Die zweigeteilte Frau

Um sich über ihre enttäuschte Liebe zu einem älteren Künstler zu trösten, lässt sich eine junge Fernsehmoderatorin auf eine Hochzeit mit einem großbürgerlichen Erben ein, die in einer Tragödie endet. Einmal mehr liefert Altmeister Chabrol eine zynische Gesellschaftsanalyse.

Die zweigeteilte Frau

Im Grunde genommen ist Claude Chabrol ein Frauenregisseur. Seit seinem frühen Film Die Unbefriedigten (Les Bonnes Femmes, 1960) hat er sich für die Kondition der modernen Frau interessiert. Bei ihm, dem großen Analytiker der französischen Bourgeoisie, sind die Klassen- meistens von Geschlechterkonflikten überlagert. Insbesondere in den Filmen, die er seit Violette Nozière (1978) mit Isabelle Huppert in den jeweiligen Hauptrollen besetzte, inszeniert er eine eindrucksvolle Reihe tragischer Frauenfiguren. Chabrols Protagonistinnen scheitern an ihren unfähigen Männern, an den patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen und den eigenen romantischen Sehnsüchten – am spektakulärsten geht wohl die Titelfigur aus der Flaubert-Verfilmung Madame Bovary (1991) unter.

Ähnlich wie Woody Allen mit Scarlett Johansson, den Chabrol direkt und indirekt im Film zitiert, entdeckt der gealterte Regisseur in seinem neuen Film Die zweigeteilte Frau (La fille coupée en deux) mit Ludivine Sagnier die Unschuld der jungen Frau für sich. Wie eine Lichtgestalt bewegt sich die blonde Aktrice durch den Film und verleiht dem sonst so zynischen Chabrol-Universum eine geradezu idealistische Komponente.

Die zweigeteilte Frau

Ihre Figur Gabrielle Deneige ist Opfer einer im Endeffekt recht banalen Dreiecksgeschichte, die sich an einem wahren Eifersuchtsdrama aus dem 19. Jahrhundert orientiert. Die junge Frau, die das Wetter im Regionalfernsehen präsentiert und eine vielversprechende Karriere vor sich hat, verfällt dem Charme des älteren Schriftstellers und Lokalprominenten Charles Saint-Denis (François Berléand). Er wird zu ihrem Lehrmeister in Liebesdingen, bevor er sie unerwartet fallen lässt. In ihrer bedingungslosen Liebe zu Charles tief verletzt, lässt sich Gabrielle von Paul Gaudens (Benoît Magimel), dem exzentrischen Sprössling einer großbürgerlichen Familie, zu einer Vernunfthochzeit überreden. Die zerstörerische Eifersucht ihres Gatten gegenüber ihrer früheren Liebe endet jedoch in einer Tragödie.

Anhand Gabrielles Zerrissenheit zwischen dem lüsternen Künstler und dem Schnösel aus feiner Familie lässt Chabrol genüsslich zwei gesellschaftliche Milieus miteinander kollidieren, die sich im Alltag wohl eher aus dem Weg gehen: die Diskretion schätzenden alteingesessenen bürgerlichen Eliten und die auf mediale Öffentlichkeit angewiesenen Künstler und Fernsehleute. Beide Gesellschaftskreise seziert er mit gewohnt beißendem Zynismus: hier die Borniertheit und Perversität der Medienwelt, dort die steife Etikette, wo es in jedem Augenblick die Contenance zu wahren gilt. In messerscharfen Analysen, wie beim hohlen Small Talk auf der Benefizgala oder in Charles’ Interview mit einem Literaturkritiker im Fernsehen, führt Chabrol seine Figuren vor.

Die zweigeteilte Frau

Sekundiert wird der Regisseur durch ein perfekt besetztes Schauspielerensemble. Benoît Magimel überrascht mit Schmalzlocke auf der Stirn als schwer fassbarer schizophrener Pseudo-Dandy. Als übersättigter Schürzenjäger und Literaturpreisträger badet François Berléands Figur in Selbstzufriedenheit und der Unterwürfigkeit seiner Frauen. Und Caroline Silhol als Pauls blutleere Mutter Geneviève gibt eine gefühlskalte Strategin, in der sich verstaubter Konservatismus und Raubtierinstinkt bedrohlich vereinigen. Wie in seinem vorangegangenen Film Geheime Staatsaffären (L’Ivresse du pouvoir, 2005) macht Chabrol sich und seinem Zuschauer den Spaß einer Vielzahl versteckter Anspielungen in sprechenden Namen und doppeldeutigen Zeichen. „Deneige“ nennt er seine Kindsfrau, rein wie Schnee. Und die beiden Frauen, die den Schriftsteller umgeben, zeichnen den Horizont für Gabrielles Schicksal vor. Auf der einen Seite steht die konsequent in weiß gekleidete Ehefrau Dona (Valeria Cavalli), von Charles selbst als „Heilige“ bezeichnet, die mit madonnenhafter Nachsichtigkeit die Eskapaden ihres umtriebigen Ehemannes toleriert. Auf der anderen Seite funkelt seine schwarz gekleidete libidinöse Verlegerin Capucine Jamet (Mathilda May), die, in freier Assoziation ihres Namens, „niemals eine Nonne“ sein wird und sexuelle Freizügigkeit lebt. Die Heilige und die Hure: zwischen diesen Polen ist das Frauenbild der Chabrol’schen Gesellschaft immer noch gefangen.

Die naive und offenherzige Gabrielle wird zwar von ihrem verdorbenen Umfeld missbraucht, instrumentalisiert und letztlich fallen gelassen. Jedoch geht die junge Protagonistin nicht an diesem zugrunde. Wenn ihre filmischen Vorgängerinnen in dramatischer Größe um sich schlagend untergehen, tritt Gabrielle am Ende einfach mit einem Lächeln ab. Und Chabrol gönnt sich das Vergnügen, die Geschichte, die unheilvoll mit einem blutrot getränkten Vorspann begann, in einem Zaubertrick aufzulösen.

Trailer zu „Die zweigeteilte Frau“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Berthold Schwarz

Schön geschriebene Rezension, aber der Film wirkte ein bisschen wie die Verhältnisse, die er kritisiert: blutleer und etwas steif. Die Kameraarbeit ist enttäuschend, da fand Woddy Allen in Filmen mit Scarlett Johansson schönere Bilder. Netter Film, der aber nicht so richtig haften bleibt.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.