Django Unchained

Geschichte ist Filmgeschichte, und die Koordinaten sind längst abgesteckt. Tarantino tobt im eigenen Universum.

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Spike Lee kündigte kurz vor Weihnachten an, sich Quentin Tarantinos neuestes Werk nicht anschauen zu wollen, und untermauerte auf Twitter: „American Slavery Was Not A Sergio Leone Spaghetti Western.“ Für das moralische Sprachrohr des schwarzen Anti-Rassismus-Kinos bedingt die Bezugnahme auf ein realgeschichtliches Referenzsystem eine bestimmte, adäquate Form. Diese ist immer Mittel, dient einem höheren Zweck: Aufdecken und Aufarbeiten von Geschichte, Vermitteln an einen aufklärungsbedürftigen Zuschauer der Gegenwart. Selbst genuin filmische Metaformen wie die Schlusssequenz seines arg verkopften Bamboozled (2000), in deren Verlauf er stereotypisierend verunglimpfende Darstellungen schwarzer Charaktere in Hollywoodproduktionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts montiert, funktionieren so immer zutiefst pädagogisch. Lee steht für ein Kino der politischen Message. Dessen Gestalt speist sich zumeist aus einem internen Kosmos von Blackness, wird dabei aber nicht müde, auf ein historisches Außerhalb des Films zu verweisen – sei es der Alltag im Schwarzenviertel Brooklyns (Do the Right Thing, 1989), eine bedeutende Persönlichkeit des antirassistischen Kampfes (Malcolm X, 1992) oder die Tradition der Minstrel Show in Bamboozled. Die kinematografischen Spiele Tarantinos, der immer wieder als vermutlich afroamerikanischster weißer Regisseur der Filmgeschichte aufgerufen wird, stehen dem diametral gegenüber, scheren sich wenig um Realgeschichte oder politische Implikationen.

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Geschichte ist für Tarantino immer Filmgeschichte, gerne zieht er sich auch in Interviews auf die ganz persönliche Kinosozialisation zurück. Bezieht er einmal Position, ist diese immer zuerst intratextuell und liebhaberisch. Auch mit Django Unchained präsentiert er sich als Meister der Aneignung, verdeutlicht aber auch, dass er längst kein postmoderner Pastiche-Auteur mehr ist. Wie vielleicht in keinem anderen seiner Filme zuvor nimmt er historische Filmstrukturen ernst, Django Unchained ist Genrefilm durch und durch. Die Rückbindung an den Italo-Western im Allgemeinen und Sergio Corbuccis Django von 1965 im Speziellen erfolgt sowohl motivisch wie auch stilistisch. Die rohe Gewalttätigkeit und körperliche Qual – es wird bis zur Ekstase erschossen und ausgepeitscht –verbindet sich mit typischen Schnitten in der Bewegung und schnellen, unruhigen Zooms zu zahlreichen Standardszenen der Gattung. Auch der pointiert eingesetzte Score stellt sich in eine Genretradition musikalischer Brüche, welche die vieldiskutierten Hip-Hop-Passagen als weniger avantgardistisch ausweist als im Vorfeld vielleicht erwartet. Tarantino würzt all diese Merkmale mit dem für ihn typischen Gestus der Übertreibung; alles ist noch ein bisschen überdeutlicher.

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Ähnlich offensichtlich verhält es sich diesmal auch mit den smarten Einfällen und Querverweisen, die jedes seiner Werke nochmals spaßbringend auffächern, sich in Django Unchained aber vor allem auf erzählerischer Ebene und in ständiger Korrespondenz zum eigenen Opus finden lassen. Der Schachzug, die Titelfigur zu einem afroamerikanischen Sklaven zu machen, garantiert eine vergleichbar intensive Rachegeschichte wie in den Kill Bill-Filmen (2003/04) und Inglourious Basterds (2009). Gleichzeitig ist der amerikanische Django aber auch die konsequenteste Inkarnation der erbarmungslosen Coolness des Tarantino-Universums. Die Selbstbeherrschung des unterdrückten Schwarzen und die dandyhafte Überheblichkeit des weißen Bohemien kombinierend, vereinigt er zahlreiche Charaktere auf sich, von Mr. Blonde (Reservoir Dogs, 1992), dessen Ohrabschnitt-Szene übrigens direkt vom originalen Django inspiriert ist, über Jules Winnfield (Pulp Fiction, 1995) bis hin zu Brad Pitts Lt. Aldo Raine.

