District 9

Und wieder konstituiert sich ein Krieg der Welten, der die menschliche Rasse in die Bredouille bringt. Doch Neill Blomkamps Variante der Alieninvasion zeigt: Es geht auch anders.

District 9

Gleich zu Beginn von District 9 muss sich der Zuschauer auf eine storytechnische Irritation gefasst machen. Der außerirdische Feind schafft es diesmal doch tatsächlich, seine vormals primären Lande- und Angriffsziele in den USA zu umgehen, und dockt im Johannesburg der 1980er Jahre an. Die allesvernichtenden Laser-Angriffe auf das Weiße Haus wie in Independance Day (1996) bleiben in der von einem Südafrikaner inszenierten neuseeländisch-amerikanischen Produktion aus. Mit dieser untypischen Situation dürfte die Exposition bei Freunden des klassischen Sci-Fi-Szenarios für Befremden sorgen, zumal diese Abweichung auch keine Ausnahme bleibt. In den ersten Minuten erlebt der Zuschauer einen Bruch, der etwas suggeriert, was sich in der übrigbleibenden Zeit beharrlich bestätigt: diese Invasion ist keine gewöhnliche.

District 9

Nur wenige Augenblicke reichen aus, um die Rahmenhandlung des Films zu etablieren. Dies gelingt durch den geschickten Einsatz fiktiver Dokumentaraufnahmen, die im Stil einer Reportage die nötigen Ausgangsinformationen liefern. In der rapiden Aufeinanderfolge von Interviews und Nachrichtenbeiträgen wird alles, was für den weiteren Plot von Relevanz ist, zügig geklärt. Im Gegensatz zu seinen Horrorfilmkollegen Cloverfield (2007) und [Rec] (2007) lässt District 9 jedoch nach geraumer Zeit von dieser Ästhetik ab und verlässt den pseudo-dokumentarischen Modus. Agent Wikus van de Merwe (Sharlto Copley) vom militärischen Unternehmen MNU soll die gestrandeten Aliens zur Unterzeichnung eines Dekrets bewegen, um die ungebetenen Gäste aus dem mitten in Johannesburg gelegenen District 9 auslagern zu können. Als van de Merwe mit einer außerirdischen Flüssigkeit in Kontakt kommt und sein Körper zu mutieren beginnt, wird er selbst Zielscheibe der Sonderkommission.

District 9

Van De Merwe ist das genaue Gegenteil des klassischen Actionhelden. Seine Figur ist genau genommen dessen Parodie. Der Protagonist wird als verweichlichter Schreibtischtäter voller überzeichneter Idiotie dargeboten, der mit seinem Akzent und seinen peinlichen Kommentaren der Situation nicht mächtig erscheint. Er karikiert den entschlossenen, von Ehrgeiz und Hass getriebenen Verfechter der Menschheit und agiert lediglich aus seiner eigenen Notsituation heraus. Erst im späteren Verlauf gewinnt er an Seriosität, wenn er versucht, seinen Körper vor der MNU zu verteidigen.
Von Heroismus fehlt in District 9 jegliche Spur. Die Hauptfigur zeichnet sich weder durch Mut noch durch Geschick oder Überzeugung aus. Sie rettet nicht, sie repräsentiert nicht, und letzten Endes reüssiert sie auch nicht. Damit nimmt sie eine reizvolle Gegenposition zu den patriotischen Hollywood-Helden ein, deren Transparenz meist wenig förderlich für eine funktionierende Dramaturgie ist. In Van De Merwes Fall kann man sich des Resultats seiner Handlungen hingegen niemals sicher sein.

District 9

Der Regisseur meidet es überhaupt, ernsthafte oder sympathische Charaktere zu zeichnen. Van De Merwes Frau (Vanessa Haywood) stellt sich als Lockvogel für eine Ortung des fliehenden Agenten zur Verfügung, und Schwiegervater Smit (Louis Minnaar) sowie Heerführer Koobus (David James) würden ihn am liebsten gleich tot sehen. Dieses durchweg pessimistische Menschenbild zieht sich unerbittlich durch den gesamten Film. Seinen Gipfel findet es im Rollentausch beim Kampf der Rassen, in dem die Außerirdischen die Stellung der Opfer und Unterdrückten einnehmen.

Dabei drängt sich unweigerlich der Vergleich zu Ereignissen der außerfilmischen Realität auf, die die Frage nach Humanität und Menschenrechten aufwerfen. Die Hilflosigkeit der Aliens mit ihren Hungersnöten und Erkrankungen oder ihre Ausgrenzung in unzumutbare Slums können hierfür als Allegorie gesehen werden. Das Motiv der systematischen Rassentrennung stützt sich offenkundig auf die Apartheidpolitik des Staates Südafrika, die erst 1994 zumindest formal beendet wurde. Der Film lässt sich hier als soziale oder politische Parabel lesen, wie es auch schon bei Paul Verhoevens comicartigem Starship Troopers (1999) der Fall war. Diese Reflexion gestaltet sich jedoch arg plakativ, zumal sie nicht aufrechterhalten wird und während des Films deutlich an Gewichtung verliert. Ohne Subtilität, dafür mit umso mehr Schauwert entfaltet sich ein Ghetto-Szenario, das aber immer oberflächlich bleibt und sich schließlich deutlich auf eine reißerische „Was geschah wirklich mit Wikus Van De Merwe“-Thematik konzentriert. Blomkamp zeigt sich engagiert, aber wenig wagemutig. Nichtsdestotrotz lugt zwischen Schusswechseln und zerplatzenden Körpern eine politische Motivation hervor, der bei aller Evidenz eine explizite Ungeschöntheit innewohnt.

District 9

Somit ist District 9 in erster Linie effektvolles Unterhaltungskino, mit glucksenden Aliens, kuriosen Kampfrobotern und physischen Transformationen, die denen eines David Cronenberg in nichts nachstehen. Die ambitionierte, wenn auch nicht durchgehend gelungene politische Auseinandersetzung des Filmemachers mit seinem Land und eine erfrischende Auflockerung der Funktionsmechanismen des Actionkinos helfen dem Film, sich aus einer Masse einfach gestrickter  Actionspektakel hervorzutun. Derart außerirdischer Besuch ist, in der Filmlandschaft versteht sich, durchaus begrüßenswert.

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