Diese Nacht

Der Kriegsheld Ossorio Vignal macht sich in Santa María, der belagerten Hauptstadt eines fiktiven Landes, auf die Suche nach seiner Geliebten Clara. Ihm bleibt nur eine Nacht, um das letzte Schiff zu erreichen.

Diese Nacht

Oppositionen weichen auf in Santa María, spiegeln sich und bringen einander zu Fall. Nach dem Sturz der Regierung herrscht Anarchie im Innern, während von außen eine unsichtbare Armee heranrückt und mit ihr der sichere Tod. In der Zwischenzeit wird gekämpft, in ständig wechselnden Koalitionen. Jedermann ist verdächtig, niemand traut niemandem und jeder kann jeden schuldig sprechen. Die Geheimpolizei verschleppt Menschen, foltert zu Tode, und nie fragt man sich nach Gründen. Nicht dass der Film sie anböte.

Jede Minute gefüllt mit Leben und Gefühl

Wenn alle Strukturen politischer und gesellschaftlicher Organisation zusammen gebrochen sind, winkt die Anarchie mit dem Versprechen schrankenloser Freiheit. Doch in Santa María ist das genaue Gegenteil der Fall: Diese Nacht (Nuit de chien) wird zur Schilderung der Symptome einer Gesellschaft unter ständiger Überwachung. Hauptmann Villar (Eric Caravaca) sagt gegen Ende, dass, wer bei der Geheimpolizei arbeite, selten wisse, wonach bei Verhören und Razzien gesucht werde. Und trotzdem suche. Und immer finde. „Exzellente Antwort“, erwidert Veteran Vignal (Pascal Greggory).

Diese Nacht

Und doch ist jede Minute der Nacht auf eigenartige Weise gefüllt mit Leben und Gefühl. Denn in Diese Nacht geht es um Menschen, nicht um politische Systeme. Weniger die Stadt in ihrer Ganzheit ist Schauplatz als vielmehr ihre Fragmente, voneinander losgelöste Orte. Es sind die Gesichter und Körper der Figuren, die Farben und Oberflächen der Räume, die Nähe schaffen und uns in den Bann der nächtlichen Welt schlagen. So klar sind die Bilder, dass die Materialität der Stoffe und Mimen geradezu synästhetische Qualitäten erlangt: Sie geben mehr als nur ihre Sichtbarkeit. Man glaubt Vignals Bartstoppeln mit den Fingern zu spüren und in der eingebildeten Berührung all die Bitterkeit und Härten des Kampfes zu begreifen. Ein ganzes Leben wird mit Blicken spürbar. Diese Nacht visualisiert den alten Traum André Bazins vom phänomenologischen Sein im Film, vom sichtbaren Gefühl. Man kommt Schroeters Werk nicht annähernd nahe, versucht man sich an rein gedanklicher Reflexion. Denn es ist ein Werk von berauschender Schönheit. Und die muss gesehen werden. Und gehört.

Schroeter macht reines Kino

Diese Nacht

Über weite Strecken ist Rot die einzige Farbe inmitten von klarem Schwarz und Weiß. Schwarz-Weiß-Rot: Licht, Schatten und Blut. Erlösung, Verdammnis und Leidenschaft. Und, gerade in Deutschland: die Farben des Faschismus. Später, viel später erst, werden die Bilder weicher, ambivalenter. Gelb- und Grüntöne federn die anfängliche Strenge ab, Gefühle mischen sich, und die Fronten, wenn es sie denn jemals gab, sind nunmehr bar jeder Bedeutung.

Film ist Bild, ist Farbe, ist Bewegung: Kamerabewegung, Bildbewegung, Montage. Zwischen Panorama und intimen Großaufnahmen, zwischen langem Schwenk und der Statik des Tableaus lässt Diese Nacht fast keine Möglichkeit bildgestalterischer Inszenierung ungenutzt. Die Erzählung selbst ist ganz und gar bewegt, ein ewiges Weiter: Vignal sucht seine Clara in jedem Winkel der Stadt, hält nur einmal inne, um zu schlafen, während niemand sonst die Augen schließt. Diese Nacht ist ein derart intensives Erlebnis, weil es sich um essentialistisches Filmemachen handelt: Schroeter drängt in die Tiefen der Filmsprache vor und macht reines Kino. 