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Ist es nicht sowieso schon die eigene Werkgeschichte, aus der geschöpft wird, muss anderes filmisches Material herhalten. Während der Italo-Western, wie beschrieben, ungewohnt dominant die Form vorgibt und die üblichen Anspielungen auf das asiatische Action-Kino eher klein gehalten werden, spinnt Tarantino die ewige Präsenz des B-Kinos der 1960er und 70er Jahre in seinen Werken mit der Hommage an den damals groß produzierten Exploitation-Film Mandingo (1975) von Richard Fleischer weiter. Auch hier denkt der Regisseur nicht einmal daran, dieses äußerst umstrittene Werk zu vereinnahmen oder ideologiekritisch zu kommentieren. Vielmehr dient die Geschichte um einen Plantagenbesitzer und dessen für Kämpfe auf Leben und Tod abgerichtete Sklaven als verdoppelter plot device: Sie führt die Südstaatenplantage als Hauptsetting des Films ein, dient gleichzeitig aber auch als Binnenerzählung und Vorwand für die zwei Hauptfiguren, ihren Plan, Djangos Frau aus den Händen des Plantagenbesitzers Calvin Candie (Leonardo Di Caprio) zu befreien, in die Tat umsetzen zu können. Djangos Gönner und Partner, der Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz), gibt diesen als seinen persönlichen Assistenten in Sachen „mandingo fights“ aus, um überhaupt mit einem freien Schwarzen Zugang zu Candies Farm zu bekommen.

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Ob es solche Mandingo-Kämpfe im historischen Amerika kurz vor Beginn des Bürgerkriegs in dieser Form gab, darf durchaus bezweifelt werden. Ebenso darf man annehmen, dass Tarantino eine solch historische Faktizität auch nicht sehr wichtig ist. Sie bleibt randständig zugunsten einer spielerischen Form, in welcher der filmische Rekurs eine gute Story und beeindruckende Schauwerte exzessiver Gewalt garantiert. Django Unchained ist kein ideologiekritisches Statement, auch weil seine Geschichtsschreibung nicht einmal mehr – und wie noch in Inglourious Basterds – alternativ ist. Die ständige intellektuelle Ironie des Überspitzens und Brechens, die auch Spike Lees Arbeitsweise auszeichnet, ist immer primär formgebunden und filmgeschichtlich. Lees Forderung, jenseits dieser Form Position zu beziehen, bleibt aus. Tarantino betreibt keine Vergangenheitsbewältigung, sondern unterhaltsamen Strukturalismus der Oberfläche.

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Kommentare


ulle

hab den Film noch nicht gesehen, aber soviel steht fest , Spike Lee ist ein noch größerer Idiot als Wynton Marsalis, der bereits seine afro-rassistische Noten für bzw. eher gegen (!) den Jazz in die Welt setzte (nur schwarzer Jazz ist echer Jazz , der Rest weisshäutiger MIst etc. ) Wenn es nach solchen Leuten ginge, wäre Kunst all das, was Sie darunter verstehen, ... und nichts anderes. Spike Lee empfehle ich den neuen Ulli Seidl Film .


Olsen

Bei aller Liebe zur Analyse, vermisse ich bei Critic oft ein Fazit, ob dem jeweiligen Rezensenten der Film denn nun gefallen hat oder nicht. So auch hier. Sind die "beeindruckenden Schauwerte exzessiver Gewalt" positiv oder negativ?


