Die Wölfe

Zeichen des Niedergangs: Steve Carvers letzte Regiearbeit war zugleich einer der letzten Filme mit Raimund Harmstorf, produziert von Artur Brauners CCC. Doch das Wohlwollen angesichts dieser Namen, die einst für großes deutsches Kino standen, verwandelt sich im Laufe von Die Wölfe eher in Mitleid.

Die Wolfe 01

Dass Geschichte sich dialektisch entwickelt – nicht in einer ständigen Vorwärtsbewegung, sondern als Wechselspiel von Fortschritten und Rückschlägen –, ist eine Erkenntnis, die Georg Wilhelm Friedrich Hegel einen Platz im Pantheon der Philosophie sicherte. Sie lässt sich natürlich auch auf die Filmgeschichte anwenden und vor allem auf den Genrefilm, bei dem sich kurzlebige Trends und Moden besonders volatil herausbilden und gegenseitig ablösen. Filmemacher, die sich Horror-, Action- oder Science-Fiction-Filmen widmen, haben dann auch selten eine lange Halbwertszeit: Der heiße Scheiß von heute ist morgen schon Schnee von gestern.

Regisseur ohne Eigenschaften

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Steve Carver ist ganz gewiss kein Name, der genießerisch-wissendes Zungeschnalzen hervorruft. Aber immerhin hat der Mann, der sein Handwerk in der Talentschmiede von Roger Corman erlernte, mit Der Gigant (An Eye for an Eye, 1981) und McQuade, der Wolf (Lone Wolf McQuade, 1983) zwei Filme gemacht, die innerhalb des Actionfilms der 1980er Jahre nicht ganz unbedeutend sind: Ersterer markiert den Übergang vom relativ unspektakulären Frühwerk des einstigen Karate-Champs Chuck Norris zu den ruppigen Knochenbrecher-Epen, mit denen der wohl stoischste aller Actionhelden berühmt wurde; letzterer gilt nicht wenigen als bester Film des überzeugten Vollbartträgers. Viel mehr kam für Carver danach nicht mehr. Es verwundert nicht wirklich: An seinen Filmen weist nichts auch nur annähernd auf einen hinter ihnen stehenden Autoren hin. Selbst für einen sogenannten Auftragsfilmer – und ein solcher war Carver wohl – sind sie auffallend persönlichkeitsarm. Seine Karriere verläuft sich in den 1990er Jahren und endet mit Die Wölfe (The Wolves, 1996), einem Abenteuerfilm, dem man an allen Ecken und Enden anmerkt, dass sein Budget mit den Ambitionen nicht Schritt halten kann.

In Die Wölfe kommt das Geschwisterpärchen Blackie (Darren Dalton) und Barbara (Kristen Dalton) in der Wildnis von Alaska an, um dort Land zu besichtigen, das sie geerbt haben. Empfangen werden sie von King (Raimund Harmstorf), der mit seinen Schergen ein Menschenleben auf dem Gewissen hat. Er will die Neuankömmlinge loswerden, weil er eigene Pläne mit dem Land hat. Ein Indianer soll ihm dabei helfen, freundet sich aber mit den Geschwistern an und hilft ihnen im Kampf gegen King, der sich als rücksichtsloser und profitgeiler Umweltsünder erweist.

Zerfahrene Öko-Mystik mit Seewolf

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Inspiration für diesen Öko-Abenteuerfilm war möglicherweise der zwei Jahre vorher entstandene Auf brennendem Eis (On Deadly Ground, 1994): Parallelen sind jedenfalls unverkennbar, könnten aber auch einfach nur daher rühren, dass ökologisches Bewusstsein und Naturmystizismus seinerzeit en vogue waren. Die Häufung ähnlicher Filme in jener Zeit, etwa Ryszard Bugajskis Die Rache des Wolfs (Clearcut, 1991) oder auch Halbblut (Thunderheart, 1992), ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen. In Carvers Film werden diese Aspekte allerdings ziemlich ungeschickt miteinander verquickt: King verscharrt in großem Stil Giftmüll in einem Naturidyll, das von Szene zu Szene anders aussieht (offensichtlich wurde sowohl an ganz unterschiedlichen Orten wie auch zu unterschiedlichen Jahreszeiten gedreht), aber außer ihm und seinen genauso schurkischen Vertrauten scheint das keiner mitzubekommen. Milchbubi Blackie wandelt sich innerhalb weniger Szenen vom ahnungslosen Stadtmenschen zum Indianer der Herzen, der auf dem Höhepunkt des Films von einem Wolfsrudel gesund gepflegt wird und am Ende allein in der Wildnis zurückbleibt, weil er hier sein Glück gefunden haben will. Wenn er meint. So einfach die Geschichte ist, so spannungsarm wird sie erzählt: Der holprige Schnitt, ein furchtbar unpassender Konservenscore und die unelegante Synchronisation der deutschen Fassung helfen auch nicht gerade. Lediglich die Naturaufnahmen lassen etwas Stimmung aufkommen und halten bei Laune. Nein, hier geht wirklich nicht viel zusammen und das anfängliche Wohlwollen verwandelt sich bald in Mitleid.

Nur noch bröckelnder Putz

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Produziert wurde der Film von Wolf Brauner unter dem Siegel der CCC seines Bruders Artur „Atze“ Brauner – einem der wenigen Filmmogule, die Deutschland nach Hollywoodschem Vorbild hervorbrachte, und der auch das Drehbuch zu Die Wölfe schrieb. In den 1950er und 1960er Jahren machte Brauner großes deutsches Unterhaltungskino, lieferte sich mit Horst Wendtland einen spannenden Zweikampf um die Gunst des Publikums, und feierte auch den ein oder anderen Kritikererfolg (etwa mit Robert Siodmaks Die Ratten von 1955). Auf einem sich verändernden Markt geriet Brauner in den 1970ern dann ins Hintertreffen: „Opas Kino“, für das auch er in den Augen der Protagonisten des Neuen Deutschen Films stand, war nicht mehr gefragt. Trotzdem machte Brauner immer weiter: Seinen bis heute letzten Film produzierte er 2011 im stattlichen Alter von 93 Jahren. Doch auch wenn er nach Die Wölfe noch weiterarbeitete, handelt es sich doch um einen Film, der bereits alle Zeichen des Niedergangs trägt. Harmstorf, der einst Kartoffeln mit der bloßen Hand zerdrückt hatte, nahm sich nur zwei Jahre später das Leben, verarmt, depressiv und schwer krank, Steve Carver beendete seine Karriere. Der Actionfilm der Achtziger war tot – was wenige Jahre zuvor noch funktionierte, wollte 1996 schon niemand mehr sehen. So sieht man in Die Wölfe nur noch den bröckelnden Putz, spürt die Resignation des einsamen Marathonläufers, der weiß, dass alle anderen schon längst im Ziel sind, und die Zuschauer bereits auf dem Nachhauseweg.

Trailer zu „Die Wölfe“


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