Die Zeit die bleibt

Kein Wunder geschieht in Ozons achtem Spielfilm, der den Leidensweg eines todkranken jungen Mannes verfolgt. Eine filmische Überraschung auf dem Gang zum sicheren Ende hält der sonst so provokante Filmemacher leider auch nicht bereit.

Die Zeit die bleibt

Das Meer, das Leben und den Tod verbindet eine lange Geschichte. Die Wellen kommen und gehen, geben und nehmen wie es der Kreislauf der Welt seit jeher vorschreibt. Letzte Ruhestätte, Lebensspender und Mythenquell zugleich, bietet das Meer immer wieder Anlass, am jahrhundertealten Teppich aus Sagen zwischen Geburt und Vergänglichkeit weiterzuweben. In den Filmen von François Ozon umspült und verführt es seine Protagonisten, die darin ihr letztes Bad nehmen, um dann mitten aus dem Leben, der Liebe oder dem Gleichgewicht gerissen zu werden. Das Meer destablisiert vor allem in Unter dem Sand (Sous le sable, 2000): Eine heimtückische Strömung verschluckt den Mitfünfziger Jean und lässt seine Ehefrau ohnmächtig im Leben zurück. In Die Zeit die bleibt (Le temps qui reste) wird das Meer zur Projektionsfläche für Erinnerungen an die verlorenen glücklichen Tage, abermals zum Ort der letzten Waschung und der Strand zum Totenbett.

Romain (Melvil Poupaud) muss sterben. Er leidet an Krebs und erfährt davon erst, als es so gut wie zu spät für eine Behandlung ist. Romain ist ein schöner Mann Anfang Dreißig und im Begriff, eine steile Karriere als Fotograf zu machen, als er plötzlich bewusstlos umkippt. Der Blick aufs Meer ist das Traumbild und Leitmotiv, das Romain fortan durch seine Krankheit begleitet. Momente einer längst vergangenen Unschuld am Strand beschwören die Harmonie der Kindertage und die ehemals noch ungetrübte Liebesbeziehung zu seinem Freund Sasha (Christian Sengewald) herauf. Nur die sehnsuchtsvolle Erinnerung ist geblieben, eine Versöhnung mit Familie und Freund angesichts des Todes scheint Romain heuchlerisch. Er entscheidet sich für die Einsamkeit und versucht sein Leben als arroganter Pariser „bourgeois-bohème“ konsequent weiterzuführen, ohne jemanden in sein Geheimnis einzuweihen.

Die Zeit die bleibt

Romain vertraut sich ausschließlich seiner Großmutter (Jeanne Moreau) an, dem einzigen Menschen, zu dem die Beziehung ungetrübt ist und sich durch den nahenden Tod zusätzlich verstärkt. „Du bist wie ich. Du wirst bald sterben.“, beschreibt Romain das intime Band, das sich nach einer gemeinsam mit Nachdenken und Erinnern verbrachten Nacht nur noch enger schnürt. Überhaupt scheint in Die Zeit die bleibt alles in einem seltsamen Einklang zu stehen, denn ein Ereignis reicht dem nächsten trotz anfänglicher zwischenmenschlicher Minenfelder versöhnlich die Hand. Romain schließt Frieden mit sich und zuletzt auch, ohne dass diese es richtig bemerkt, mit dem Rest der Welt. Obgleich Ozon dabei sichtlich bemüht ist, sich in seiner eigenen Sprache auszudrücken, tritt die Erzählung von Romains Sterben durch diese klassischen Versöhnungsmomente, das Revue passieren der Vergangenheit und die Meeresmetaphorik sehr konventionell hervor. So bizarr beispielsweise der verklemmte Liebesakt zu Dritt auch wirken mag, in dem Romain einem kinderlosen Pärchen seinen Samen spendet, so herkömmlich ist es auch, sich vor dem Tod in einem Kind verewigen zu wollen.

Ozon blickt zwar wie gewohnt schonungslos sezierend, aber mit dem pathetischen Auge eines die Schönheit im Hässlichen suchenden Fotografen auf seine Geschichte und entwirft eine irritationslos ineinanderfließende Bildstrecke der sukzessiven Stationen bis zum Tod. Das von ihm erstmalig verwendete Cinemascope-Format unterstützt durch Spielereien mit der Tiefenschärfe die Inszenierung von Einsamkeit und gestaltet in Verbindung mit den häufigen Nahaufnahmen die Gesichter der Protagonisten zu den vielzitierten Landschaften. Der feste und gleichzeitig verlorene Blick des einnehmenden Melvil Poupaud, der die erste zentrale männliche Figur in einem Ozon-Film darstellt, ist genauso eindringlich wie der Charme der von Film zu Film zerbrechlicher werdenden Jeanne Moreau, deren verwelkende Divenschönheit noch eine ganz andere Ebene der Nostalgie und Vergänglichkeit in den Film hineinträgt.

Die Zeit die bleibt

Zusammengehalten von schwermütiger klassischer Musik und gekrönt von der im Meer versinkenden Sonne fügt sich der Film zu einem gefühlsgeladenen, friedvollen Tableau zusammen. Fasziniert vom Tod hat Ozon mit Die Zeit die bleibt nach Unter dem Sand den zweiten Teil seiner geplanten Trilogie zum Thema gedreht und sich dabei unverhofft als Harmoniker entpuppt, der es wegen eines kleinen Zuviels an ozeanischer Emotion nicht schafft, die Urangst des Menschen vor seiner eigenen Vergänglichkeit, das Fatale der Todesgwissheit und den wirklichen Konflikt mehr als schlicht bewegend zu inszenieren. Wie das Leben seines Protagonisten, verblasst somit auch Ozon als aufwühlender Filmemacher, der mit seinen vorangegangenen Werken immer sowohl psychisch als auch gesellschaftlich zu provozieren vermochte und perfide mit den verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung sowie den Erwartungen des Zuschauers jonglierte. Seine Kollegen Patrice Chéreau und Isabel Coixet haben unlängst mit Sein Bruder (Son Frère, 2002) und Mein Leben ohne mich (My Life Without Me, 2003) ähnliche Geschichten verfilmt, es dabei jedoch verstanden, das quälend Unversöhnliche zwischen Leben und Tod eindrucksvoll und kitschfrei auf die Leinwand zu holen; ersterer mit schmerzender Oberfläche, zweitere mit erfrischendem Mut zur Introspektion. Ozon indes filmt bloß die Schnörkel. Überraschend ist sein Film nur in seiner unerwarteten Langeweile.

Trailer zu „Die Zeit die bleibt“


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