Im Todesstrudel der letzten Nacht geht es ums nackte Leben

Diese Nacht

Ebenso das Schauspiel: Akteure sind physische Präsenz, sind Körper. Blut und Urin bedecken die Böden der Kirche, in der der Oberst der Geheimpolizei Morasan (Bruno Todeschini) sein Hauptquartier errichtet hat. Körper verlieren Flüssigkeiten, wenn sie leben, sie bluten, spucken, Tränen fließen. Daran ist Schroeter gelegen, er sucht nach der visuellen Qualität eines Gefühls, eines Gedankens. Angst ist feucht und stinkt. Nur einmal lieben sich zwei Menschen, kurz und eruptiv, in einer weißen Badewanne.

Dem Zerfall politischer und sozialer Zusammenhänge entspricht bei den Menschen eine Auflösung charakterlicher Geschlossenheit. Die Figuren stürzen bruchlos von keuchendem Gelächter in Weinkrämpfe, die Konturen ihrer Psyche zerfließen desto mehr, je länger der Morgen auf sich warten lässt. Übrig bleibt allein die Präsenz des Körpers. Im Todesstrudel der letzten Nacht geht es ums nackte Leben.

Diese Nacht

Doch wäre das als Fazit viel zu eng, zu schlicht. Vielleicht mag dies die große Gefahr eines visuell so reichen Erzählens sein: dass es immer einen Überschuss an Information, einen Mangel an Bestimmtheit gibt. Doch ist es auch dieser Überschuss, der, weil er reichlich schenkt, das Leben selbst in den düstersten Orten bezeugt. Bilder sind immer mehr als nur Repräsentation, Werkzusammenhang, Szenenfolge. Sie appellieren ans Empfinden, sie öffnen sich zum Gefühl hin und erzählen Tausende Geschichten.

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Kommentare


Marcel

Naja ^^ Ich hatte den Film im Beisein des Regisseurs als Vorpremiere gesehen .... mmh u. war nur verdutzt .... weil ich noch nie einen so schlechten Film von einem als international renommiert geltenden "Createur des films" gesehen habe .... Die Metaphorik ist kitschig, die häufige Unterlegung mit klassischer Musik unerträglich (u. in ihrer Finalität kaum einzuordnen ....), die Schauspieler z.T. miserabel, die Maske (Blut) z.T. peinlich unecht, die Synchro zu Beginn unsauber .... aber dieser spürbare Dilettantismus ermöglicht auch keinen Übertritt in eine Meta-Ebene ..... Ein neues Mittel, um Bekanntes erneut zu sagen / zu zeigen wird mir nicht erkennbar ... Das Ganze bleibt banal, die existenzielle Gefährdung des Menschens (u. seiner Unantastbarkeit) durch Gestapogleiche Oppression, Anarchie o.Ä. erhält keine Bedeutung ....


Alan Smithee

Das interessante an diesem Film ist doch, dass mit den Mitteln des Kinos eine Oper inszeniert wird. Bei Schröter ergänzt sich beides ganz hervorragend!


Weimar

Gestelzte, gekünstelte, leblose Operngülle.
Wer keine Filme machen kann, sollte es lassen.


Martin Zopick

Das ist kein Film, das ist ein Albtraum. Durch die lockere Szenenfolge wird jeglicher Ortsbezogenheit buchstäblich der Boden unter den Füssen weggezogen und da es eine Reise durch die Nacht ist, verschwindet das Zeitgefühl. Schemenhaft kristallisiert sich eine Hafenstadt aus dem Nebel heraus, in der ein Mann (Pascal Greggory) nach einer Frau sucht, die alle kennen, aber keiner kann ihm etwas Genaues über ihren Aufenthaltsort sagen. Bevor er sie findet, ist sein Leben vorbei. Qualvolle Szenen gehen in ihrer Brutalität an die Grenze des Erträglichen. Ein kurzes, lustbetontes Intermezzo erstickt in unerwarteten Bluttaten. Machtkämpfe zwischen nicht genau definierten Gruppen verbreiten Angst und Schrecken, ein erleuchteter Glaspalast und die Musik, die die Nazis zur Nachrichtenankündigung verwendeten, weisen in eine faschistoide Richtung. Personen tauchen auf und verschwinden wieder, lassen ihr Leben. Kafkaesk ist dagegen ein Kindergeburtstag. Im Vorspann und am Ende wird auf die ‘Angst‘ hingewiesen. Die hält den tapferen Zuschauer in ihren Klauen, weil er die Ohnmacht und das mächtige Chaos spürt, dem er hilflos ausgeliefert ist. Ein beängstigendes Konstrukt. Kraftvoll, genial, das einem den Schlaf rauben kann.






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