Die zwei Leben des Daniel Shore

Verwirrstück in den Abgründen der Schuld – Michael Drehers Die zwei Leben des Daniel Shore ist ein frustrierend unentschlossener Film, aber beeindruckend entschlossen inszeniert.

Die zwei Leben des Daniel Shore

Die zwei Leben des Daniel Shore muss man, streng betrachtet, als ein einziges bezeichnen. Das erste ist das Leben der Vergangenheit. Alles ist schon geschehen, die Zeit hat Möglichkeiten in Tatsachen gewandelt, in tödliche Fakten. Das zweite Leben ist das Leben der Gegenwart, inmitten der Unsicherheit, ob die Zukunft sich nach Gesetzen des Schicksals richtet oder dem Diktat des Zufalls unterworfen ist. Und dazwischen gezwängt die Freiheit des Menschen, jene vage Hoffnung, Einfluss ausüben zu können, zu gestalten. Die Freiheit muss sich zu Wehr setzen, wenn sie wirken möchte, auf einer Seite gegen die Ängste des Individuums, auf der anderen gegen die eiserne Hand des Determinismus.

Die zwei Leben des Daniel Shore

Daniel (Nikolai Kinski) findet sich geworfen in diesen allzu menschlichen Konflikt. Früher, das war in Tangier, Marokko. Das waren Momente der Flucht vor einer stockenden Karriere, das waren Momente des Glücks in den Armen einer undurchschaubaren Prostituierten (Morjana Aaloui). Auf dem Anwesen eines zumeist abwesenden Bekannten (Sean Gullette) verliebten sie sich ineinander, sie dachte an Hochzeit, er dachte an den Moment. Sie arbeitete und litt, er blieb allein mit ihrem zehnjährigen Sohn. Lange Nachmittage in der Sonne. Er mochte den Sohn.

Die zwei Leben des Daniel Shore

Jetzt, das ist Stuttgart im Winter. Der Sohn ist tot, zerfetzt liegt er an den Stufen der Terrasse, zwei Stockwerke unterhalb des Balkons. Polizei, Bestechung, Drohungen und eine schnelle Ausreise. Mit einem Trauma im Gepäck zieht Daniel in die Wohnung seiner verstorbenen Großmutter, in eine düstere, geheimnisvolle Welt. Die Bewohner des Hauses sind eigenartige Individuen, eine undurchdringliche Gemeinschaft. Undurchschaubar. Die Concierge (Judith Engel) gleicht einem Besen, steif und dürr, penibel sauber. Die Mieterin nebenan (Katharina Schüttler) ist Sängerin, ein bipolarer Charakter, sexuell verstört. Den Gang hinab wohnt ein eigenbrötlerischer Architekt (Matthias Matschke), schüchtern und möglicherweise pädophil. Denn da gibt es noch den verschlossenen Jungen mit den traurigen Augen (Lukas Mückefuss) von oben und den stets zugeschlossenen Raum gegenüber, am Ende des dunklen Ganges.

Zwei Länder, zwei Leben, zwei junge Knaben. Nach und nach mehren sich die Zeichen, dass Daniel Schuldgefühle hegt für den Tod des Sohnes. Allmählich wandelt sich diese Schuld in Paranoia und in den Willen, nicht noch einmal etwas Derartiges geschehen zu lassen.

Die zwei Leben des Daniel Shore

Die zwei Leben des Daniel Shore ist ein eigenartiger Film. Regisseur Michael Dreher beschränkt sich in seinem Langfilmdebüt auf ein Mindestmaß an Information. Anstatt seine Figuren zu sezieren, ihre Psychologien auszubuchstabieren, verlässt er sich auf Atmosphären und Andeutungen. Die zwei Welten Daniels unterscheiden sich aufs Radikalste in ihrer Inszenierung, in ihren Farben und Räumen. In Tangier ereignet sich vieles am helllichten Tage, im Licht einer kalten Sonne. Blau, Weiß und Grau dominieren. Die Innenwelten des Appartementhauses hingegen sind zwielichtig, braunes Holz und verblichene Tapeten in Grün. Während man bei den Szenen in Marokko oftmals an FilmSturm (2009) von Hans-Christian Schmid denken mag, steht der düstere Wahnsinn des Mietshauses ganz im Zeichen von Roman Polanskis Der Mieter (Le locataire, 1976), der offensichtlich Pate stand für die Gestaltung der Interieurs und die überzeichneten Charaktere.

Die zwei Leben des Daniel Shore

Anfangs nimmt Drehers extremer Gestaltungswille schnell gefangen. In starkem Kontrast zu vielen zeitgenössischen deutschen Filmen entscheidet er sich für Unklarheiten, für eine Filmsprache des visuell Mächtigen, Symbolischen. Schwarze Schlangen in Swimmingpools, Birnen in Knabenmündern. Doch das Spiel mit Andeutungen ist immer ein Drahtseilakt, die Balance zwischen ermüdender Uneindeutigkeit und spannendem Hinweis strauchelt flink, wenn die Substanz mangelt. Mehr und mehr gerinnt Daniels Ringen um Durchblick zu einer Schnitzeljagd aus lose verknüpften Episoden, der Film  mäandert über seine Spielzeit ohne klare Richtung. An die Stelle von bedrohlicher Verwirrung tritt Wirrnis.

Die zwei Leben des Daniel Shore

Die Montage mischt Fragmente der Ereignisse in Tangier mit den zunehmend skurrilen Geschehnissen in Deutschland. Selbstverständlich geht es hier nicht um das Erzählen einer stringenten Geschichte, sondern um den Sog eines interior movement, um ein Auseinanderblättern des verstörten Geistes Daniels. Doch nach der x-ten langsamen Kamerafahrt in die Düsternis eines Hausflurs, untermalt von dräuenden Streichercrescendi, sehnt sich der Zuschauer nach einer bindenden Idee. Als diese zuletzt kommt und der Film daraufhin abrupt endet, fühlt man sich genasführt.

Trotz alledem ist Die zwei Leben des Daniel Shore ein bemerkenswerter Film, auch wenn er letzlich scheitern mag. Das verdankt er seinem äußerst selbstbewussten, einzigartigen Stil. Auch die Schauspieler leisten Großartiges. Kinski gelingt es, mit minimalen Dialogen und ohne nennenswerte Mimik einen Charakter in Schockstarre angesichts des Unverständlichen zu verkörpern. Sean Gullette als mysteriöser Bösewicht atmet noch immer den Wahnsinn seines Mathematikers aus Pi (1998). So verlässt man den Film mit einem sehr speziellen Gemisch an Emotionen, etwas ratlos ob der opaken Geschichte, ein bisschen wütend aufgrund der schwer entwirrbaren Thematik, aber auch fasziniert von Drehers Radikalität und Eigenständigkeit. Ein ungeschliffener Diamant, ein vielversprechendes Debüt.

Trailer zu „Die zwei Leben des Daniel Shore“


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