Thomas

der film ist rache-klamauk mit einigen nicht massenkompatiblen blutszenen (alle gucken trotzdem hin, sie sitzen ja nun mal drin) und einem langen hänger in dicaprios haus. die gespreizte sprechweise vom deutschen waltz hält nicht was sie verspricht, komik gibts eh nur marginal und das ganze ist viel zu lang. nach inglorious basterds eine enttäuschung.


kulturwissenschaft ist eine insel

sehr geehrter herr gronmaier, noch auf der uni oder warum so ein gestelzt "intellektuelles" geschwafel in dieser old-skool-diskurs-kritik? Ihre wortwahl macht Ihre gedanken auch nicht gescheiter oder origineller. vor ca 15-20 jahren konnte man auf diese weise vielleicht noch die leser beeindrucken, heutzutage aber berühren solch auf veralteten univeritätselitarismus hindeutende worthülsen eher peinlich.


Danny

Jepp, noch an der Uni, Insel is gut. Was halten Sie vom Film?
@olsen: Ich bin tatsächlich hin- und hergerissen und kann nicht genau urteilen, ob "gut" oder "schlecht". In jedem Fall eindrücklich und auch sehr spaßig.


Dana

@Gronmaier@olsen: Es genügt mir, wenn ein Film originell ist - eine Kritik kann, muss aber nicht originell sein.Ich habe den Film auch gesehen und kann das Hin-und Hergerissene von Gronemaier sehr gut nachvollziehen. Diese Haltung wurde in der Kritik ganz gut deutlich.Man muss nicht auf alles eine Antwort wissen, vor allem nicht die "richtige"...Ich finde schon, dass Tarantino Position bezieht. Eine der deutlichsten wird in der "Kapuzenszene" sichtbar.So lächerlich hat man den Ku-Klux Clan noch in keinem antirassistischen Film gesehen.Deutlicher kann man die Absurdität des Rassismus kaum aufzeigen.


ulle

@ "Kulturwissenschaft ist eine Insel

Ich finde die Kritik sehr gut, gerade wegen der etwas überbordenden -universitären- Schreibe. Verstehe nicht, warum Sie dem Kritiker derart arrogant auf die Fresse geben wollen. DAS ist peinlich .


dupieux252

jamie foxx spielt saugut. es wird oft bemängelt er sei so still und hätte wenig text.
ich sag nur, wenn blicke töten könnten. seinem spiel sieht man an, wie er zu schlucken hat, und die rache wächst im gesicht. beim zweiten mal sehen hab ich mich für positiv, sogar herrausragend entschieden. man merkt, dass der film an sich zu kurz ist und tarantino noch einiges an material gedreht hat, was nicht in den film gekommen ist.


Werner

Hanebücherne Story, wie von Tarantino gewohnt völlig überzogene Gewaltdarstellungen, sterbenslangweiliges endloses Geschwafel, kurz: Django Unchained ist ein monumentaler Flop.Tarantino ist der meist überschätzte Regisseur der ganzen Filmgeschichte. Nur weil er vor bald 20 Jahren drei akzeptable Filme zustande gebracht hat, wird jeder Mist aus dem Hause Tarantino sogleich mit dem Label "Kult" versehen. In "Django Unchained" frönt er wieder einmal seinen pubertären Vorlieben für Splatter-Einlagen (was für groteske, jede Realität verlachende Schiessereien) oder lächerlichen Sound-Einschüben (HipHop in einem Western, was für eine wahnsinnig lustige Idee). Die schauspielerischen Darstellungen von Di Caprio und Jackson sind hervorragend und nur diese Tatsache rettet den Film vor dem Prädikat "sauschlecht".


