Don - Das Spiel beginnt

„Don zu fassen ist nicht schwer, es ist unmöglich“. Diese mehrfach im Film vom Titelhelden ausgesprochene Tagline ist ganz Programm: Der Superschwerverbrecher wird von allem und jedem gejagt, aber wer sich zu früh am Ziel glaubt, wird bitter enttäuscht werden.

Don

Ein Gangsterboss liegt in der prunkvollen Badewanne, trinkt Champagner und schaut Fernsehen. In einer Mischung aus Schizophrenie und Narkotisierung lacht er dämonisch über Cartoons. Sie wissen, um welchen Film es sich handelt? Vorsicht – die Eine-Million-Frage verfügt immer über einen doppelten Boden. Nein, gemeint ist nicht Brian De Palmas Scarface (1983) mit Al Pacino, sondern Farhan Akhtars Don mit Shahrukh Khan.

Auf der Oberfläche betrachtet wirkt der indische Gangsterfilm wie ein äußerst hybrides Monstrum im Doppelgängerkostüm, das sich recht schamlos an Hollywoodspektakeln, vor allem der letzten Jahre, bedient. Verwechslungen, Täuschungen, Maskierungen - all das kennt man zur Genüge aus der Mission-Impossible-Reihe oder aus John Woos Im Körper des Feindes (Face Off, 1997). Ganz zu schweigen von Martin Scorseses The Departed (2006). Aber halt, das ist ja ein Remake – genau wie Scarface. Und Mission Impossible nur das cinephile Aufkochen einer sechziger-Jahre-TV-Serie. Und Don selbst, wenn wir schon einmal dabei sind, nun, ist ebenfalls ein Remake.

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Insofern dient Farhan Akhtars Film als Beispiel eines postmoderner Kontextes, der dem Verweischarakter eine entscheidende Rolle zuweist, bei dem die Bezüge aber kaum noch genau zuzuordnen sind. Denn wer will noch unterscheiden, auf welchen Teil des Mission-Impossible-Kosmosses sich das Zitat im einzelnen bezieht, und ob dessen Wurzeln nicht noch viel tiefer liegen?

Fakt ist, dass jene Form von Bollywood-Kino, das Don verkörpert, ein sehr entspanntes Verhältnis zum Zitieren und zum riesigen Zeichensystem Kino hat. Im Falle von Don scheint Bollywood vor allem eines zu sein: ein voluminöser Verschmelzungstiegel, der vor nichts, vor allem vor Genregrenzen, Halt macht. Und auch wenn das nachtpralle Neongrün durch Matrix (1999) geprägt ist, so unterscheidet sich Don doch ganz gravierend von großen Hollywoodproduktionen, die ihrem Publikum weit weniger zumuten und zutrauen.

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Don schlägt so schnell so viele Volten, dass es für fünf Folgen Mission Impossible reichen würde. Vor allem aber hat das indische Publikum offensichtlich ein anderes Verhältnis zu seinen Stars. Shahrukh Khan ist das Idol des Bollywood-Kinos schlechthin und wechselt Rollen wie Genres in atemberaubendem Tempo. In Don nimmt er sich gleich einer Doppelrolle an: als titelgebender Supergangster darf er in Sachen Coolness das Äußerste geben, als Straßenkünstler Vijay die gutherzige aber etwas trottelige Dumpfbacke. Dieses Doppelgängermotiv auf inhaltlicher Ebene korrespondiert mit dem formalen Doppelgängertum des Film.. Die Besonderheit besteht darin, dass nicht der Gutmensch im Vordergrund steht, sondern der Mann von und mit Niedertracht. Anders als etwa in früheren französischen Starvehikeln geht es hier nicht um einen Normalo, der sich zum Weltretter mausert. Die Bühne gehört ganz und gar Don, der als Inkarnation des Bösen, schon beinahe an Dr. Mabuse, das kriminelle Genie Fritz Langs erinnert. Überhaupt scheint die Schicht der Kopien, Zitate und Verweise erst endgültig bei den frühen Stummfilmen des Deutschen wie Spinnen (1919/20) und Spione (1928) endgültig freigelegt. Denn im Grunde genommen ist Don Kolportagekino in Reinform.

Der Film legt allerlei falsche Fährten und etabliert recht leichthändig ein großes Personengeflecht, was daran liegt, dass er sich dafür sehr viel Zeit nimmt und es auch nicht stört, wichtige Figuren erst nach einer dreiviertel Stunde oder gar der Hälfte der Handlung einzuführen.

All diese Wendungen und Verbindungen sind zum Teil so abstrus, das man schon bald einen Riecher für die Doppelbödigkeiten entwickelt und Don am Ende, seinen eigenen Gesetzen folgend, fast logisch wirkt.

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