Don Jon

Joseph Gordon-Levitt erweist sich mit seinem ersten Film als zahmes Raubtier.

Don Jon s Addiction 01

Es wirkt ein wenig so, als hätte man dem 31-jährigen Joseph Gordon-Levitt geraten, erst einmal klein anzufangen. Nicht etwa, weil sein erster Film Don Jon (Don Jon’s Addiction) für eine ernste Auseinandersetzung belanglos wäre, sondern weil er sich eines Erzählstils bedient, der für einen Newcomer auf dem Regiestuhl immer ein guter Startkompromiss ist, oder auch ein tatsächlich guter Start. Jon kommentiert als Ich-Erzähler aus dem Off, leitet in die Geschichte ein, charakterisiert sich selbst und die Menschen in seiner Umgebung, immer sorgsam darauf bedacht, dass nichts verloren geht, dass keine Missverständnisse entstehen und dass der narrative Flow, gründlich eingefettet, nicht ins Stocken gerät. Dabei entwickelt der Film eine Bildsprache, die diese Erläuterungen völlig redundant macht. Zyklisch wechseln sich immer die gleichen Settings ab: die Stammdisco, das Elternhaus, die Kirche, das Fitnessstudio, die eigene Wohnung. Jeder Ort ist gleichsam immer gekoppelt an ein erzählerisches Motiv, an jeweils eine Mikrostudie über Jons (Joseph Gordon-Levitt) Charakter, ganz nach dem Motto eines multiplen Rollenspielers in einer modernen und offenen Gesellschaft. Man kann in diesem Modus durchaus gute Geschichten erzählen, und es ist auch nicht so, als hätte Gordon-Levitt darin versagt.

Es ist ein hübsches Paradoxon, dass der moderne Mann sein hyper-zeitgemäßes Singledasein doch immer erst im modrigen Ritual erfüllt sieht. Ein Narrativ, das unzähligen, vor allem US-amerikanischen Filmen zugrunde liegt. Lifestylepropaganda sagen die einen, Realismus die anderen. Welcher Begriff einem auch näher liegen mag, Don Jon steht jedenfalls ganz in dieser Tradition, nur dass er ein Ritual in den Vordergrund rückt, das in der Filmgeschichte bis dato selten problematisiert wurde. Pornos schauen ist für Jon weniger Mittel zum Zweck als ein heißblütig betriebenes Hobby. Seine Leidenschaft für Hardcore-Filme übersteigt sogar die Lust am echten Sex, was natürlich auf kurz oder lang zu gewaltigen Erschütterungen in seiner noch ganz frischen Beziehung mit einer seiner nächtlichen Eroberungen (Scarlett Johansson) führt. Mit einem guten Gespür für situative Komik bewegt sich dieser vertraute Konflikt zwischen erprobter Komödiendramaturgie und befremdlichen Bildinhalten.

Unzählige Male wiederholt sich immer die gleiche Sequenz: Ein Laptop wird hochgefahren, ein maßlos lauter Begrüßungsklang ertönt, ein Video wird gestartet, und ein Pornofilm wird in ebenso horrender Lautstärke über die Fläche der gesamten Leinwand projiziert. Befremdlich sind diese Sequenzen allemal, aber nicht weil sie in hausbackener Radikalisierungsabsicht originales und dann doch zensiertes Hardcore-Material ausstellen, sondern weil in der höchst affizierenden Verdichtung dieser ritualisierten Einzelschritte tatsächlich so etwas wie ein Exzess erkennbar wird. Das Verstörende des Films sind nicht die nackten Leiber, die ununterbrochen und mit exaltiertem Geschrei ineinander stoßen, sondern die drastische Erfahrbarkeit von Jons krankhaftem Suchtverfall.

Ob es Gordon-Levitts künstlerischem Selbstverständnis nun entspricht oder nicht, aber am Ende ist er ein besserer Melodramatiker als ein unmanierliches Enfant terrible. Ein erigierter Penis auf der Leinwand löst schon lange kein Entsetzen mehr aus, und die Pornografie schwebt schon lange nicht mehr in dem trüben Hinterzimmerdunst, aus dem sie herausgezerrt werden müsste. Zu brav kommt der Schock daher, zu zielgenau und zu taxiert, um Gordon-Levitt wirklich als ungenierten Rüpel in die Riege der aufsässigen Filmemacher zu boxen.

An einer Stelle von Don Jon hätte es sich entscheiden können: formale Libertinage oder Anarchismus als Dekor. Jon führt seine Angebetete ins Kino aus, sie streiten darüber, welcher Film in Frage kommt, und werden in einer gewitzten Einstellung zu Advokaten simpler Männer- und Frauengenres. Er posiert vor einem Filmplakat, gezeigt werden Explosionen, Uniformen, Muskeln, sie hingegen verteidigt die Alternative: Mann und Frau, kurz vor dem Kuss, im Hintergrund der Sonnenuntergang. Sie gewinnt, und Don Jon zieht sich gleichsam zurück in den Mutterschoß der romantischen Hollywoodkatharsis. Diese Einstellung wird zur miniaturisierten Allegorie auf den gesamten Film. Die Fantasie von der archaischen Männlichkeit beugt sich der standardisierten femininen Emotionalität. Die ironische Qualität dieser stereotypen Bilder will aber nicht gelingen, denn am Ende ist die unbeschwerte Dramaturgie der männlichen Genesung mindestens ebenso stereotyp. Alles ganz korrekt, und das verwundert, ja enttäuscht, wo man es doch dem jungen Elan Gordon-Levitts förmlich anmerkt – dieses Motto: die Kunst darf nicht korrekt sein.

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