Don't Blink – Robert Frank

Die Aufmerksamkeit wecken, die Aufmerksamkeit zerreiben: Laura Israel montiert ein atemloses Porträt des großen Fotografen, der auf sein eigenes Werk mit der Bohrmaschine losgeht. 

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Es ist, als müsste man für die Dauer des Films das Blinzeln wirklich sein lassen. Don’t Blink – Robert Frank ist ein Künstlerporträt aus schnell Geschnittenem, in dem Fotografie-Meilensteine des vergangenen Jahrhunderts mit scheinbar beiläufigen und sehr persönlichen Dingen gemischt sind. Is American Flag holy, and car holy and light holy? – der Kamera des Fotografen war alles gleich heilig. Robert Frank wollte sein Leben lang keine Kompromisse schließen. Dem Ruhm, als er endlich kam, ging Frank immer aus dem Weg, vielleicht weil er es als Fotograf gewohnt war, unscheinbar zu bleiben. Seine Bilder schoss er heimlich: Man müsse vor allem schnell sein, das erste Bild sei immer das beste. Das Skandalöse – wenn man so will – an seiner Person ist der sture Widerstand dem gegenüber, was jedem Skandal eine Anlaufbahn ist: Frank hasst these fucking interviews. Der Albtraum jedes Journalisten, ist dieser Mann schwer zu handhaben, ein Nörgler, der selbst nicht in den Frame gezwungen werden will. Genau das nimmt sich die Regisseurin Laura Israel, die langjährige Cutterin von Frank, zum Zündpunkt, als sie die Aufnahme eines circa dreißig Jahre zurückliegenden Interviews zeigt. Sie selbst will freilich kein biederes – square wäre der Beatnik-Begriff – Doku-Porträt drehen. Israel und Frank stehen sich eher als Komplizen gegenüber, die einander kennen und darum auch bewitzeln können. Die 92-jährige Fotografie-Legende ist hier ein sehr entspannter, ein wie immer sehr proletarisch gekleideter Mann. Hin und wieder sehen wir ihn, nachlässig und salopp wie auch sonst, draufhalten und abdrücken. Als musikalische Einleitung klingt auf der Tonspur „Memphis Egypt“ von den Mekons, einer Punk- und Countryband, für die Haltung viel wichtiger als Technik war.

On the edge more than on the main road

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Der Erzählfaden des meist aus Archivmaterialien bestehenden Künstlerporträts läuft entlang Franks Biografie. 1924 in Zürich geboren, emigrierte der 23-Jährige nach New York und lebte zunächst davon, dass er schöne Dinge für Harper’s Bazaar fotografierte. Dann machte er sich auf seine große Reise, die ganze neun Monate, um die dreißig Bundesstaaten und unendlich viele Filmrollen dauerte – auf der Suche nach glücklichen Zufällen. Wer sich an den schlichten Namen Robert Frank nicht erinnert, kennt meist doch die während dieser Reise entstandenen Schwarz-Weiß-Bilder. Darauf zu sehen: Humor und Tristesse, Einsamkeit und schreiender Rassismus. Bemerkenswert, dass ausgerechnet einem Fremden ein so amerikanisches wie amerika-kritisches Meisterwerk gelang. „He sucked a poem right out of America onto film“, schrieb Jack Kerouac im Vorwort zu dem 1959 erschienenen Fotoband. Frank und Kerouac sind seitdem Freunde geworden, die öffentliche Anerkennung blieb noch einige Jahre aus. An die fiesen Kritikerzitate jener Zeit knüpft Laura Israel einen Mitschnitt aus dem Auktionshaus Christie’s: Unter den Hammer geht Trolley – New Orleans 2007 für viel Geld weg. Ironie des Schicksals? Schade, dass die Filmemacherin für ihre Erzählung doch so kurzgeschlossene Vergewisserungsbilder braucht. Frank dagegen sehen wir auf dem, wie man so schön sagt, Höhepunkt seines Ruhms, in dicke Stapel eigener Fotografien mit einer Bohrmaschine Löcher bohren.

