlen durchs Autofenster und auf die blassen Gesichter von Rocky, Alex und Money. Im ansonsten eher tristen Dasein der jungen Systemverlierer wirken sie wie ein Köder für eine bessere Zukunft. Wir sind in Detroit, jener einstigen Hochburg der amerikanischen Autoindustrie und Geburtsstadt des Techno, in der man Downtown nur noch eine Mischung aus Slum und Geisterstadt vorfindet. Die ehemaligen Klassenkameraden des Trios sind deshalb längst weggezogen. Und damit die drei Freunde es ihnen gleichtun können, wollen sie sich erst einmal genug Geld mit Einbrüchen beschaffen. Was das Land ihnen verweigert, müssen sie sich eben selbst holen. Wenn der prollige Money auf den Teppich seiner reichen Opfer pisst, besteht kein Zweifel daran, dass das mehr als nur ein anarchischer Spaß ist: eine Geste der Verachtung für all die, denen es besser geht.

Ein von Existenzangst gebeutelter Wutbürger

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Wie schon in seinem schönen Spielfilmdebüt, dem in Deutschland mittlerweile indizierten Evil Dead (2013), bettet der uruguayische Regisseur Fede Alvarez sein Horrorkino auf einem sozialkritischen Fundament. Zumindest zwei seiner drei Protagonisten kann man getrost als White Trash bezeichnen, ohne, dass dieser harsche Ausdruck die Milde, mit der Alvarez seinen Figuren begegnet, angemessen beschreibt. Viel bekommt man von ihnen zwar nicht mit, aber bei der Autofahrt in der Abendsonne dürfen sie wenigstens von ihren Träumen erzählen (oder lassen zumindest Blicke sprechen): einem Leben an einem schöneren Ort, mit mehr Geld und im Idealfall noch mit der Freundin des besten Kumpels.

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Wenn das Trio dann ein letztes großes Ding drehen will und dafür in das Haus eines älteren, blinden Kriegsveteranen einbrechen muss, der nach dem Unfalltod seiner Tochter mit einer großzügigen Abfindung abgespeist wurde, scheint das zunächst ein Coup zu sein, der sich wie von selbst erledigt. Dass sich dabei ausgerechnet die Zukurzgekommenen aufeinander stürzen, darf man durchaus als bitteren gesellschaftlichen Kommentar verstehen. Selbst als sich der blinde Mann plötzlich als übermächtiger Antagonist entpuppt, bleibt er erst einmal ein Opfer äußerer Umstände. Statt ihn zur kalten Tötungsmaschine zu stilisieren, macht Alvarez ihn zu einem vom Staat vergessenen und von Existenzangst gebeutelten Wutbürger, der das Letzte, was er noch hat, mit aller Kraft verteidigt.

Kein brutaler Schweinkram

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Nach dem Auftakt, der wie ein Prolog funktioniert, interessiert sich Alvarez dann immer weniger für seine sozialrealistischen Elemente und immer mehr für packendes Genrekino. Bei diesem Übergang setzt Don’t Breathe auch einen ästhetischen Schnitt: Auf einmal sind wir nicht mehr on location, sondern in einem künstlichen Studio-Setting, das von unheilvollen Gelb- und Blautönen beherrscht wird. Der neue Look ist dabei mal funktional, dann wieder visuelles Gimmick (Stichwort: Nachtsichtgerät) und findet immer wieder auch zu einer eigenwilligen dunklen Poesie. Als etwa einer der Einbrecher unsanft auf einer Fensterscheibe landet, unter der es in die Tiefe geht, beginnt das Glas langsam zu knacken und zu splittern. Ob der vor Schmerzen und Schreck gelähmte Körper gleich durch ein Meer aus Scherben bricht, bleibt für eine Weile unklar. Daraus entwickelt sich nicht nur ein klassischer Spannungsmoment, sondern auch eine morbide Schönheit jenseits reiner Plot-Funktionalität.

Doch bevor das Katz-und-Maus-Spiel beginnt, erforscht die Kamera erst einmal das Haus; seine muffig verstaubten Zimmer, die vernagelten Fenster und allerlei Gerümpel, das im Weg steht. Dabei nimmt diese Kamerafahrt dieselbe Funktion ein wie die Regieanweisungen vor einem Theaterstück: Bevor es richtig losgeht, wird der Schauplatz genau erschlossen und werden mit Großaufnahmen von Sägen, Gartenscheren und Pistolen sogar schon die wichtigsten Requisiten eingeführt. Dass sich Alvarez derart in die Karten schauen lässt, ist gerade für einen Horrorfilm, in dem normalerweise zurückgehaltene Informationen und räumliche Desorientierung zu den Hauptquellen des Grauens zählen, äußerst ungewöhnlich. Aber Don’t Breathe gelingt es trotzdem zu fesseln – was zum einen daran liegt, dass Alvarez es spielend beherrscht, seine Figuren durch einen hindernisreichen Action-Parcours zu jagen, zum anderen aber auch daran, dass die ausgestellte Geradlinigkeit Teil eines Täuschungsmanövers ist.

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Am Ende schlägt der Film doch noch ein paar Volten, traut sich auch, etwas dicker aufzutragen und wird sogar ein bisschen pervers. Allerdings nur ein bisschen. Im Vergleich zu Evil Dead bleibt Don’t Breathe deutlich gemäßigter, ja auch braver – so als wollte der uruguayische Regisseur der Öffentlichkeit beweisen, dass er nicht nur brutalen Schweinkram inszenieren kann, sondern auch einen Film, der seine handwerklichen Qualitäten offener nach außen trägt. Das spricht jedoch keineswegs gegen Don’t Breathe. So hat Alvarez’ zweiter Spielfilm zwar etwas weniger Kontur, ist dafür aber mit seinen abwechslungsreichen Variationen von Fluchtversuchen, Verfolgungsjagden und trickreichen Überlebensstrategien sowie einem bösen Seitenhieb auf die amerikanische Ellbogengesellschaft ein Horrorstreifen, der sich auch einem genreferneren Publikum öffnet.

Trailer zu „Don't Breathe“


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