Disconnect

Festgeklebt im World-Wide-Spinnennetz: Disconnect ist ein Warnvideo für alle, die noch unbedarft im Internet unterwegs sind.

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Es ist eigenartig, dass der Episodenfilm, der ja wie kein anderes Genre auf detailliert durchgeplante Plotkonstruktionen setzt, immer wieder zur Inszenierung kontingenter Beziehungen eingesetzt wird. Das Vorbild ist das Leben, mit all seinen Unwägbarkeiten, wo Schmetterling und Erdbeben wohl miteinander zu tun haben mögen, aber ihre Beziehung untergeht im Grundrauschen der Kleinigkeiten. Der Episodenfilm bringt Licht in die Wirrnis. Indem er seine Geschichten aufeinander reagieren lässt, bebildert er den Determinismus. Was im Nachhinein als Zufall erscheinen soll, ist das Produkt genauester Vorherbestimmung. Spinnengleich webt der Episodenfilm-Drehbuchautor an einem Netz, in dem sich seine Figuren – und mit ihnen die Zuschauer – erst verfangen und dann darüber erschrecken sollen, wie sie denn da nun hinein geraten sind.

Henry Alex Rubins Disconnect ist ein Paradebeispiel für solcherlei Widersprüchlichkeiten. Das fängt beim Titel an, der erstens unzutreffend ist, weil hier alles durch und durch gescriptet, also connected ist, und der zweitens verrät, dass der Film seinen eigenen rührselig-technologiekritischen Prämissen zum Opfer fällt. Rubin will von der aktuellen conditio americana (denn die Dramen hier sind Dramen der vernetzten Welt) erzählen, und davon, wie unser Wahn der technisch vermittelten Verbindung die guten alten analogen Beziehungen erodieren lässt. Digital verbunden heißt hier menschlich getrennt.

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Gefangen im „World Wide Spiderweb“ und in Autor Andrew Sterns Erzählnetz, schlägt sich das Ensemble-Cast mit Schlagzeilenthemen wie Cybermobbing, Online-Dating und digitalem Kreditkartenbetrug herum. Dabei ist das exzessive Product Placement von Apple-Geräten nur Augenwischerei: Die Themen sind alt, auch wenn die Gadgets neu sind. Es geht um Selbstmord, Prostitution und Trickbetrügerei.

Disconnect ist vorhersehbar im schlimmsten, weil lustzerstörenden Sinne. Es ist ja prinzipiell kein Problem, wenn man als Zuschauer die Lösungen eines Filmes vorausahnen kann; darin liegt nicht zuletzt der Reiz des Genrekinos. Auch wenn das Happy End von Anfang an gesetzt ist, kann man auf dem Weg dorthin stets überrascht werden. Das Problem der nur in Sachen Ausstattung aufgefrischten Melodramen von Disconnect ist allerdings nicht, dass man erahnt, was die Figuren hier erleben werden, sondern welche emotionalen und moralischen Konflikte sie währenddessen durchlaufen. Vorhersehbar ist nicht das Was, sonder das Wie. Eltern, die versagen; Teenager, die ausgegrenzt werden; Paare, die über den Tod ihres Babys nicht hinweg kommen: Man gähnt, nicht weil man die Antworten schon kennt, sondern die Fragen.

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So ertappt man sich mit zunehmender Dauer dabei, wie gewisse ästhetische Fehlschläge der letzten Jahre plötzlich in einem versöhnlichen Licht erscheinen: Angesichts von Rubins heruntergekühlter Farbpalette und der auf statische Halbnahe festgestellten Einstellungen wirkt Nakamatas Chatroom (2010) mit seinen bonbonbunten Halluzinationen auf einmal wie eine clevere Analyse suizidalen Verhaltens im Netz. Während der teils minutenlangen Passagen, in denen einsame Gesichter auf blaue Bildschirme starren und neben ihnen Chat-Nachrichten auf der Leinwand erscheinen, beginnt in der Erinnerung Danny Boyles Olympia-Eröffnungssause von 2012 zu tanzen (ungefähr ab 01:08:00). Im Vergleich zur penetrant didaktischen Haltung, mit der Rubin seine amerikanischen Technikverfallenen vor ihrer Abstumpfung warnt, sehnt man sich nach den Exzessen eines Iñárritu, der in Babel (2006) ein ähnliches Thema wenigstens über den ganzen Globus ausgewalzt und fiebrig bebildert hatte.

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Disconnect ist ein Message-Film, ein zweistündiges Erziehungsvideo: Keine Links in Mails anklicken! Keine persönlichen Daten in Chatrooms preisgeben! Keine verfänglichen Bilder in die Sozialnetzwerke stellen! Und Finger weg von Kinderpornographie! Um die auf Warnbotschaften reduzierbaren Plotstränge wenigstens emotional ineinander fließen zu lassen, wird mit starken musikalischen Flächen gearbeitet. Und so darf Komponist Max Richter, aktuell der Go-To-Guy für Breitwand-Melancholia, sein bereits in Shutter Island (Martin Scorsese, 2010) eingesetztes „On the Nature of Daylight“ recyceln. Das Stück wird übrigens, in einer leicht anrüchigen Form von Selbstbewerbung, ins Innere der fiktionalen Welt verlagert und dem sensiblen Musiknerd Ben (Jonah Bobo) in die Lippen gelegt. Er säuselt den traurigen Theme-Song für die verlorenen Technikseelen.

Zwei gute Ideen kann Disconnect dann aber doch verbuchen. Da wäre zum einen das gelungene Update der herrischen Vaterfigur für die connected generation: Facebook-Bully Jason (Colin Ford) leidet unter seinem aufbrausenden Dad (Frank Grillo), der unangenehmerweise ein auf Cyber-Verbrechen spezialisierter Cop war. Das ist eine feine Verschiebung: Sonst wird (wie auch an anderer Stelle in diesem Film) ja gern der Allgemeinplatz von der Verständnisunfähigkeit der Eltern angesichts der neuen Kommunikationsweisen ihrer Kinder abgetreten. Doch hier kennt sich der Vater mit den Tricks und Gefahren der Social Media noch viel besser aus als der Sohn.

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Die zweite gute Idee ist das Ende, denn da wird alles ganz und gar analog: Brav nach Maschinengottes bzw. Drehbuchkonstrukteur Sterns Masterplan mögen sich die Figuren heillos ineinander verstrickt haben, dank falscher Facebook-Accounts, Trojaner, Web-Cam-Sexseiten, Chatrooms etc.; sie mögen sich an den Rand des Zusammenbruchs – emotional, moralisch, finanziell – manövriert haben; aber zuletzt müssen sie ihre Konflikte dann doch ohne Sicherheitsnetz und Smartphone aushandeln. Heißt: Mit Fäusten, Knarren und Knüppeln. Und genau in diesem kinetischen Moment, wo endlich Kontakt hergestellt wird zwischen den menschenförmigen IP-Adressen, wo Körper auf Körper treffen, da stoppt Rubin die Zeit. Diesen Moment kostet er aus, endlich einmal trifft er eine ästhetische Entscheidung. Endlich sind die Leute connected, endlich können sie sich die Fresse einschlagen.

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