Dog Eat Dog – Kritik

White Trash in Pink. Paul Schrader widmet sich mit der Gangsterkomödie einem der unangenehmsten Genres der jüngeren Filmgeschichte.

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Paul Schraders neuer Film beginnt mit einer in giftigem Pink eingefärbten Szene, in der sich bereits in wenigen Minuten der desolate Zustand der USA offenbart. Wir sehen Willem Dafoe, der als psychopathischer Junkie in der Wohnung seiner Freundin herumgammelt, einen heftigen Streit wegen einer geöffneten Pornoseite und schließlich dessen blutigen Ausgang. Zwischen Cupcake-Rezepten, wasserstoffblonden Haaren und aufrechtem Christentum wühlt sich Dog Eat Dog zur übelriechenden Essenz seines Heimatlandes vor. Dabei flackert eine Talkshow über den Fernseher, in der es heißt, dass Amerika erst dann zu einem sicheren Land werde, wenn jeder Bürger eine Knarre zu Hause hat. Mit seiner erratischen Gangsterkomödie widerlegt Schrader dieses Statement auf ebenso nachdrückliche wie unterhaltsame Weise. Er zeigt, was Waffen in den Händen hitzköpfiger, gewalttätiger und etwas dummer Menschen alles anrichten können – und schickt uns auf einen stylishen Trip, der im scheinbar endlosen Kugelhagel vor minimalistischem Noir-Setting sein Ende findet.

Dog Eat Dog erzählt von drei Systemverlierern, die erfolglos versuchen, sich in der Gegenwart einzurichten. Die Ex-Knastis Mad Dog (Dafoe), Troy (Nicolas Cage) und Diesel (Christopher Matthew Cook) können eine Welt, in der es Facebook gibt und Taylor Swift ein Star ist, nicht mehr verstehen. Wenn sie in einem Stripclub sitzen und sich gegenseitig ihre Komplexe ausreden, wirken sie wie aus der Zeit gefallen.

Fahrig und bewusst inkohärent

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Mit der Gangsterkomödie widmet sich Paul Schrader dem vielleicht unangenehmsten Genre der jüngeren Filmgeschichte. Die Filme, die in Post-Tarantino-Zeiten unter diesem Label entstanden sind, zeichnen sich überwiegend durch Zynismus und Holzhammer-Ironie aus, auf die sie sich auch noch gehörig etwas einbilden. Dog Eat Dog nähert sich zwar mit seinen überzeichneten Figuren und grotesk verzerrten Gewaltdarstellungen durchaus diesen Streifen an, geht aber weitaus cleverer vor. Wenn zum Beispiel alter Surfrock auf der Tonspur erklingt, dann ist das nicht nur ein schickes Retro-Zitat, sondern dient auch als Echo der unzeitgemäßen Figuren. Und wenn der Film immer wieder seine Farben ändert, sich zu visuellen Spielereien hinreißen lässt und Wischblenden durchs Bild jagt, wirkt das meist eher wie eine Parodie als eine Imitation des Genres. Dog Eat Dog ist ein wildes Stil-Potpourri; fahrig und bewusst inkohärent.

Beim Publikumsgespräch nach der Uraufführung beschwerte sich eine Zuschauerin beim Regisseur, dass Hunde doch so loyale Tiere seien, die Protagonisten, auf die der Titel anspielt, allesamt aber ziemlich scheußliche Gestalten. Tatsächlich offenbaren sich menschliche Abgründe, wenn Schrader sein Trio schließlich ein paar Dinger drehen lässt, die jedes Mal wieder in den Sand gesetzt werden. Das Schöne an Dog Eat Dog ist jedoch, dass seine Figuren zwar unangenehm und lächerlich sind, dabei aber nicht zu Schießbudenfiguren oder reinen Gag-Lieferanten degradiert werden. Besonders Nicolas Cage und Willem Dafoe verleihen ihren Rollen selbst in den wahnwitzigsten und albernsten Momenten noch eine überraschende Tiefe. Ihre Grimassen (das unverkennbare Lachen von Nicolas Cage etwa, bei dem ihm die Gesichtszüge völlig entgleiten) und unfreiwillig komischen Drohgebärden dienen nicht nur dem Effekt, sondern bleiben dabei auch stets der Seelenwelt der Figuren verbunden. Man wünscht sich manchmal gar, dass Schrader seinen Darstellern noch etwas mehr Spielraum gelassen hätte.

Absurde Abschweifungen, ungewöhnliche Ruhe

Dog Eat Dog 02

Wobei es letztlich eher eine Qualität als ein Mangel ist, dass Dog Eat Dog nicht die ganze Zeit mit vollem Karacho nach vorne prescht. Er feiert zwar immer wieder seine absurden Ausschweifungen (etwa mit einer sehr schönen Senf-Schlacht), findet dann aber auch wieder zu ungewöhnlicher Ruhe. Besonders während zweier längerer Dialogszenen, in denen Mad Dog sein kaputtes Herz öffnet und Diesel mit einer Masseurin anbandelt, findet Schrader zu einer klassizistischen Inszenierung, die fast schon an die fein gezeichneten Psychogramme eines Michael Mann erinnert. Doch der Irrsinn lauert schon wieder an der nächsten Ecke.

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