Wechsel ins Kino

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Dann der Wechsel ins Kino, in jenes genauer, das man etwas später New American Cinema taufen wird. Wir sehen die Ausschnitte aus Pull My Daisy (1959), einem Porträt der Beatniks, das Frank zusammen mit Alfred Leslie realisierte. Auf die stumm gedrehten Szenen hat Kerouac gedichtet und gesprochen, und wie gesprochen! Frank sagt, das Filmemachen sei da, um zu zeigen, mit wem man gern zusammen ist. Unter seinen ca. 20 Film- und Videowerken ist auch Cocksucker Blues (1972), die berüchtigte Auftragsarbeit für die Rolling Stones, deren Aufführung und Veröffentlichung von der Band bis auf wenige Ausnahmen abgeschnürt wurde. Weitere Teile schneller Montagefolgen mit energietreibenden Soundtrack: Blumen in Paris, Banker in London, das wunderbare Coney Island, Zürich, das harte Pflaster von New York, Allen Ginsberg, Walker Evans, die Familie, Lebensgefährtin June Leaf. Fotografien, Polaroids, Filmstills und -ausschnitte, Gekritzel und Getipptes, Positive und Negative, Schnipsel und Stücke. Der Kontrast zu einem früheren Filmporträt Robert Franks könnte nicht größer sein: Leaving Home, Coming Home (2005) von Gerald Fox ist ein melancholisches Kontemplationsstück, das den Fotografen als eins seiner eigenen wunderbar-verlorenen Sujets zeigte, aber vieles leider zu genau nahm. Franks Pariser Bilder unterlegte Fox mit Klischee-Akkordeon – bei Laura Israel klingt dazu beispielsweise ein Lied der deutlich cooleren Indie-Band Yo La Tengo.

A little movie never hurt anybody

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Die Frage wäre vielleicht, ob Don’t Blink – Robert Frank in seiner Art des schnelles Durchblätterns unsere Aufmerksamkeit eher zerreibt, als sie zu wecken. Auf der anderen Seite: Er kann und will Franks Werk an keinen einheitlichen Begriff, nicht an wenige ikonische Arbeiten festbinden. Die Überladenheit des Porträts muss der Regisseurin sehr wohl bewusst sein (das Tragische von Franks Biografie – Charme und Elend der Bowery, Rückzug ins kanadische Nova Scotia, die beiden verunglückten Kinder – streift uns nur). Freilich passt das Überladene zu einem Künstler, dessen konzeptuelle Manier auch immer hieß: nichts wegwerfen. Frank sitzt am vollbeladenen Schreibtisch, um ihn herum ein Berg voller Dinge. Er sagt, damit könne er einen Film machen. Überwiegend daraus also, aus Franks Sammelsurium, besteht Israels Dokumentation. Alles muss ihr unumgänglich vorgekommen sein. Die Dynamik seiner Biografie und seines Werks aufzuspüren und offenzulegen, daraus eine Eigendynamik entwickeln, schnell und unscheinbar sein, reden lassen, sein lassen, unruhig und – ganz wichtig! – nachlässig bleiben. Don’t Blink – Robert Frank gelingt das alles, auch wenn er uns durchgehend außer Atem lässt. Im Ausschnitt aus Franks Arbeit Me and My Brother (1969) etwa, einer permanenten Selbsterfindung, zusammengehalten durch Poesie und Kameragewusel. Ton und Bild sind hier voneinander erlöst, Letzteres – suchend, tastend, ungereimt, aber voller Rhythmus, und zwischendurch doch still werdend bei Allen Ginsbergs Hare-Krishna-Chanting. Die Energie des Films ist, wie die seiner Hauptfigur, eine katatonische. Wie ein Schizo macht sich der Film permanent davon, lässt sich nichts sagen und fällt sich selbst ins Wort.

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