Wasert

Tarantino kapriziert sich zu sehr auf seine Filmzitate und ironischen Tricksereien, vernachlässigt in jedem seiner Filme seit "Jackie Brown" die Story, so mein Eindruck.
Diese Filme zu sehen, ist dann letztlich wie ein Gang durch einen engen Korridor, in dem links und rechts Bilder von Murnau und Hitchcock und den ganzen anderen Filmidolen hängen.
Django Unchained ist noch dazu an unzähligen Stellen reichlich albern, die Clansmen-Szene wirkt wie ein Rudi-Carrell-Sketch, die Rapeinlagen sind plump effektheischend und Waltz' gekünsteltes Dandytum ist in der Übertreibung einige Male sehr befremdlich. Samuel L. Jackson bringt als einziger Komplexität ins Spiel, das liegt auch an seiner Rolle. Di Caprio ist intensiv, aber wie die übrigen ohne jede Nuance.

Ich habe den Eindruck, daß Tarantino derjenige ist, der an seinen Filmen den meisten Spaß hat. Vielleicht sollte er mit seinen Eskapaden etwas kürzer treten - worin die auch immer im einzelnen bestehen...

Pulp Fiction war großartig.


P.S.: Christoph Waltz sollte in der nächsten Zeit die Rolle einer sprachlosen, jungen amerikanischen Dame annehmen und darin glänzen, um sich aus der schauspielerischen Einengung zu befreien!


Köv

Da muss ich einigen Vorrednern widersprechen. Django ist das Beste was ich seit langem gesehen habe. Gerade in einer Zeit in der es von platten aber effektvollen 3D Filmen nur so wimmelt, ist Tarantino ein Genuss. Jeder Dialog ist hoch intelligent gestrickt und spitzfindig sowie voller Ironie und Witz. Herrlich! Christoph Waltz empfinde ich als herausragend in seiner Rolle. Der Plott ist nicht besonders kreativ, dient aber seinem Zweck. Tarantino hat noch nie von einer beeindruckenden Story gelebt. Sondern seine Kunst ist es, jede Szene für den wohlgemerkt aufmerksamen Zuschauer zu einem Erlebnis zu machen. Es gibt sicherlich Menschen denen diese Lust an der Situationskomik, Übertreibung und der Ironie abhanden gekommen ist.
Für mich war dieser Film ein Genuss! Gegen den Mainstream, sensationelle Schauspieler (Waltz, Jackson, Dicaprio), viel viel Witz. Herrlich erfrischend neben dem ganzen Hollywood Einheitsbrei!


AndihatdenFilmgesehen

Habe den Film gestern gesehen. Die "politische botschaft" ist Hollywoodlike einfach und oberflächlich. Der böse weisse Mann und der gute Schwarze, der, indem er hunderte weisser Männer niedermetzelt, sein Recht durchsetzt und auch vor Mord an Frauen nicht zurückschreckt.

Die Story ist ok, insgesamt aber auch nichts besonderes. Mich hat sie, unabhängig von der nahezu schon antiweissen, rassistischen Botschaft des Films, nicht beeindruckt: Mann und Frau getrennt, weiter Weg bis zum Wiedersehen, der mit unzähligen Toten gepflastert ist.

Das reichlich spritzende Blut bei Einschüssen ist in Western was Neues, macht den Film aber nicht besser.

Ingesamt verstehe ich den Hype mancher Leute um den Film nicht, mein Urteil nach Schulnoten: 3-


Madjes

Ich habe den EIndruck, dass selbst nach 20 Jahren Tarantinos Stilmittel vielen Kritikern noch nicht bekannt sind. Er hat in seinen Filmen schon immer die 0815 Plots verschiedener Filgenres aufs wesentlichste runtergebrochen. Er hat die typischen Charaktere dieser Plots bis zur Karikatur überzeichnet und streut stets wahnsinnig viele Andeutungen zu seinen Inspirationsquellen in seine Filme. Er hat Spass an Filmgewalt.
Mehr macht er nicht und will er nicht. Diejenigen bei denen seine Stärken Dialog, Situationskomik und Cast nicht zünden, werden trotzdem nicht müde bei ihm emotionale Tiefe, Realismus und gesellschaftliches Verantwortungsgefühl einzufordern.
Ich mag ihn. Das deprimierenste im Kinosaal war die Vorschau auf den anderweitigen uninspirierten Hollywoodmüll.






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