Domino

Keira Knightley will als „Bad Girl“ Domino nur Spaß haben. Den bekommt sie auch in Tony Scotts neuestem Film, der direkt nach seinem umstrittenen Genre-Substrat Mann unter Feuer (Man on Fire, 2004) entstand und voller visueller Sprengkraft steckt.

Domino

Ein Film wie ein Drogenrausch. Diesen Eindruck erweckt die jüngste Regiearbeit von Tony Scott, dem jüngeren Bruder des Blade Runner-Regisseurs Ridley. Abrupte Schnitte, permanente Wackelkamera, unvermittelte Zooms, Überbelichtung, die ständig wechselnde Qualität des Filmmaterials und eine Tonspur, die so sprunghaft ist, wie die Bilder selbst, verwandeln Scotts Domino in einen zweistündigen Trip filmischer Exzesse.

So rasant wie der Film, soll auch das Leben der realen Person Domino Harvey verlaufen sein, die Tochter des 1973 verstorbenen Schauspielers Laurence Harvey (Darling, 1965), die in den USA erst als Modell, dann als Kopfgeldjägerin arbeitete. Scotts Film, der nach einem Drehbuch von Richard Kelly entstanden ist, dem Autor und Regisseur von Donnie Darko (2001), orientiert sich jedoch lediglich an einigen Stationen aus dem Leben Harveys, die 2005 mit 36 Jahren an einer Schmerzmittelüberdosis starb.

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Nach einer langen Exposition, in der fast zwanzig handlungsrelevante Figuren eingeführt werden, entspinnt Domino allmählich einen klassischen Heist-Plot, in dem ein Geldtransporter überfallen wird, und erweitert diesen um Mafia-Film-Elemente. Ein Reiz der Geschichte stellt Scotts Umgang mit medialer Selbstreflektion dar. So verhandelt etwa das dreiköpfige Kopfgeldjägerteam, Domino (Keira Knightley), Ed (Mickey Rouke) und Choco (Edgar Ramirez) mit einem Fernsehproduzenten (Christopher Walken) über die Vermarktung ihrer Gesichter als Reality-TV-Stars. Dabei bekommt das Kinopublikum PR-Material zu sehen, das auch den Film bewirbt. Am Verhandlungstisch, wie auch bei der Ausführung ihres Berufes, geht die Gruppe, die als Außenseiterbande charakterisiert wird, reichlich unzivilisiert vor. Indem Scott besonders forsch die Ebenen von Fiktion und Realität vermischt, führt der Spagat zwischen Gewalt-Film und Mediensatire zu den unterhaltsamsten Momenten des Films. So sind etwa die Schauspieler Ian Ziering und Brian Austin Green aus der 90er-Hit-Serie Beverly Hills 90210 (1990-2000) als sie selbst zu sehen. Sie sind als Moderatoren Teil des begleitenden TV-Teams und müssen letztlich im Finale als „Celebrity Hostages“ herhalten.

Domino

Indem Keira Knightley, die mit lauter Stimme und physischem Einsatz die gefühlsscheue Domino verkörpert, ihren englischen Akzent beibehält, wird sie integraler Bestandteil von Scotts Amerika-Bild, das der Brite als Schmelztiegel einer Vielzahl verschiedener Ethnien inszeniert. Scott greift für die Charakterisierung seiner Figuren auch immer wieder auf mehr oder weniger harmlose Klischees zurück. Da gibt es den Latin Lover, den Afroamerikaner mit Pimpgehabe, den lüsternen Juden, die rationale Japanerin und nichtsnutzige Angehörige des White Trash.

In einem weiteren Schritt nutzt Scott für das Porträt der filmischen Kunstfigur Domino gar die körperliche Hülle, ihre Haut, als Indikator der Persönlichkeit. So scheint ein eintätowierter Satz auf ihrem Nacken ihr inneres Wesen zu offenbaren: „Tears in the Rain“. Es handelt sich um ein Zitat aus dem Science-Fiction-Klassiker Blade Runner (1982). In dem Monolog des Replikanten Batty trauert dieser im dem Moment, in dem ihm die Lebenskräfte verlassen, um die Vergänglichkeit seiner Seele. All seine Erinnerungen wären verloren, wie „Tränen im Regen“. Beiden Figuren scheint ein selbstzerstörerischer Drang anzuhaften, durch den sie erst ihren Körper fühlen können. Ihrer eigenen Vergänglichkeit stets bewusst, begeben sie sich auf eine religiöse Suche. War es in Blade Runner noch der Kubrick-Schauspieler Joe Turkel, der für Batty als geistiger Vater der künstlichen Humanoiden gottesgleich in Erscheinung tritt, trifft Domino in einer Schicksalshaften Begegnung ihren Schöpfer in der Gestalt eines Reisenden, der von Tom Waits gespielt wird. An Domino zeigt sich wiederholt Scotts Vorliebe für christliche Motive, deren Einsatz von True Romance (1993) bis zu seinem Rache-Film Mann unter Feuer (Man on Fire, 2004) reicht.

Domino

In Domino führt Scott einen radikalen Inszenierungsstil fort, der auch Mann unter Feuer auszeichnet und bereits in seinem zehnminütigen BMW-Werbefilm The Hire: Beat the Devil (2002) zur Anwendung kam. Als wolle er postmodernes Kino mit avantgardistischen Elementen anreichern, weckt er durch die innovative Manipulation des Filmmaterials Assoziationen von bekannten visuellen Medien, wie Super 8 oder VHS, gestaltet diese jedoch zu einer völlig neuen Seherfahrung. Dabei bedient er sich eines künstlerischen Ausdruckes, der an Jackson Pollocks frühe Action Paintings erinnert. Audiovisuelle Fetzen, vergleichbar mit impulsiv auf Leinwand aufgetragene Farbspritzer, muss das Kinopublikum erst verdauen, bevor die Fragmente im Ganzen des Werkes eine Komposition ergeben.

Auch wenn Scott in Domino im Vergleich zu Man on Fire eine weniger stringente Erzählung entwirft, beweist er doch erneut, dass im Mainstream noch längst nicht alle filmischen Erzählformen ausgereizt sind. Zudem scheint sich seit seinen letzten beiden Arbeiten abzuzeichnen, dass Scott die beiden werkbestimmenden Merkmale der Filme seines älteren Bruders zu potenzieren weiß. Inszenatorische Innovation und reaktionäre Vorstellungen gleichermaßen.

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Kommentare


Coal

Wieder mal ein Streifen nach dem Motto: Wer die schnellsten Schnitte hinlegt, hat gewonnen! - Nein, leider nicht. Ein MTV-Clip in Spielfilmlänge ist dabei rausgekommen. Wer viele Filme schaut, kann auf diesen verzichten, weil man alles schon mal gesehen hat, nur besser. Der häufig gelobten Hauptdarstellerin mit ihrem Puppengesicht nimmt man ihre Rolle nicht wirklich ab. Auch wenn das alles auf Fakten BASIERT (Stichwort: Model). Aber vor allem störten mich die hektischen Schnitte, deren Style mittlerweile zuu abgedroschen ist. Wem das auch so geht, der schaut lieber "SIN CITY", den besten Film des letzten Jahres. Da wird auch geballert, nur wesentlich stilvoller und angenehm entspannt.


Stonecutter

Ich muss sagen dass der Film sehr gelungen ist. Teilweise wurde ein wenig zuviel Gewalt gezeigt was den Charakter des Films schon fast ins negative zieht. Aber alles in allem ein genialer Streifen der in seinem Handlungsschema an "Spy Game" erinnert.


ccarloss

Ach was soll ich zu diesem Film sagen...
...als eingefleischter "Mickey-Rourke-Fan" bin ich ja für jeden Film dankbar, der mit ihm besetzt ist, aber seit seinem Absturz sind die Filme mit ihm (außer Sin City) meistens nur zweit- oder drittklassig, so wie dieser Film halt auch. Keira Knightley kann hier leider auch nichts mehr retten. Schade um’s Zelluloid!






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